Sonntag, 16. Februar 2020

Niemand ist konservativer als ich

Gerade erst gestern legte ich mir eine moosgrüne Jagdkotze zu, einen ponchohaften Überwurf, unter dem ich aussehe wie ein verschimmelter Inka. 
Zu Hugo Egon Balders bevorstehendem runden Geburtstag werde ich komplett in Halali erscheinen, mit Kniebundhose und Karokniestrümpfen. Hugo hat es sich so gewünscht, quasi als Geburtstagsgeschenk (normalerweise bevorzuge ich Frack und Zylinder, oder wenigstens Kreissäge). Crazy shit? I wo! 
Jeans und T-Shirts gehen mir nicht zuletzt als Anglizismen auf den Zeiger, zumal das Amerika Trumps und BoJos Königreich derzeit nicht zu meinen Traumdestinationen gehören. 
Lieber spreche ich Französisch, die Sprache jener Diplomaten, die noch anständig mit Messer und Gabel essen konnten. Wenn‘s nach mir ginge, wäre Französisch die Lingua franca der EU - aber ich werde wahrscheinlich auch heute wieder ungefragt bleiben. Das ist nicht schlimm; Trost finde ich bei Lully, Goethe, John Cage, Coltrane und Emily Dickenson (Sie müssen nicht googeln; sind alle tot) und natürlich bei meiner Frau (quitschfidel und puppenlustig). Geheiratet haben wir im Kloster St. Ottilien, und getraut hat uns der Erzabt der Missionsbenediktiner. 
Meine Frau ist Opernsängerin und Wissenschaftlerin (sie hat zum Thema „Funktionale Gesangspädagogik im psychiatrischen Setting“ promoviert), und viele Sonntagvormittage verbringt sie singend auf Kirchenemporen (während ich die Kinder hüte). 
Für meine eigenen Gebete bevorzuge ich leere Gotteshäuser, wobei ich den lieben Gott selten um etwas bitte, mich dafür umso inbrünstiger bedanke - meistens dafür, dass ich unter den Lebenden weilen darf, auf diesem schönen, vielseitigen Planeten. 
Ich koche gerne Hausmannkost, Kohlrouladen, Eintöpfe, vor allem jedoch Grünkohl und Pinkel. Für mich als Oldenburger ist dies elementarer Bestandteil meiner kulturellen Identität. Mit dem Konzept „Deutschland“ kann ich kaum mehr anfangen als mit dem sonstigen Europa, geborgen fühle ich mich vor allem im Schoße des alten Großherzogtums in den Grenzen von 1818. 
Oldenburg ist mein geistiger Dreh- und Angelpunkt, mein New York, Dangast mein Brighton, Wangerooge mein Bermuda. 
Ein Jammer, dass Oldenburg nach dem Krieg in Niedersachsen aufging, aber soo sehr interessiert mich nun auch wieder nicht, was irgendwelche englischen Offiziere einst in ihre Karten kritzelten, solange die Versorgung mit Kohl und Pinkel gesichert ist. 
Dass es mich schon vor 30 Jahren nach Bayern verschlagen hat und ich nach Artikel 6 der bayerischen Verfassung durch meine Eheschließung zum Bayer geworden bin, ich mithin über die doppelte Staatsbürgerschaft verfüge, stimmt mich vergnügt - zumal Amalie, die Gattin des Wittelsbacher Otto I. auf dem griechischen Thron, aus dem Hause Oldenburg stammte und ich mich in ihren Fußstapfen wähne. 
Apropos Fußstapfen. Autos lehne ich ab. Ich bevorzuge Spazierstock, Fahrrad, Eisenbahn und Tretroller. Vor allem die Tretroller der Amischen haben es mir angetan, wie ich überhaupt glaube, dass wir von den Amischen einiges lernen können - nicht, wenn‘s um das Schlagen von Frauen und Kindern geht (ich bin dagegen), sondern wenn‘s um ein gedeihliches Miteinander von Mensch und Natur geht (ich bin dafür). 
An Flugzeugen habe ich wenig Spaß. Das einzige Verkehrsflugzeug, das mich wirklich begeisterte, war die Concorde, und die gibt’s ja nun nicht mehr. Statt Flugzeuge favorisiere ich Luftschiffe, CO2-neutral großflächig mit Solarzellen verkleidet. Bin mal in der „König Pilsener“ mitgefahren; mit 60 Sachen und heruntergekurbelten Fenstern in einer silbrigen Zigarre durch den Sommerwind - das ist mein Geschmack! 
