Samstag, 19. Januar 2019

Wigald und seine Wurzeln



Ich heiße Wigald. Komischer Name, gell? Ich bin in meinem ganzen, mittlerweile fünf Dekaden umspannenden Leben erst ein einziges Mal einer weiteren Person begegnet, die Wigald heisst. Oder besser: hiess. Ich las den Namen nämlich in einer Todesanzeige. Ein gewisser Wigald von Bremen war gestorben, wohnhaft ebendort. Mitte der Neunziger, als „Die Doofen" für Furore sorgten, soll angeblich ein Fan seinen Sohn „Wigald" genannt haben, aber verlässliche Infos habe ich nicht. Womöglich hat der Betroffene sich inzwischen umtaufen lassen, in Elvis, Ingmar oder Rüdiger. Falls dieser Text jemals von irgendeinem anderen Wigald als mir gelesen werden sollte: Bitte melden! Ich spendiere ein gemeinsames Heissgetränk. 

Ganz offenbar sind wir Wigalds nur wenige, und ich kann nicht ausschließen, dass ich sogar der einzige lebende Träger dieses Namens bin. 

Wie sich das anfühlt? Naja, ein bisserl einsam fühlt man sich schon. Manche Menschen brauchen ein Weilchen, bis sie sich meinen Namen merken können, aber wenn sie ihn drauf haben, vergessen sie ihn auch nicht mehr. Mir sind inzwischen allerlei Schreibweisen bekannt: Wiglaf, Wiggerl, Wiegalt, und auch die Scherzfrage „Wigald ist denn draußen?" ist mir schon untergekommen. Ein spezieller Name, soviel ist sicher, schenkt dem Träger das Bewusstsein, etwas besonderes zu sein, ein Solitär, und dieses Alleinstellungsmerkmal hat den schönen Vorteil, dass man es sich nicht erarbeiten muss - es begleitet einen lebenslang, ganz ohne Schufterei. Perfekt für Faulpelze wie mich. 

Warum heisse ich so? Ich komme aus Wildeshausen. Der eine oder andere kennt diese Stadt von der Autobahn - zwischen Osnabrück und Bremen liegt die Autobahnraststätte gleichen Namens. Insider verbinden mit Wildeshausen vor allem das Gildefest, auf das ich bei Gelegenheit ausführlich zu sprechen kommen werde, handelt es sich doch um eine der ehr- und denkwürdigsten Festveranstaltungen aller Zeiten. Im Namen Wildeshausen steckt das Adjektiv „wild", das bestens zur Feierfreude der Bewohner passt. Eigentlich jedoch bedeutet der Name nicht etwa, dass an diesem Ort die Wilden hausen, sondern Wildeshausen ist die moderne Form von „Wigaldinghus" - das Haus des Wigald. Im Jahr 839 stiftete Wicbert, der Sohn des Sachsenherzogs Wittekind, den Ort, und Waltbert, Enkel Wittekinds, fand hier seine letzte Ruhestätte. Wittekind, Wicbert, Waldbert - ganz schön viele Ws; der Buchstabe W scheint damals schwer in Mode gewesen zu sein. Um welche Person es sich allerdings bei „Wigald" handelte, konnte mir noch niemand genau sagen. Ich behaupte gerne, es habe sich um einen Ritter im Gefolge Wittekinds gehandelt. Das klingt einigermaßen schlüssig. 

Was sich mein Vater bei dieser Namensgebung gedacht hat? Er war heimatkundlich interessiert, ach was, er glühte vor Liebe zu seiner Heimatstadt und glüht noch heute. In meinem Namen wollte er diese Liebe dokumentieren. Die Heimatliebe wurde mir also buchstäblich in die Wiege gelegt. 

Die Bonings sind eine uralte Sippe aus dem Oldenburgischen. In Goldenstedt befindet sich der Boningsche Hof; bereits 1500 betrieb auf ihm ein gewisser Johan Bonink seine  Landwirtschaft. Noch heute läuft der Laden und wird ab und zu von Amerikanern namens Boning besucht, Nachkommen von Auswanderern, denen der Bauer ein familienkundliches Info-Büchlein auf Englisch in die Hand drückt. „Da hebbt je wat to lesen" sagt der Bauer dann, auf Platt - der eigentlichen Muttersprache meiner Familie. „Boning" hat im Englischen übrigens zweierlei Bedeutungen: Erstens ist Boning ein Fachbegriff aus der Metzgersprache und meint das „Entbeinen", also die Trennung von Knochen und Fleisch, und zweitens handelt es sich um ein äußerst vulgäres Slangwort für Geschlechtsverkehr - und zwar speziell jene Bewegungen, die hierbei gemeinhin vom Mann ausgeführt werden. Ja, auch das Nicht-Auswandern hat gewisse Vorteile, denn im Deutschen schwingen beim Namen Boning weder Schlachthof noch Lotterbett mit. Aber völlig unsexy ist der Name auch im Deutschen nicht: „Ing" bedeutet in germanischen Sprachen „die Nachkommen von", also in diesem Fall von „Bo", und hierbei habe ich sogleich Bo Derek vor Augen, Sexsymbol der 80er Jahre und bekannt durch die Verführungsszene im Bolero-Blockbuster „10-die Traumfrau". Als ich noch klein war, schwadronierte mein Papa auch gerne von „Bonus", der Häuptling, um uns so‘ne Art Adelsherkunft anzudichten, aber als ich grösser wurde, hörte er mit dem Quatsch auf. Adelig waren die Bonings nämlich nie, sondern, im Gegenteil, bettelarme Moorbauern, auf deren torfigen Äckerchen lediglich eine einzige Feldfrucht gedieh: Buchweizen, ein Gras mit eher bescheidenem Nährwert. Zudem verdingten sich die Bonings noch Anfang des 20. Jahrhunderts als sogenannte Hollandgänger. Was das ist? Ein Hollandgänger ging im Sommer zu Fuss indie Niederlande und half dort bei der Heuernte. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang schwang er die Sense, während der holländische Vorarbeiter alle zwei Stunden ausgetauscht wurde. Es war bis zur Generation meines Urgroßvaters bei den Bonings allgemein üblich, mit 40 an den Folgen chronischer Mangelernährung oder ganz einfach an Altersschwäche zu sterben. 

