Montag, 4. November 2019

Duemila 2000



Vor einigen Jahren sah ich in München ein merkwürdiges Veloziped: ein antikes Klapprad mit zwei Gepäckträgern und übergroßem vorderen Schutzblech, eigentümlich geformter Sattelstütze und trapezförmiger Rahmengeometrie. Der Anblick begeisterte mich spontan, und ich ging dem Gefährt sogar ein paar Schritte hinterher, willenlos wie eine Motte im Lichtkegel. In der darauffolgenden Nacht träumte ich ein fesselndes Abenteuer: Ich verfolgte rennend Rainer Calmund, der in einem Matrosenanzug auf dem gesehenen Klapp-Solitär strampelte; ich stolperte, fiel in einen Swimming-Pool gefüllt mit Frischkäse und erwachte schweißgebadet. 


Unlängst durchstöberte ich ziellos das Internet, machte auch Halt bei „ebay Kleinanzeigen", und gab den Suchbegriff „Klapprad" ein, intuitiv, ins Blaue hinein. Müde scrollte ich mich durch die angezeigten Modelle, und plötzlich, gewissermaßen mit einem lauten „Klapp!", war ich wach. Das war es, das Rad von damals, das Klapprad meiner Träume. „Duemila 2000" las ich. Aha, so heißt das Modell. Ein Name wie Honig. 


Als Angehöriger der Generation 50+ kann ich mich natürlich an die vielen Verwendungen der Zahl „2000" erinnern - immer dann, wenn etwas besonders futuristsch wirken sollte, kühn, fern: Video 2000, BMW 2000 Coupé, Blume 2000, Odyssee im Weltraum (ok, der Film hieß „2001", aber egal). In der Berliner Lützowstrasse gab und gibt es sogar das „Kumpelnest 3000", eine Kultkneipe, deren Name sich, wenn ich‘s richtig interpretiere, über die Milleniums-Manie der 20.Jahrhunderts lustig macht(e). 


Meine Frau, Besitzerin eines Ebay-Kleinanzeigen-Accounts, übernahm die Verhandlungen, und bald war man sich handelseinig. Der Besitzer wohnte in Ladenburg, einem Ort, der mir gänzlich unbekannt war. Der Besitzer bestand darauf, dass sein stählerner Schatz abgeholt werden müsse, und guter Rat war teuer. Wie nach Ladenburg kommen? Die Zeit drängte, wie jeder weiß, der schon mal das Phänomen des „Coup de Foudre" erlebt hat. Fahrradliebe auf den ersten Blick - das Herz klopft wie am Stilfser Joch kurz vor Erreichen der Passhöhe, der Mund ist trocken und im Bauch klappern die berühmten Schmetterlinge mit ihren Flügelmuttern. 


Glücklicherweise befand ich mich auf Tour, „Gute Frage" im Duett mit Berhard Hoëcker, und mein lieber Bühnenpartner und unsere Tourmanagerin Renate erklärten sich bereit, das Objekt meiner Begierde nach unserem letzten Auftritt in Reutlingen auf dem Rückweg nach Köln abzuholen und im Savoy zu deponieren, meinem Basislager für alle Dreharbeiten, die ich in der Domstadt regelmäßig  zu absolvieren habe. 


Die Abholung geriet zur Szene aus einem Agentenkrimi: Da der Besitzer am Tag der Transaktion arbeiten musste, erhielten Renate und Bernhard die Anweisung, ein bestimmtes, am Straßenrand abgestelltes Auto anzusteuern, einen Mercedes A-Klasse, und in dessen Kofferraum, so versicherte mein Handelspartner, würde das zusammengeklappte Zielobjekt warten. Ich war per Live-Video dabei, als Bernhard Hoëcker die Kofferraumklappe öffnete und die karierte Pferdedecke zurückschlug. Ein Schrei der Verzückung entfuhr meiner Kehle, ich sägte mit der Becker-Faust ein imaginäres Oberrohr entzwei, und anschließend deponierten meine Leute einen Umschlag mit abgezähltem Bargeld in einem toten Briefkasten nahebei. 


Einige Tage später reiste ich spät abends in Köln an und schleppte das Klapprad vom Hotel-Gepäckraum höchstpersönlich in mein Zimmer. Satte zwanzig Kilo liessen mich anerkennend schnaufen. 20 Kilo! Das ist noch echter, schwerer Schwedenstahl, nicht dieses magersüchtige Carbon-Kroppzeug, aus dem heute leider immer mehr gedrechselt wird, von der Schuheinlage über Greta Thunbergs Atlantic-Jolle bis eben zum Hi-End-Rennrad. Nein, mit dem Duemila 2000 sieht man beim Tragen einen beleibten Schmied vor sich, der im ölgefleckten Unterhemd mit einem Vorschlaghammer auf rotglühende Rohre einprügelt, nichts für Hungerhaken und Diätmäuse. 