Da fällt mir ein, dass ich mir zu meiner Jägerkluft eine gekrümmte Porzellanpfeife zulegen wollte. Nicht vergessen! Nein, rauchen möchte ich sie nicht, mir gehts ganz burschikos um die Optik. Zudem kann man vielleicht Pinimenthol einfüllen und die Pfeife als Inhalator verwenden. 
Von der Gleichberechtigung der Frau halte ich nichts. Ich persönlich würde es begrüßen, wenn nach Jahrhunderten des Patriachats jetzt erstmal eine Weile Frauen das Sagen hätten (wir Männer sind testosteronbedingt gehandicapt und sollten, ganz im Ernst, alle wichtigen Entscheidungen den Frauen überlasse). In ein paar Jahrhunderten können wir ja bilanzieren und gegebenenfalls erneut tauschen - wenn es unsere Spezies dann überhaupt noch gibt. Vielleicht werden wir ja auch durch KI abgelöst und geraten unter das Joch irgendwelcher vernetzten Meerschaumpfeifen zB. 
Mein persönlicher Rückzugsort für die bevorstehenden Rückzugsgefechte, soviel ist klar, wird die Kunst sein. Ihr Wesen, ihre Methoden zu bewahren, halte ich für die wichtigste Aufgabe des Konservatismus, denn wer wäre bereit, güldene Sternthaler in Orchestergräben regnen zu lassen, aus denen Ligety und Gluck empor glucksen, wenn nicht wir? 
Die Kunst wird immer stärker sein als KI, denn neben Intelligenz (kann, muss aber nicht) ist die Liebe ihre wichtigste Zuthat. Kein Elektronengehirn hätte sich jemals die „Zauberflöte“ ausdenken können, von Sun Ras Solar Myth Arkestra ganz zu schweigen. 
Ebensowenig wie an die KI glaube ich an PC, „Political Correctness“. Sprechvorschriften sind mir ein Gräuel, aber da ich privat in der Regel Sütterlin schreibe, bemerken nur wenige, wenn ich „Student“ oder ähnliche Reizwörter zu Papier bringe. Dass ich die „alte“ Rechtschreibung verwende und je nach Lust und Laune sogar Thal, Thon, Thor, Thal, Thräne, thun und Thür schreibe, nämlich gemäß den Rechtschreibregeln des Jahres 1901, lässt mich in den Augen progressiver Sprachwächter als ein Fall für verschärfte Gesangspädagogik im psychiatrischen Setting erscheinen, mindestens.
Leider können mich meine Sütterlinkenntnisse in den sozialen Netzwerken nicht schützen. Neulich etwa bei Twitter: Es ging um das Verbot von Faschingsverkleidungen in Kitas, welches eine Hochschullehrkraft aus Berlin-Mitte befürwortete, weil ein Indianerkostüm beim Kind rassistische Stereotype implementiere und sich Native Americans zudem auf den Schlips getreten fühlen könnten. Ich kommentierte, dass ich als Kind viel Cowboy-und-Indianer gespielt habe und nach meiner Erfahrung alle Kinder am liebsten Winnetou bzw dessen Stammesmitglieder gespielt hätten. Weiß wollte niemand sein (Ausnahme: Old Shatterhand). . Außerdem, so schrieb ich, ähnele Winnetou dem Heldentypus eines Robin Hood, dessen Rebellion gegen die (rassistische) Tyrannei uns Kindern als positives Rollenvorbild gedient habe. Den Hinweis, dass sich kaum ein Apache durch das Spiel an deutschen Kitas gestört fühlen dürfte, verkniff ich mir. Trotzdem wurde ich von einer Diskussionsteilnehmerin sogleich geblockt. Nun gut, so ist das im Internet. Warum bleibe ich auch nicht bei meinen Postkarten, die ich seit einiger Zeit voller Begeisterung an meine Gattin schicke, am liebsten täglich. 
So konservativ ich privat sein mag - vom politischen Konservatismus halte ich nicht viel. Die meisten seiner Rezepte erscheinen mir untauglich, etwa die Rückkehr zum Nationalismus, zum „Europäischen Konzert der Großmächte“ oder zum völkischen Denken, vom Leugnen der Klimakrise ganz zu schweigen. Wunsch und Wirklichkeit sind allzu oft nur mit der Brechstange in Einklang zu bringen, und wo erstmal die Brechstange zum Einsatz kommt, ist auch der Baseballschläger nicht weit.
Nein, ich pflege meinen Konservatismus lieber privat, das ist gesünder für alle. Und jetzt rein in die Kotze und raus an die frische Luft. Mein Luftschiff legt ab. 