Erst mein Opa Georg brachte es zu bescheidenem Wohlstand, mit eigenem Plumpsklo und dazugehörigem Häuschen. Ihm gelang dies als Eierhändler. Noch bevor der Morgen graute, zog er seinen Bollerwagen von Bauernhof zu Bauernhof und kaufte Eier an. Satte 20 Kilometer legte er so jeden Tag zurück. Einen Grossteil seines Lebens verbrachte Opa Georg jedoch beim Militär. Als der erste Weltkrieg ausbrach, befand er sich am Ende seines zwölfjährigen Wehrdienstes. Ausscheiden ging jetzt natürlich nicht mehr; er behielt die Uniform an und wurde an die Westfront geschickt. Dort muss er sich irgendeine Disziplinlosigkeit erlaubt haben, jedenfalls wurde er umgehend einer Strafkompanie zugeteilt, deren Aufgabe darin bestand, die Leichname gefallener deutscher Soldaten unter Zuhilfenahme von Hammer und Axt in handlichen Schachteln zu verstauen, um sie so für den Bahntransport nach Berlin vorzubereiten. Dort sollte nämlich, so plante man es jedenfalls im Spätsommer 1914, ein zentraler Ehrenfriedhof für die deutschen Soldaten angelegt werden. Als sich bald darauf abzeichnete, dass der Krieg keineswegs binnen Wochen vorbei sein würde und die Zahl der Gefallenen um das eine oder andere Milliönchen 

über dem prognostizierten Blutzoll lag, gab man die Friedhofsplanungen auf und begrub direkt an der Front - wenn man nicht sowieso von den Granaten gemörsert und untergepflügt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Opa Georg bereits einen veritablen Dachschaden davongetragen und war überdies zum Säufer geworden. Verdun, Somme, Ypern: Im weiteren Kriegsverlauf machte er alle grossen Schlachten mit und kehrte schwer traumatisiert nach Wildeshausen zurück. Seine, wie man sie heute nennen würde, „posttraumatische Belastungsstörung" äusserte ich nicht zuletzt darin, dass er ihm wohlbekannte, aber auch wildfremde Leute kurzerhand verprügelte, wenn ihm danach war. Seiner Alkoholsucht versuchte er mithilfe eines Gelübdes Herr zu werden, war er doch streng katholisch, so wie überhaupt alle meine Vorfahren väterlicherseits. Der Südteil Oldenburgs, das Oldenburger Münsterland, ist die katholischste Region, die man sich nur ausmalen kann, und die Religion wirkt noch heute tiefer in alle Aspekte des Alltagslebens als anderswo. Nirgendwo sonst erzielt z.B. die CDU sattere Mehrheiten. In dieser Gegend kam es auch zu einem der wenigen echten Aufstände während des dritten Reiches. Der Grund: 1936 sollten aus allen Schulen die Kruzifixe entfernt werden, wofür Gauleiter Carl Röver von aufgebrachten Bauern mit der Mistgabel bedroht wurde, was zur Rücknahme des Erlasses führte. 

Nun befindet sich Wildeshausen nicht im Oldenburger Münsterland, sondern knapp nördlich der Konfessionsgrenze, und nur etwa ein Siebtel der Bewohner war katholisch. Mein Opa, dieser tiefgläubige Choleriker mit der losen Faust sah sich einer evangelischen Übermacht ausgesetzt, welche seine Laune mit jeder Station seiner morgendlichen Bollerwagentour gründlicher eintrübte. Er hielt die Protestanten für bemitleidenswerte Irrläufer, allesamt dazu bestimmt, wie labbrige Pommes Frites in der Hölle zu schmoren, und umgekehrt betrachteten die Wildeshauser Lutheraner ihre katholischen Nachbarn als verschlagene Halunken, abergläubisch, dumm und kriminell. Man ging sich tunlichst aus dem Weg, zwecks Veilchenvermeidung. Opa Georg heiratete die fromme Maria, lebenslange Kopftuchträgerin und in der Kirche selbstverständlich hinten sitzend, fein säuberlich separiert von den Herren der Schöpfung. Aus Opa Georgs Eierhandel wurde eine wohlsortierte Kurzwarenhandlung, in der Düsternstrasse 13, ein Laden, in dem sich Stammkunden zur Not rund um die Uhr mit allem lebensnotwendigen eindecken konnten. Der Laden befand sich in Sichtweite der Alexanderkirche, ein mächtiges Gotteshaus, in der im Mittelalter eine wichtige Reliquie, nämlich die Gebeine des heiligen Alexander aufbewahrt wurden. Dummerweise war und ist diese bedeutende Kirche seit dem Westfälischen Frieden evangelisch, ein Umstand, der meinen Opa chronisch gereizt haben dürfte. Der Platz vor der Kirche heisst „Herrlichkeit", und genau so sieht das von mächtigen Kastanien beschützte Kopfsteinvieleck auch aus. 