Angekommen in meinem Zimmer hängte ich das „Nicht stören!" -Schild vor die Tür und studierte den stählernen Körper eingehend, strich sanft über die gold-grüne Lackierung und zog die beiden Lenkerbögen aus ihrem Futteral. Das Duemila hat nämlich nicht einen Lenker, sondern zwei Holme nach Art eines Bonanzafahrrades, Easy Rider auf Italienisch, mit genoppten Griffen, welche mir sofort meine Kindheit herbeizauberten. Natürlich, dieses prickelnde Griffgefühl begleitete mich, bis ich zu Beginn meiner Pubertät vom Bonanza- auf Hollandrad umstieg. Die Noppen massieren die Hände, bis heute eine probate Methode, um tauben Flunken vorzubeugen. 


Provisorisch entfaltete ich den Rahmen, dann kümmerte ich mich um dem Sattel. Seltsames Ding. An seiner Spitze mit der Sattelstütze befestigt, die sich eine Handbreit tiefer per Schanier aufklappen lässt. Um die Sattelhöhe zu verstellen, schiebt man also nicht das eine Rohr ins andere, sondern man entfaltet mehr, oder, wenn man klein ist, weniger. Erst bei höchstmöglicher Sattelstellung erklärt sich die Grundidee des Designers, nämlich ein angedeutetes Trapez oder Parallelogramm oder Rhomboid, bei dem allerdings eine, nämlich die obere Linie fehlt. Der Designer erwartete offenbar, dass der geneigte Velozipädist im Geiste die fehlende Linie hinzufügt - und genau so kam & kommt es auch. Deutlich meinte ich zu spüren, wie sich ein starkes Band zwischen diesem Drahtesel-Designer und mir entspann; ich fühlte mich ernst genommen, nicht unterschätzt, sondern gewürdigt, aufgenommen in die verschworene Gemeinschaft jener Kundigen, die unvollständige Trapeze im Geiste zu vervollständigen wissen. 


Mit hochrotem Kopf widmete ich mich nun dem Hauptscharnier, wollte die beiden Rahmenhälften fest miteinander verschrauben. Ohne Erfolg. Ich nestelte energisch am silbernen Arretierhebel herum, aber enttäuscht vermerkte ich, dass alle meine Versuche zu einer höchstens labbrigen Fixierung führten - immer klapperten, wackelten die Rohre, immer blieben einige frustrierende Millimeter Spiel. „Passt, wackelt, hat Luft" mag ja in vielen Lebenslagen stimmen - aber auf dem Fahrrad hat man’s doch lieber grundsolide. Ach was, beschied ich, notfalls werde ich auch ganz ohne Arretierhebel, mit unverbundenen Rohrhälften das Duemila genießen, fahren, verehren. Wäre ja noch schöner, sich von derlei Petitessen ins Bockshorn jagen zu lassen. Morgen früh, so sagte ich meiner italienischen Zimmergenossin, werden wir eine Werkstatt aufsuchen und Deinen offenbar dysfunktionalen Arretierhebel durch eine einfache Mutter austauschen lassen, und obendrein kriegst Du Luft in die platten Reifen. Und mir war, als würde das Klapprad nicken, womit auch die Frage beantwortet war, ob es mich wohl verstehen würde. Und dann entfaltete ich den Ständer, der das schöne Geschöpf sogleich sicher stützte, stellte es ans Fußende meines Hotelbettes und betrachtete es im Schummerlicht noch lange, bis mir die Augen zufielen und ich einschlief, mit seligem Lächeln im Gesicht.