Mittwoch, 4. Dezember 2019

Deutsche Sprichwörter, die sich nicht durchsetzen konnten (3)



„Muss I denn" ist aller Laster Nummernschildmusik


Trau, Schein, schäm


Schlag ein Ei drüber und mach die Wanne weiß


Große None, beste Bohne


Kein Hess‘ sah je Renate Unkraut jäten


Blinde Kuh und Schnaps dazu


Ein Augenaufschlag wie der Second Service von Guy Lacoste


Also, sprach Zarah, Puszta!


Der blaue Planet muss pusten


Im Morast grundloser Ekstase tragen die Leichen ein Lächeln im Gesicht


Sterben ist der schönste Tod


Unterm Dirndl spielt das Panzernashorn Halma


Auch die Nasenhaare werden weiß


Weh dir, Feudel! Bald schon liegst du ausgewrungen im Parkett


Der Lausbub züchtet Rüben hinterm Traualtar


Ketchup ist das Blut der Äcker


Nur kleine Leute arbeiten als Kolibri 


Beim Fingerhakeln hilft kein Daumendruck


Am Urinal trifft sich die Welt


In der Kunst hat die Demokratie nichts verloren


Am Schenkel erkennst Du seinen Senkel


Wer eine Ampel zum Frühstück verzehrt, hat allzeit freie Fahrt


Bildung ist das Gnadenbrot der Reptiloiden




Freitag, 29. November 2019

Deutsche Sprichwörter, die sich nicht durchsetzen konnten (2)



Kein Handy schneidet, Haupthaar, Dir die Spitzen


In den Tropen pupen Popen lieber als im Köln Dom


Mit einer Armlänge Abstand muss die Hebamme hartzen


Aus den Laugen, aus dem Siff


Wer den Taler verzehrt, hat Gold im Mund


Alle Wetter, lallten die Schauerleute, und es roch nach Regenbogenfahne


Für jeden echten Torero sind Blue Jeans ein rotes Tuch


Die Axt im Kopf erspart das Frauenzimmer


Auf dem Richtplatz jammert keiner, dass die Nase läuft


In der Sauna trägt kein Ritter Kettenhemd


Alle Großen stehen auf einer Kiste


Die Zwille des Menschen kann Zwerge verletzen


Drei Knöpfe machen noch keinen Hosenstall


Kein Regenwurm braucht Wadenwickel 


In jeden Topf passt ein Teckel


Wahre Schönheit gibt es nur in Wilhelmshaven 


Auch über Herne leuchten die Sterne


Andere Töchter haben auch schöne Mütter


Früher hat Ford Escort Service angeboten


Mittwoch, 27. November 2019

Deutsche Sprichwörter, die sich nicht durchsetzen konnten (1)



Mit Krümel, Kehrschaufel und Besen kannst auch Du Gedanken lesen


Auf dem Berg trägt die Nixe Gamsbart


Lieber breit im toten Winkel als tot in Reit im Winkel


Wenn die Stadt sich schlafen legt, trinkt die Laterne Lumumba


Ein Sattler füllt keine Mägen


Zeig mir eine Fingerkuppe, und ich führe Dich durchs Gebirge


Für Arbeit fehlt dem Fleißigen die Muße


Ein Schillerlocken stapelnder Postillion macht das Pferd stottern


Brillenträger, Schinkenhäger


Kein noch so müder Bienerich ist im Honig je ersoffen


Unter gepuderten Perücken gibt es keine Schankwirtschaft 


Ist das Spiegelei schwarz, muss der Hungrige weißeln 


Kein Gartenzaun trank je Latte Macchiato


Wer taub sein will, hört nur kreischende Kreide


Ohne Salz schmeckt sogar Würzburg fade


Für den Christbaum ist Weihnachten tödlich, sprach Philosoph Fichte 


Die schwarze Null ist kein Loser aus Afrika


Kahn ruderte mit den Armen und sah seine Bälle davonschwimmen


In jeder Lüge steckt ein Schrei nach Liebe


Es sprach die Hupe: Es gibt nichts gutes, außer man tutet


Ohr weia, stöhnte das Hörorgan, ich muss mein Läppchen abgeben.