Drei Söhne kamen in diesem Idyll zur Welt: Meine Onkel Andreas und Willy, und nach fünf Fehlgeburten als Nachzügler im olympischen Jahr 1936 mein Vater Heinrich. 

Opa Georg war ausgesprochen bildungsbeflissen, dabei fernab aller Akademismen. Bezugnehmend auf seine Mitwirkung am Weltkrieg pflegte er zu sagen: „Mit nur acht Jahren Volksschule haben wir immerhin halb Europa in Schutt und Asche gelegt!" Seinen Wissensdurst stillte er mit täglicher, akribischer Zeitungslektüre. Als Katholik wählte er in den Weimarer Jahren selbstverständlich die Zentrumspartei, lehnte die „gottlosen" Nazis ab, war aber gleichzeitig nicht frei von antisemitischen Denkweisen, hatten die Juden doch „den Heiland ans Kreuz geschlagen", wie man in diesem Milieu zu sagen pflegte. 

Sein Sohn, mein Onkel Andreas, begeisterte sich bereits für die Luftfahrt. Jungen wie er waren dem dritten Reich sehr lieb: Ihr Interesse wurde per Modell- und Segelflugausbildung so früh wie möglich militärisch nutzbar gemacht. Als der zweite Weltkrieg begann, hatte er seine Pilotenausbildung noch nicht abgeschlossen und diente als Feuerwehrmann auf dem Fliegerhorst in Wilhelmshaven. Bei einem der ersten Luftangriffe auf den Flughafen geriet eine Halle in Brand, in der ein mit Kerosin gefülltes Tankfahrzeug geparkt waren. Todesmutig setzte er sich ans Steuer und fuhr den Laster aufs Rollfeld. Er war noch Teenager, als er für diese Heldentat das Deutsche Kreuz erhielt, den höchsten Orden, mit dem man bei Hitler als Zivilist dekoriert werden konnte. 

Sein Bruder Willy war durch diese Heldentat angespornt, mindestens ebenso schneidig, kühn und tapfer Führer und Volk zu dienen. Willy wurde Heeresoffizier, ebenfalls ein Held mit Ordenszertifikat. Er kämpfte an der Ostfront, auf der Krim, erlitt einen Lungensteckschuss und wurde nach der Invasion der Alliierten in Frankreich in die Häuserkämpfe um belgische Städte geschickt. Seine grösste Leistung war gewiss, dieses Inferno zu überleben - im Gegensatz zu Onkel Andreas, der 1944, als es keinen Treibstoff mehr gab und sein Flugzeug am Boden bleiben musste, in der Eifel beim Ausheben von Schützengräben gefallen ist. Seine Erkennungsmarke wurde erst in den 80ern gefunden; er galt lediglich als vermisst, was zur Folge hatte, dass Opa Georg bis an sein Lebensende auf eine Rückkehr seines ältesten Sohnes hoffte. 

Mein Vater Heinrich gehört einem sogenannten „weissen Jahrgang" an: Er war zu jung, um in der Wehrmacht zu dienen, und zu alt die neu geschaffene Bundeswehr. Zu Heldentaten nach dem Vorbild seiner beiden großen Brüder hatte er also - Gottseidank - keine Gelegenheit. Seine Kühnheiten lebte er ausnahmslos im Zivilleben aus, genauer gesagt: In den Wildeshauser Kneipen. 33 Schankwirtschaften gab es in den frühen Fünfzigern in meiner Geburtsstadt, und ein „Zug durch die Gemeinde" war erst dann komplett, wenn in ausnahmslos allen Gaststätten mindestens ein Glas Bier verzehrt worden war. Wenigstens musste er nicht mit leerem Magen auf Tour gehen: Im Eierhandel gibt es täglich Verluste, das sogenannte Knick-Ei. Im Hause Boning war Knick-Ei Grundnahrungsmittel Nr.1. Morgens, mittags, abends folgte Ei auf Ei; nur manchmal unterbrach ein Buchweizenpfannkuchen, die Leibspeise meines Opas, den Eireigen. Nicht nur durch den Verzehr von Knick-Ei unterstützte Heinrich seinen Vater, sondern auch, indem er lange Listen mit möglichst realistisch klingenden, aber fiktiven Hofnamen wie Drögenhasen-Meyerdierks oder Stoltenpiening und den angeblich dort erworbenen Eiern verfasste. Für jedes gehandelte Ei gab es nämlich in der Nachkriegszeit eine Subvention von 1 Pfennig pro Stück. Opa Georg beschiss den Staat zunächst gern, hielt er die Bundesrepublik doch für blanken Humbug, ebenso wie ihre Vorgängerorganisationen. Als weltliche Autorität respektierte er ausschließlich den Fürstbischof von Münster, den man allerdings bereits 1803 entmachtet hatte. Nach einigen Jahren Subventionsbetrug ergriffen ihn denn doch gewisse Zweifel, und er vertraute sich seinem Bruder Theo an, der es als Jesuit bis zum Theologieprofessor gebracht hatte und dabei Sinn für die schönen Seiten des Lebens hatte; unter anderem hatte er mehrere uneheliche Kinder gezeugt. Der gewiefte Geistliche rechnete Georg seine Verluste infolge der Währungsreform vor, und als dies Opa Georgs Gewissen immer noch nicht beruhigt hatte, verwies er ihn auf meinen Onkel Andreas, der ja irgendwann den Laden übernommen hätte, aber gefallen war, wofür unzweifelhaft das Deutsche Reich die Verantwortung trug. Der Wert eines Menschenlebens sei in Eiern natürlich kaum zu bemessen, geschweige denn in Subventionspfennigen - Pater Theo erklärte darum Opas schlechtes Gewissen für unbegründet, Beichte überflüssig, weitermachen, dankeschön. Schade, dass ich Onkel Theo nicht kennengelernt habe. Auch Kirchenleute haben manchmal das Zeug zum Anarchisten. Theo schloss zum Beispiel liebend gerne sogenannte Onkel-Ehen. Seit Bismarck ist eine Ehe in Deutschland nur gültig, wenn sie von einem Standesbeamten geschlossen wird. Ein Pfarrer darf nur ein Paar trauen, das bereits standesamtlich verheiratet ist. Onkel Theo pfiff auf diesen „Bismarck-Quatsch" und traute heimlich bei sich zu Hause Paar auf Paar. Ehegattensplitting gab’s damals ja noch nicht, die standesamtliche Ehe brachte eher finanzielle Nachteile, etwa bei der Rente. Also traute Theo, wer wollte, auch gegen das Gesetz. „Onkel-Ehe" nannte man diese Lebensform, weil das Ehepaar der Öffentlichkeit eine Verwandtschaftsbeziehung vorgaukelte, etwa beim Einchecken im Hotel.