Montag, 4. November 2019

Duemila 2000



Vor einigen Jahren sah ich in München ein merkwürdiges Veloziped: ein antikes Klapprad mit zwei Gepäckträgern und übergroßem vorderen Schutzblech, eigentümlich geformter Sattelstütze und trapezförmiger Rahmengeometrie. Der Anblick begeisterte mich spontan, und ich ging dem Gefährt sogar ein paar Schritte hinterher, willenlos wie eine Motte im Lichtkegel. In der darauffolgenden Nacht träumte ich ein fesselndes Abenteuer: Ich verfolgte rennend Rainer Calmund, der in einem Matrosenanzug auf dem gesehenen Klapp-Solitär strampelte; ich stolperte, fiel in einen Swimming-Pool gefüllt mit Frischkäse und erwachte schweißgebadet. 


Unlängst durchstöberte ich ziellos das Internet, machte auch Halt bei „ebay Kleinanzeigen", und gab den Suchbegriff „Klapprad" ein, intuitiv, ins Blaue hinein. Müde scrollte ich mich durch die angezeigten Modelle, und plötzlich, gewissermaßen mit einem lauten „Klapp!", war ich wach. Das war es, das Rad von damals, das Klapprad meiner Träume. „Duemila 2000" las ich. Aha, so heißt das Modell. Ein Name wie Honig. 


Als Angehöriger der Generation 50+ kann ich mich natürlich an die vielen Verwendungen der Zahl „2000" erinnern - immer dann, wenn etwas besonders futuristsch wirken sollte, kühn, fern: Video 2000, BMW 2000 Coupé, Blume 2000, Odyssee im Weltraum (ok, der Film hieß „2001", aber egal). In der Berliner Lützowstrasse gab und gibt es sogar das „Kumpelnest 3000", eine Kultkneipe, deren Name sich, wenn ich‘s richtig interpretiere, über die Milleniums-Manie der 20.Jahrhunderts lustig macht(e). 


Meine Frau, Besitzerin eines Ebay-Kleinanzeigen-Accounts, übernahm die Verhandlungen, und bald war man sich handelseinig. Der Besitzer wohnte in Ladenburg, einem Ort, der mir gänzlich unbekannt war. Der Besitzer bestand darauf, dass sein stählerner Schatz abgeholt werden müsse, und guter Rat war teuer. Wie nach Ladenburg kommen? Die Zeit drängte, wie jeder weiß, der schon mal das Phänomen des „Coup de Foudre" erlebt hat. Fahrradliebe auf den ersten Blick - das Herz klopft wie am Stilfser Joch kurz vor Erreichen der Passhöhe, der Mund ist trocken und im Bauch klappern die berühmten Schmetterlinge mit ihren Flügelmuttern. 


Glücklicherweise befand ich mich auf Tour, „Gute Frage" im Duett mit Berhard Hoëcker, und mein lieber Bühnenpartner und unsere Tourmanagerin Renate erklärten sich bereit, das Objekt meiner Begierde nach unserem letzten Auftritt in Reutlingen auf dem Rückweg nach Köln abzuholen und im Savoy zu deponieren, meinem Basislager für alle Dreharbeiten, die ich in der Domstadt regelmäßig  zu absolvieren habe. 


Die Abholung geriet zur Szene aus einem Agentenkrimi: Da der Besitzer am Tag der Transaktion arbeiten musste, erhielten Renate und Bernhard die Anweisung, ein bestimmtes, am Straßenrand abgestelltes Auto anzusteuern, einen Mercedes A-Klasse, und in dessen Kofferraum, so versicherte mein Handelspartner, würde das zusammengeklappte Zielobjekt warten. Ich war per Live-Video dabei, als Bernhard Hoëcker die Kofferraumklappe öffnete und die karierte Pferdedecke zurückschlug. Ein Schrei der Verzückung entfuhr meiner Kehle, ich sägte mit der Becker-Faust ein imaginäres Oberrohr entzwei, und anschließend deponierten meine Leute einen Umschlag mit abgezähltem Bargeld in einem toten Briefkasten nahebei. 