Wo war ich? Ach ja; bei meinem Papa und seiner Beihilfe zum Subventionsbetrug. Das Verfassen der fiktiven Listen dürfte das literarische Talent meines Vaters genährt haben. Mein Papa iat nämlich, mehr noch als ich, ein Mann des Wortes. 


1953 schloss er sich dem Brummkreiselverein an, einem frisch gegründeten Herrenklub, der sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Brummkreiseln zur olympischen Disziplin zu machen. Jedes Vereinsmitglied trug einen Meistertitel, der die vereinsinterne Aufgabe des Trägers verriet; mein Vater wurde zum Waldmeister ernannt, also zuständig für die Beziehung zum Zeitungswald, er war also, profan ausgedrückt, Pressewart. Im olympischen Zyklus wandte der Verein sich mit seinem Anliegen brieflich an das NOK, das allerdings lediglich mit Verströstungen reagierte, wenn überhaupt. Im Mittelpunkt der Vereinssitzungen stand die Geselligkeit- und so ist es noch heute, wobei inzwischen noch ein anderer Akzent hinzugekommen ist, doch dazu später mehr.

In den Fünfziger Jahren jedenfalls, als junger Mann, genoss Heinrich in Wildeshausen einen eher zweifelhaften Ruf. Ein ewig saufender, raufender Draufgänger - das war Heinrich Boning. Und dabei - aus Sicht der evangelischen Bevölkerungsmehrheit- klerikal durchseucht. Mein Papa hatte  sogar mit dem Gedanken gespielt, Geistlicher zu werden, so wie Onkel Theo. Endgültig verabschiedete sich Papa von der Kirchenkarriere wohl erst, als er meine Mama kennenlernte. Die war nämlich evangelisch, und deren Liaison veränderte alles. Vor allen Dingen für mich. 

Meine Mama heisst Rita, und sie ist eine geborene Kaminski. Das ist im polnischen ein Allerweltsname, so‘ne Art Müller oder Meier. Mütterlicherseits habe ich nämlich allerlei polnische Vorfahren. Da gibt es einen Steueraufseher namens Nepomuk Bogdanski, der sich, als ihm die Steueraufsicht gar zu unsexy wurde, als Bauarbeiter auf den Baustellen des Deutschen Reiches verdingte. Ok, vielleicht ging’s ihm hierbei weniger um Sexyness als eher um die Penunzen - seine Beweggründe sind nicht überliefert. Jedenfalls half mein Urururopa mit, Wilhelmshaven aufzubauen. Jenen Marinehafen, von dem aus Kaiser Wilhelm II seinen englischen Verwandten herausfordern wollte. Zu den Hollandgängern väterlicherseits gesellen sich also Gastarbeiter auch auf der anderen Seite; das Nomadische, die Arbeitsmigration steckt mir beidseitig in den Genen.