Einige Tage später reiste ich spät abends in Köln an und schleppte das Klapprad vom Hotel-Gepäckraum höchstpersönlich in mein Zimmer. Satte zwanzig Kilo liessen mich anerkennend schnaufen. 20 Kilo! Das ist noch echter, schwerer Schwedenstahl, nicht dieses magersüchtige Carbon-Kroppzeug, aus dem heute leider immer mehr gedrechselt wird, von der Schuheinlage über Greta Thunbergs Atlantic-Jolle bis eben zum Hi-End-Rennrad. Nein, mit dem Duemila 2000 sieht man beim Tragen einen beleibten Schmied vor sich, der im ölgefleckten Unterhemd mit einem Vorschlaghammer auf rotglühende Rohre einprügelt, nichts für Hungerhaken und Diätmäuse. 


Angekommen in meinem Zimmer hängte ich das „Nicht stören!" -Schild vor die Tür und studierte den stählernen Körper eingehend, strich sanft über die gold-grüne Lackierung und zog die beiden Lenkerbögen aus ihrem Futteral. Das Duemila hat nämlich nicht einen Lenker, sondern zwei Holme nach Art eines Bonanzafahrrades, Easy Rider auf Italienisch, mit genoppten Griffen, welche mir sofort meine Kindheit herbeizauberten. Natürlich, dieses prickelnde Griffgefühl begleitete mich, bis ich zu Beginn meiner Pubertät vom Bonanza- auf Hollandrad umstieg. Die Noppen massieren die Hände, bis heute eine probate Methode, um tauben Flunken vorzubeugen. 


Provisorisch entfaltete ich den Rahmen, dann kümmerte ich mich um dem Sattel. Seltsames Ding. An seiner Spitze mit der Sattelstütze befestigt, die sich eine Handbreit tiefer per Schanier aufklappen lässt. Um die Sattelhöhe zu verstellen, schiebt man also nicht das eine Rohr ins andere, sondern man entfaltet mehr, oder, wenn man klein ist, weniger. Erst bei höchstmöglicher Sattelstellung erklärt sich die Grundidee des Designers, nämlich ein angedeutetes Trapez oder Parallelogramm oder Rhomboid, bei dem allerdings eine, nämlich die obere Linie fehlt. Der Designer erwartete offenbar, dass der geneigte Velozipädist im Geiste die fehlende Linie hinzufügt - und genau so kam & kommt es auch. Deutlich meinte ich zu spüren, wie sich ein starkes Band zwischen diesem Drahtesel-Designer und mir entspann; ich fühlte mich ernst genommen, nicht unterschätzt, sondern gewürdigt, aufgenommen in die verschworene Gemeinschaft jener Kundigen, die unvollständige Trapeze im Geiste zu vervollständigen wissen. 


Mit hochrotem Kopf widmete ich mich nun dem Hauptscharnier, wollte die beiden Rahmenhälften fest miteinander verschrauben. Ohne Erfolg. Ich nestelte energisch am silbernen Arretierhebel herum, aber enttäuscht vermerkte ich, dass alle meine Versuche zu einer höchstens labbrigen Fixierung führten - immer klapperten, wackelten die Rohre, immer blieben einige frustrierende Millimeter Spiel. „Passt, wackelt, hat Luft" mag ja in vielen Lebenslagen stimmen - aber auf dem Fahrrad hat man’s doch lieber grundsolide. Ach was, beschied ich, notfalls werde ich auch ganz ohne Arretierhebel, mit unverbundenen Rohrhälften das Duemila genießen, fahren, verehren. Wäre ja noch schöner, sich von derlei Petitessen ins Bockshorn jagen zu lassen. Morgen früh, so sagte ich meiner italienischen Zimmergenossin, werden wir eine Werkstatt aufsuchen und Deinen offenbar dysfunktionalen Arretierhebel durch eine einfache Mutter austauschen lassen, und obendrein kriegst Du Luft in die platten Reifen. Und mir war, als würde das Klapprad nicken, womit auch die Frage beantwortet war, ob es mich wohl verstehen würde. Und dann entfaltete ich den Ständer, der das schöne Geschöpf sogleich sicher stützte, stellte es ans Fußende meines Hotelbettes und betrachtete es im Schummerlicht noch lange, bis mir die Augen zufielen und ich einschlief, mit seligem Lächeln im Gesicht.