Wilhelmshaven ist heute eine schrumpfende Stadt, für Nichteingeweihte ein zugiger, nicht gerade muckeliger Ort. Doch wenn ich die steife Nordseebrise um die bröckelnden Gründerzeitfassaden pfeifen höre, denke ich mir sogleich allerlei polnische Satzmelodien hinzu und sehe ein pfiffiges Männchen mit großen, etwas traurigen Augen und einzeln, asymmetrisch-isoliert emporzuhebenden Augenbrauen. Nepomuk Bogdanski heiratete ein Fräulein Röhm, deren Vorfahren aus Waihingen in Württemberg nach Friesland gekommen waren, so wie auch SA-Chef Ernst Röhm aus Waihingen stammte, der bis 1934 Hitlers enger Weggefährte war, dann in der „Nacht der langen Messer" auf Geheiß seines Führers ermordet wurde. Womöglich bin ich also auch mit einer Nazi-Grösse entfernt verwandt, wobei man derlei nicht überbewerten sollte, wir Menschen sind ja alle mehr oder weniger miteinander verwandt. Der Pole Nepomuk Bogdanski und seine württembergisch-friesische Gattin zeugten jedenfalls einen Sohn, in dessen Namen Bogdanskis Bekenntnis zum Deutschen Kaiser steckte: er hiess nämlich Wilhelm, geboren in Wilhelmshaven. Wilhelm aus Wilhelmshaven wurde Werftarbeiter (schon wieder so viele Ws) und erfreute sich eines überaus vielseitigen Schwiegersohns, nämlich Gerhard Tiarts. Gerhard war zunächst einer jener Germans, die to the front geschickt wurden und nahm 1900 als Marinesoldat am Boxeraufstand in China teil. Jeden Tag schrieb er eine Feldpostkarte über Land, Leute und den Verlauf der Feindseligkeiten. Dann wurde er Bankangestellter und brachte es, offenbar ohne die eigentlich nötige Ausbildung, zum Filialleiter bei der „Darmstädter und Nationalbank". Als diese nach dem schwarzen Freitag 1929 als erste deutsche Bank pleite ging, verlor er seinen Job und „erfand sich völlig neu", wie man im Showgeschäft zu sagen pflegt, er wurde nämlich Erlebnisgastronom. Der nicht mehr ganz unbetagte Jungunternehmer erwarb den Dötlinger Hof, eine Ausflugsgaststätte, nicht weit von Wildeshausen, und kombinierte Speis und Trank mit Auktionen. Gerhard höchstpersönlich schwang den Hammer, verkloppte Kleider, Ölbilder, Nähmaschinen, und seine Tochter, meine Oma Gerda half ihm als Nummerngirl und Assistentin. Sie begleitete ihn auch, wenn er sich als Sänger dem klassischen Kunstlied widmete. Seine Spezialität waren der Erlkönig und die anderen Meisterballaden von Carl Loewe. Bankdirektor, Auktionator, Bariton: Gerhard dürfte durchaus über Showtalent verfügt haben; er war ein musikalischer, autodidaktischer Allrounder, in dem ich mich mühelos erkenne. Seine Tochter war aber auch nicht ohne: In den Zwanziger Jahren hatte Oma Gerda sich als sogenannte Beiköchin auf der Nordseeinsel Norderney verdingt, und konnte daher bis an ihr Lebensende erstklassig kochen, vor allem Klassiker aus der Vorkriegszeit, Hochzeitsuppe, Dorschleberragout und Hühnerfrikassee im Reisrand. Später arbeitete sie als freischaffende Buchhalterin für allerlei Wildeshauser Firmen, und mein Papa behauptet gerne, alle Firmen, deren Bücher von Oma Gerda geführt wurden, seien früher oder später pleite gegangen. Als Beispiele führt er gerne die Schlachterei Knoblauch an. Meine Mama bestreitet vehement jeden Zusammenhang; keine Ahnung, wer von den beiden Recht hat. Oma Gerda jedenfalls ist unter meinen Großeltern die einzige Verteterin, die ich persönlich kennengelernt habe. 1911 geboren, war sie als Kind in den Genuss geraten, den leibhaftigen Kaiser Wilhelm II beim Flottenbesuch in Wilhelmshaven mit eigenen Augen zu sehen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde sie ein immer zarteres Persönchen, dessen wesentliches Merkmal für mich Disziplin war: Noch in ihren 90ern sah ich sie ausschließlich fein frisiert, wie aus dem Ei gepellt, in eleganter Garderobe. Mit ihrem Mann, meinem Opa, hatte sie zwei Töchter. Die jüngere, meine Mama, zeugte er auf Fronturlaub 1943, ehe er wieder Richtung Ostfront entschwand. Während der Schwangerschaft wurde Oma im Rahmen der „Aktion Gomorrha" in Hamburg ausgebombt, flüchtete mit meiner damals 3 Jahre alten Tante Elsbeth und meiner Mama im Bauch nach Wildeshausen. Gerdas Mann, mein Opa starb 1945 in einem Moskauer Krankenhaus, meine Mutter hat er, sie ihn nie gesehen. Fortan stand Oma Gerda einem Vier-Frauen-Haushalt vor, denn neben ihren Töchtern war auch ihre Mutter, meine Uroma Frieda mit an Bord. An Frieda, die kurz vor meiner Einschulung starb, habe ich ganz konkrete Erinnerungen: die stille Frau trug grundsätzlich ein langes, schwarzes Kleid, dazu einen Kohlrabi-grossen Dutt, aß nach jeder Mahlzeit eine gesalzene Pellkartoffel und sagte mit Vorliebe: „Noch ist Polen nicht verloren!"

Ich habe mich nie getraut, zu fragen, glaube aber zu wissen, dass es kaum je wieder ein Mann ins Herz meiner Oma geschafft hat. Familie - das war bei den Kaminskis fortan eine rein weibliche Angelegenheit, was aber nach dem Krieg in Deutschland gewiss kein Einzelfall gewesen sein dürfte. Auch habe ich meine Oma nie gefragt, was sie in der Weimarer Republik gewählt hat und was sie von Hitler hielt. Wählte sie SPD? Hatte sie, wenigstens in den ersten Jahren, Sympathien für die Nazis? Ihre Schwester jedenfalls wurde Ortsbauernführerin und musste nach dem Krieg zur Entnazifizierung in ein britisches Internierungslager. 

Währenddessen sassen die ausgebombten Kaminski-Damen in Wildeshausen, die krähenden Töchter gehüllt in Hungertücher. Mangels Geschäftstätigkeit gab es für freischaffende Buchhalterinnen noch nicht allzu viel Arbeit - was also tun? Oma Gerda übernahm eine der 33 Wildeshauser Kneipen, nämlich die Gaststätte von Peter Tüt, und praktischerweise gehörte zu dieser Kneipe auch eine Wohnung, direkt über dem Schankraum. Wo sich meine Mama und mein Papa erstmals begegneten, lässt sich unschwer erraten, nämlich am Tresen dieser Gastwirtschaft. Dummerweise befand sie sich am Ende jener Kneipentour, die damals regelmäßig von der durstigen Clique meines Vaters unternommen wurde. Tauchte mein Vater im Etablissement seiner zukünftigen Schwiegermutter auf, hatte er bereits eine hohe zweistellige Anzahl Biere intus, was seiner Reputation kaum zuträglich war. Außerdem war er ja katholisch, einer von diesen ultramontanen Halunken, Sohn des berüchtigten Cholerikers Georg Boning. Mein Papa war auch nicht leise, und zudem legte der reichliche Hopfensaft eines seiner markantesten Talente überdeutlich frei: Er ist ein hochbegabter Provokateur. Mit nur wenigen Worten, gleichsam im Handstreich, schafft er es noch heute, bei Bedarf uneingeweihte Zuhörer zu irritieren, zu schockieren, auf die Palme oder aber in die Flucht zu zwingen. Von klein auf hatte Heinrich dieses Talent gehegt und gepflegt, wohl weil es zuverlässig in jene heroischen Grenzsituationen brachte, für die seine grossen Brüder extra an die Ostfront hatten reisen müssen. Mein Papa hat’s da einfacher: Überm Schankraum von Tüts Gaststätte tagt regelmäßig der Wildeshauser Ortsverband der Deutschen Reichspartei - in der jungen Bundesrepublik eine rechtsradikale Kleinpartei. Ohne Einladung oder gar Mitgliedschaft, quasi konspirativ, schleuste sich mein Vater mehrfach in diese Versammlungen ein, um mitzudiskutieren, schlaue Fragen zu stellen, die eine oder andere Beleidigung loszuwerden oder auch einfach nur dazwischen zu quatschen. 

Von den Ermahnungen der Alt- und Neunazis liess sich mein Papa nicht beirren - um den Störer loszuwerden mussten sie schon zu anderen Mitteln greifen. Taten sie auch: Sie packten den Suffkopp am Schlawittchen und schmissen ihn die Treppe runter. Als mein punkiger Papa unten angekommen war, blieb er blutend und benommen liegen. Kurz darauf kam meine Mutter des Weges, ein fleißiger Backfisch, gerade dabei, ihrer Mutter im Schankraum zu helfen. Sie nahm sich des verletzten Raudis an und verarztete seine Wunden. Eine Woche später tagte die Deutsche Reichspartei erneut, mein Papa pöbelte wieder schrill, und erneut warf man ihn treppab. Wieder verarztete ihn meine Mutter, und dieser Ablauf wurde bald zu einem Ritual, bei dem irgendwann nicht mehr der Kampf gegen die Völkischen, sondern die Betupfung durch meine Mutter im Vordergrund stand. Oma Gerda war natürlich entsetzt; wie kann man sich mit diesem stadtbekannten Herzjesu-Haudrauf einlassen! Opa Georg war ebenso wenig entzückt. „Wat anners as een Katholsche kummt mi nich in’t Hus!" herrschte er seinen Sohn an, und fast kam es zur Prügelei. Nun könnte man meinen: Druck erzeugt Gegendruck, aber ich als Resultat dieser verbotenen Verbindung bevorzuge ein anderes Deutungsmuster: Die Liebe triumphiert, und wer sich da querstellt, zieht den kürzeren. In der Theorie. In der Praxis standen dem jungen einige harte Jahre bevor, in der beide Schwiegerseiten das sich anbahnende vermeintliche Unglück zu verhindern trachteten. Opa Georg ging am radikalsten vor, und unterhielt sich gar nicht erst mit der Lutherschen an der Seite seines Sohnes. Das Sprachembargo wurde erst gelockert, als ich bereits auf der Welt war. Mein renitenter Großvater besuchte meine Mama am Wochenbett, brachte einen Blumenstrauß und nuschelte ein paar plattdeutsche Brocken, bei denen man aufgrund der gedämpften Lautstärke annehmen konnte, dass es sich um Nettigkeiten handelte. 