Am Morgen las ich mich während des Frühstücks in die Entstehungsgeschichte des Duemila ein: Cesare Rizzato aus Padua hatte sich von den zwei Hoffnungsträgern seiner Ära inspirieren lassen, der Weltraumfahrt und der Atomenergie. So wie die NASA für die Saturn-Rakete, die Mercury- und die Apollo-Kapseln jeweils ganz neue technische Lösungen suchte und fand, so erklärte auch Rizzato traditionelle Zweirad-Elemente wie das versenkbare Sattelrohr kurzerhand für überholt und ersetzte es durch seinen Klappmechanismus. Der Kernenergie huldigte Rizzato mit seinem Logo: Einem Atom mit zwei Elektronen. Könnte Helium sein, oder Sauerstoff, wenn ich nicht irre (Chemie war mein Problemfach; ich verbrachte den Unterricht im Oldenburger Café Klinge, und dass ich keine null Punkte kassierte und mich somit ums Abitur vmbrachte, verdanke ich nur der beherzten Intervention meines Tutors, der mich zum Krisengespräch mit meinem Chemielehrer nötigte. Der Deal war: Ich gehe in den Unterricht, bekomme einen Punkt, und das Abi ist sicher). 

Rizzato jedenfalls schuf ein Rad, dessen Emblem heute Verstörung oder Schmunzeln verursacht, kommt drauf an, wie man veranlagt ist. Die Lobpreisung des Atomzeitalters, die Verherrlichung der Raumfahrt führte Rizzatos Firma nur bedingt zum Erfolg: Nur wenige Jahre später sattelte Rizzato um auf die Konstruktion unauffälliger Räder, jedenfalls relativ, unter dem Markennamen „Ceriz", und das Duemila war Geschichte. 


Neun Uhr. Nur die Fahrradwerkstatt am Kölner Hauptbahnhof war bereits geöffnet; ich schob mein Duemila hinein und erklärte, dass der Hauptscharnier leider nicht vollständig schließe. Ob man mir mit einer einfachen Mutter helfen könne? Der Mechaniker nickte verständig, und wir gingen daran, das Scharnier zu lösen. Aber der Hebel ließ sich gar nicht entfernen - er schien mit der Mutter per Gummizug verbunden. Des Rätsels Lösung: Das Scharnier ist gleichsam ein integrierter Schraubenschlüssel. Technik, die begeistert. Ich schraubte die innenliegende Mutter mit dem Außenschlüssel fest, pumpte Luft auf die irgendwann nachgerüsteten Reifen (die Originalbereifung stammte von Pirelli, wie der Verkaufsprospekt seinerzeit stolz verkündete), und somit war mein Duemila startklar. Auf geht’s beim Schichtl. 


Huch, ist das klein. Nun bin ich von Natur aus lediglich 1,69 m lang und ein relativer Sitzriese, will sagen: Meine Beine sind besonders kurz, vielleicht vom vielen Lügen im Fernsehen. Eigentlich müsste mir jedes beliebige Kinderrad passen. Ich stieg ab, um die Höhe des Sattels zu kontrollieren. Tatsächlich, das war bereits die maximale Sitzhöhe. Ein zusätzlicher Zentimeter ließ sich ergaunern, indem man die Sattelstütze leicht nach hintern überdehnte - mit der Folge, dass der Sattel schief stand - oben die Spitze, das breite Endstück dahinter leicht abfallend. In der gängigen Fahrradsitztheorie heißt es ja, der Sattel solle waagerecht eingestellt sein. In diesem Spezialfall jedoch schien es sinnvoller, wenigstens in die Nähe einer angedeuteten Beinstreckung zu kommen als in die Nähe vollendeten Sitzkomforts. Ich nestelte noch mehrfach an den Sattelscharnieren herum, dann ergab ich mich meinem Schicksal. Bequem geht anders, aber bekanntlich hat alles im Leben Vor- und Nachteile - so auch die Sitzposition auf einem Duemila. Nein, ich korrigiere: Der Besitz eines Duemila mag Vor- und Nachteile haben, die Sitzposition selber ausschließlich Nachteile. Andererseits sagt mir meine velozipedistische Lebenserfahrung: Besser zu tief als zu hoch sitzen. Durchgestreckte Beine können die Knie reizen, bis hin zum stechendem Schmerz nebst unausweichlichem Fahrtabbruch. Zu tief sitzen sieht albern aus, verschwendet Energie - aber es ist das kleinere Übel. 