Bevor ich jedoch auf die Welt kam, wurde selbige von meinen Eltern erkundet, so gut sie konnten. Beide waren nämlich reiselustig. Mein Papa hatte sogar ursprünglich Reisekaufmann werden wollen und die Bewerbungspapiere bereits an die damals frisch gegründete „Scharnow-Reisen" geschickt. Dann jedoch grätschte sein Vater dazwischen. „Reisekaufmann? Wat schull dat dennsin? Reisekaufmann? Wat wullt je denn da inkopen?" „Na eine Reise! Die Leute wollen nach Italien! Dem Tourismus gehört die Zukunft!" versuchte Heinrich hellsichtig zu erklären, aber das Urteil des alten Herrn stand fest. „De Lüt brukt keen Reisekaufmann- dat is Dummtüch!". Nun war es damals, in den frühen fünfziger Jahren, unabdingbar, dass der Vater die Lehrverträge guthieß. Kurzerhand untersagte er die Ausbildung und schickte Heinrich stattdessen ins Kreditgeschäft. Eine Banklehre, so befand Opa Georg, sei genau das richtige, zumal auch Onkel Willy nach seiner Rückkehr aus dem Krieg eine Banklehre absolviert hatte. Heinrich fügte sich. Zwar war seine Motivation eher mittelmäßig, andererseits entband ihn die Arbeit in dieser Branche von jeglicher Existenzsorge. Meine Mutter war in derselben Branche, lernte bei der Sparkasse, auch sie eher auf der Suche nach einem sicheren Job als einer Faszination für Pinke-Pinke folgend. Umso abenteuerlicher liessen sich da Urlaubsreisen gestalten: 1958 fuhren meine Eltern nach Paris, kauften dort einen Zentner Kondome und schmuggelten die heisse Ware im Zug nach Barcelona. Im Spanien Francos waren Präservative nämlich verboten und darum sehr begehrt. Der Plan sah vor, dass die Urlaubsreise durch den Verkauf der Pariser auf dem Schwarzmarkt finanziert werden würde. Der Verkaufserfolg war eher bescheiden, die Menge schlichtweg zu groß. Womöglich wäre ich acht Jahre früher zur Welt gekommen, meine Eltern nicht auf ihrem Handelsgut sitzengeblieben wären. 



1960 fuhren die beiden in den Urlauben an den Lido de Jesolo. Dort wurde gerade ein Film gedreht, nämlich „1000 Takte Übermut", mit Rex Gildo und Peggy March. Am Strand suchte man Komparsen, und meine Eltern machten gerne mit. Papa bekam sogar eine Sprechrolle: Er sollte Rex Gildo um ein Autogramm bitten. Zwar erledigte er dies mit Bravour, aber die Szene wurde später rausgeschnitten. Am Abend kam es zu einem Streit zwischen meinem Papa und einem der Stars des Films, nämlich Ernst H. Hilbich. Wahrscheinlich war Alkohol im Spiel, jedenfalls kam es wohl auch zu einem Handgemenge, was zur Folge hatte, dass Ernst H. Hilbich am nächsten Tag aufgrund eines Veilchens nur von hinten gedreht werden konnte. Meine Eltern jedenfalls kosteten ihren Starruhm voll aus: Sonnenbebrillt flanierten sie den Rest des Urlaubs an der Adria entlang und liessen sich unzählige Male in Hollywood-Pose fotografieren, um die Bilder daheim in ziegeldicke Alben einzukleben, von meinem sprachlich versierten Vater mit launigen Bildunterschriften veredelt. 

Bestens erholt nahmen die frisch gebackenen Filmstars zwei Weichenstellungen vor: Nach einem Ausbildungsintermezzo in Wilhelmshaven liessen sich meine Eltern in der Stadt Oldenburg nieder, dreißig Kilometer von Wildeshausen entfernt, und mein Vater wurde Richter der Schützengilde. Was das bedeutet? Jedes Jahr zu Pfingsten wird in der Stadt Wildeshausen ein großes Fest gefeiert, nämlich das Gildefest. Seit 1403 existiert die Wildeshauser Schützengilde, ursprünglich wohl so eine Art Bürgerwehr mit eigener Sozialkasse, der „Totenlade" und eigener Rechtsprechung, dem Gildegericht. Sofern man als Mann in Wildeshausen geboren ist oder lange dort gelebt hat, wird man im Normalfall irgendwann Schützenbruder, das heisst: Man trägt in der Pfingstwoche einen schwarzen Gehrock sowie einen Zylinderhut, schultert ein Holzgewehr, dessen Lauf eine Schnittblume beherbergt und marschiert mit aus. Das bedeutet, dass man am Morgen des Pfingstdienstags, dem Hauptfesttag, gemeinsam mit tausenden anderen Schützenbrüdern, gegliedert in 4 Kompanien, von der Wildeshauser Innenstadt zum Festplatz marschiert, der sich im „Krandel" befindet, einem Wäldchen am Stadtrand. An einem Mast ist ein Vogel aus Metall befestigt, der Pagagoy, und wer diesen Vogel mit einem (hier allerdings echten) Gewehr von der Stange schiesst, wird Schützenkönig. Auf dem Festplatz tagt auch das Gildegericht: Festgäste, die sich eines wie auch immer gearteten Delikts schuldig gemacht haben, werden festgenommen, diesem Gericht zugeführt und abgeurteilt. Das Gildefest ist, ums mal ganz nüchtern und unpathetisch auszudrücken, Dreh- und Angelpunkt des Wildeshauser Soziallebens, Kern der Identität dieser Stadt, die prächtigste Blüte ihrer Kultur. Richter bei der Schützengilde zu sein, oder, genauer gesagt: Staatsanwalt, macht den Amtsinhaber zum Träger dieser Kultur, zum Erbwalter, und, sofern er das Amt über längere Zeit mit der notwendigen Hingabe ausführt, gegebenenfalls zur Legende. 

Einerseits in die Fremde ziehen, in das just zur Großstadt gewordene Oldenburg und andererseits das Gildefest nicht nur als einfacher Schützenbruder feiern, sondern in Amt und Würden - das könnte man für einen Widerspruch halten. Vielleicht bedingten sich aber auch Heimweh und Heimatliebesdienst à la „Nähe durch Distanz". Jedenfalls schlüpfte mein Vater in die Robe des Gildestastsnwalts, in der seine kreative Frechheit, sein vorlauter Humor die prächtigsten Blüten trieb. Auf dem Krandel fanden die Gerichtsverhandlungen damals in einer Wellblechbude am Waldrand statt, um besser wahrgenommen zu werden, stand mein Vater auf einem Schemel und stützte sich mit einem Arm an der Budenwand ab, in der anderen hielt er ein stärkendes Kaltgetränk. Papa versah sein Amt nicht nur mit Hingabe, sondern buchstäblich bis es nicht mehr ging - und darüber hinaus. 1970 etwa, als Wildeshausen 800 Jahre alt wurde, stürzte er während eines Plädoyers vom Schemel und brach sich den linken Arm. Nachdem dieser eingegipst war, kehrte er aus dem Krankenhaus zurück zum Festplatz und beendete die Gerichtsverhandlung , bei der es wohl darum ging, dass ein Festgast nachts seine Katze ohne Rücklicht draussen hatte laufen lassen, wofür der Übeltäter geteert, gefedert und in die Hunte gerollt werden sollte - die gängige Vollstreckungsmethode bei Todesstrafen in Wildeshausen. Nun muss man wissen, dass die meisten Verfehlungen vom Gildegericht mit der Todesstrafe geahndet werden, allerdings kann der reuige Kriminelle seine Hinrichtung durch Zahlung eine Geldbuße abwenden. Die so erzwungenen Gelder dienen der Finanzierung der Schützengilde, mithin der Traditionspflege. Im Jahr 1971, ein Jahr später, stürzte mein Vater wieder vom Schemel, landete wieder auf dem linken Arm und kehrte erneut nach kurzer Zeit eingegipst zurück. Spätestens mit diesem Doppelbruch hatte sich mein Vater endgültig seinen festen Platz im Richterreigen der Wildeshauser Schützengilde erbrochen. Als er 2017 nach 50 Jahren sein Amt aufgab, war er zu einer festen Grösse der Stadtgeschichte geworden. Weiterhin aktiv ist er im Brummkreiselverein, inzwischen als sogenannter Altmeister. Alle fünf Jahre verleiht der Verein inzwischen einen Preis, nämlich den „Goldenen Brummkreisel". 2009 ging die Auszeichnung an die ehrenamtlich tätigen Damen eines Sterbehospizes in Wildeshausen. Im Vorfeld der Festveranstaltung unkten Seriösitätsapostel, die vermeintliche Albernheit des Brummkreiselvereins passe nicht zu Krankheit, Tod und Trauer. Die Laudatio meine Vaters betonte jedoch gerade die Zusammengehörigkeit von Freude und Schmerz, von Jokus und Verfall. Sowas kann niemand besser als mein Vater. Ich war nicht dabei, aber ich hörte, dass die Preisverleihung nicht nur nicht peinlich, sondern ziemlich ergreifend gewesen sein soll. 

In all den genannten Vorfahren kann ich mich wiederfinden: Ich bin gern und gut zu Fuss, in mir stecken der Hollandgänger, die Lebenskunst meines Uropas Gerhard; ich kann die Kaminski-Disziplin in meinem Wesen ebenso wiederfinden wie die Boning-Ekstase; meine DNA reicht von der dummen Brutalität der SA bis zur intellektuellen Schärfe des Jesuitenordens, von Buchweizenbauer bis Brummkreiselverein, von Erlkönig bis Schützenkönig, und ausserdem hallen in mir abertausende Knick-Eier nach. Nein, ich korrigiere: Einen Schützenkönig stellten wir Bonings nie, jedenfalls nicht beim Wildeshauser Gildefest - und das ist das einzige, was zählt. Wahrscheinlich hatten all meine Vorfahren immer zu viel Bier und Schluck intus, wenn’s drauf ankam. Aber das kann ja noch kommen. 

Kommentare:

  1. Ein neues Buch? Autobiographie??
    Spannend!:)

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    1. Für eine Autobiografie fühle ich mich noch nicht alt genug. Da fehlen noch zu viele Kapitel.

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  2. Wigald die gilde ist von 1403 nicht 2 sorry

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  3. Trotzdem toll geschrieben. Für den Fehltritt wird dein Papa dich Pfingsten zum teeren und federn einladen 😊

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  4. Hab' mich schmunzelnd und erstaunt durch die wunderbaren und interessanten Ausführungen über deine Vorfahren "gearbeitet" - und mir ist bewusst geworden, wie wenig ich über meine eigene Familiengeschichte weiß. Ich sollte das dringend nachholen, damit das nicht verloren geht.
    Danke fürs Teilen der deinen.

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  5. Ich weiß, dass Heini Boning zumindest einmal König werden wollte.
    Er sagte damals zu Heinrich Reinberg: "Es wird Zeit, dass mal ein Gilderichter König wird!"
    Aber daraus wurde nichts. Die Geschichte dazu ist typisch für die damalige Zeit in der Schützengilde und typisch für Heini Boning.... sehr lustig und schön.

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  6. "Nicht grade muckelig" ... besser hätte man Wilhelmshaven wirklich nicht beschreiben können. ;) Gruß aus Varel

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  7. Ein wirklich toller Text und wenn man die Familie sowie die Stadt kennt, so manch einen Schmunzler wert. Nein, eigentlich habe ich herzhaft gelacht. Und im letzten Satz schreibst Du "Was nicht ist, kann noch kommen" - würde mich freuen, einen König wie dich begleiten zu dürfen - aber für eine Verhaftung reicht es allemal. Gruß aus der Wachkompanie der Wildeshauser Schützengilde von 1403 e.V. ;-)

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