Ich schwang mich aufs Rad und rollte vorsichtig hinunter zum Rhein. Ok, soo unbequem ist der Sattel nicht. Ähnelt einem Mofasattel, eine grandiose Sattlerarbeit. Zwei Sorten Leder, gold und grün - passend zum Rest der Lackierung. Und noch bevor ich den Schicksalsfluss der Deutschen erreichte, hatte ich mich mit meiner emporragenden Sitzecke arrangiert. Umsichtig verlangsamte ich vor Bordsteinkanten und anderen Hindernissen. Wer weiß, was der alte Rahmen an Stößen erträgt? Langsam fasste ich Vertrauen, beschleunigte auf 15 km/h, rutschte testhalber auf meinem Mofasattel herum, wagte ein stolzes Grinsen. Ja, wir waren unterwegs, mein Duemila und ich. „Ich werde immer gut auf Dich achtgeben" flüsterte ich ihm zu, und eine Träne rollte meine Wange hinab. Nein, es war nicht Rührung, die mir die Augen anfeuchtete, sondern der herbstliche Fahrtwind. Jedenfalls nicht nur. 




Mittwoch, 9. Oktober 2019

Deutsche Wasser (53): Luhe




Drei Schäferzähne knirschen

Gülden tropft der Sonnensaft

Zwei Bachforelleriche staunen

Ein Schaf vertraut 3-Wetter-Taft


Der Heideschleimfuß wippt im Takt

Die Girlieband singt Erika

Ein Sturmbannführer schluckt

im Schaukelstuhl Generika


Eine Herde Taschenpferde

kauft bei Bata Gummischuhe

Zu eng. Die Hufe werfen Blasen. 

Der Rest ist Winseln an der Luhe


Samstag, 5. Oktober 2019

☠️



Pilzesammeln, auch das noch. 

Unlängst schneite mein lieber Schwiegervater mit einem Korb voller Steinpilze und Maronenröhrlinge herein, die wir gemeinsam zubereiteten, und dabei muss irgendein verborgener Schalter umgelegt worden sein: In den darauffolgenden Tagen ging ich erstmals mit Schwammerln in den Augen spazieren, scannte feuchte Waldböden mykologisch und legte mir bald darauf eine passende App zu, mit Artenführer und Fotoquiz. 

Dann ging es nach Löbau, zur TV-Produktion „Privatkonzert“, und in den Drehpausen lernte ich eifrig Arten, spielte hunderte Male das Quiz („100% Leistung“), und morgens bewanderte ich den Löbauer Berg, hinterm Hotel, nachmittags den Garten des Hauses Schminke von Hans Scharoun, unseres Drehortes, immer auf der Suche. 

Bald begegnete ich einem älteren Herrn, der eine Tüte Sammelgut trug. Er sächselte, es handele sich um Birkenpilze, und ich begutachtete sie ehrfürchtig und nicht ohne Neid. 

Im Garten fanden wir Butterpilze, Rickens Riesenschirmling und etwas, was meine Managerin Steffi und ich für einen falschen Pfifferling hielten. Könnte man, so Steffi, beim Catering abgeben und braten lassen. Ich verwies auf den engen Zeitplan und eilte zur Probe mit Gil Ofarim, lud das entsprechende Foto ersatzhalber in ein Pilzesucherforum. Am nächsten Tag wurde ich dort mit Schmunzelsemikolon berichtigt: Nein, das sei kein falscher Pfifferling, sondern ein Kahler Krempling, dessen Verzehr zu einem längeren Siechtum durch Hämolyse mit anschließendem Nierenversagen führen könnte (Im Pilzführer versehen mit oben sichtbarem Symbol). 




Da entstand die Idee zu einer kleinen Fernsehsendung: Host und Gast gehen in den Wald, suchen Pilze, kommen zu einer Hütte, bereiten darin die Beute zu, snacken schnackend, und über den Abspann mit Drohnen-Waldpanorama hört man sowas wie: „Also ich weiß nicht...mir ist etwas flau“ oder eben „Das war lecker“ - je nach dem. 

Nun bin ich gespannt, wann ich erstmals den Mumm finde, selbst gesammelte Pilze zu essen. Könnte ein besonderer Tag werden. 

Bungeejumping jedenfalls ist fad dagegen. 

Niemand ist konservativer als ich

Gerade erst gestern legte ich mir eine moosgrüne Jagdkotze zu, einen ponchohaften Überwurf, unter dem ich aussehe wie ein verschimmelter Ink...

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