Am Morgen las ich mich während des Frühstücks in die Entstehungsgeschichte des Duemila ein: Cesare Rizzato aus Padua hatte sich von den zwei Hoffnungsträgern seiner Ära inspirieren lassen, der Weltraumfahrt und der Atomenergie. So wie die NASA für die Saturn-Rakete, die Mercury- und die Apollo-Kapseln jeweils ganz neue technische Lösungen suchte und fand, so erklärte auch Rizzato traditionelle Zweirad-Elemente wie das versenkbare Sattelrohr kurzerhand für überholt und ersetzte es durch seinen Klappmechanismus. Der Kernenergie huldigte Rizzato mit seinem Logo: Einem Atom mit zwei Elektronen. Könnte Helium sein, oder Sauerstoff, wenn ich nicht irre (Chemie war mein Problemfach; ich verbrachte den Unterricht im Oldenburger Café Klinge, und dass ich keine null Punkte kassierte und mich somit ums Abitur vmbrachte, verdanke ich nur der beherzten Intervention meines Tutors, der mich zum Krisengespräch mit meinem Chemielehrer nötigte. Der Deal war: Ich gehe in den Unterricht, bekomme einen Punkt, und das Abi ist sicher). 

Rizzato jedenfalls schuf ein Rad, dessen Emblem heute Verstörung oder Schmunzeln verursacht, kommt drauf an, wie man veranlagt ist. Die Lobpreisung des Atomzeitalters, die Verherrlichung der Raumfahrt führte Rizzatos Firma nur bedingt zum Erfolg: Nur wenige Jahre später sattelte Rizzato um auf die Konstruktion unauffälliger Räder, jedenfalls relativ, unter dem Markennamen „Ceriz", und das Duemila war Geschichte. 


Neun Uhr. Nur die Fahrradwerkstatt am Kölner Hauptbahnhof war bereits geöffnet; ich schob mein Duemila hinein und erklärte, dass der Hauptscharnier leider nicht vollständig schließe. Ob man mir mit einer einfachen Mutter helfen könne? Der Mechaniker nickte verständig, und wir gingen daran, das Scharnier zu lösen. Aber der Hebel ließ sich gar nicht entfernen - er schien mit der Mutter per Gummizug verbunden. Des Rätsels Lösung: Das Scharnier ist gleichsam ein integrierter Schraubenschlüssel. Technik, die begeistert. Ich schraubte die innenliegende Mutter mit dem Außenschlüssel fest, pumpte Luft auf die irgendwann nachgerüsteten Reifen (die Originalbereifung stammte von Pirelli, wie der Verkaufsprospekt seinerzeit stolz verkündete), und somit war mein Duemila startklar. Auf geht’s beim Schichtl. 


Huch, ist das klein. Nun bin ich von Natur aus lediglich 1,69 m lang und ein relativer Sitzriese, will sagen: Meine Beine sind besonders kurz, vielleicht vom vielen Lügen im Fernsehen. Eigentlich müsste mir jedes beliebige Kinderrad passen. Ich stieg ab, um die Höhe des Sattels zu kontrollieren. Tatsächlich, das war bereits die maximale Sitzhöhe. Ein zusätzlicher Zentimeter ließ sich ergaunern, indem man die Sattelstütze leicht nach hintern überdehnte - mit der Folge, dass der Sattel schief stand - oben die Spitze, das breite Endstück dahinter leicht abfallend. In der gängigen Fahrradsitztheorie heißt es ja, der Sattel solle waagerecht eingestellt sein. In diesem Spezialfall jedoch schien es sinnvoller, wenigstens in die Nähe einer angedeuteten Beinstreckung zu kommen als in die Nähe vollendeten Sitzkomforts. Ich nestelte noch mehrfach an den Sattelscharnieren herum, dann ergab ich mich meinem Schicksal. Bequem geht anders, aber bekanntlich hat alles im Leben Vor- und Nachteile - so auch die Sitzposition auf einem Duemila. Nein, ich korrigiere: Der Besitz eines Duemila mag Vor- und Nachteile haben, die Sitzposition selber ausschließlich Nachteile. Andererseits sagt mir meine velozipedistische Lebenserfahrung: Besser zu tief als zu hoch sitzen. Durchgestreckte Beine können die Knie reizen, bis hin zum stechendem Schmerz nebst unausweichlichem Fahrtabbruch. Zu tief sitzen sieht albern aus, verschwendet Energie - aber es ist das kleinere Übel. 


Ich schwang mich aufs Rad und rollte vorsichtig hinunter zum Rhein. Ok, soo unbequem ist der Sattel nicht. Ähnelt einem Mofasattel, eine grandiose Sattlerarbeit. Zwei Sorten Leder, gold und grün - passend zum Rest der Lackierung. Und noch bevor ich den Schicksalsfluss der Deutschen erreichte, hatte ich mich mit meiner emporragenden Sitzecke arrangiert. Umsichtig verlangsamte ich vor Bordsteinkanten und anderen Hindernissen. Wer weiß, was der alte Rahmen an Stößen erträgt? Langsam fasste ich Vertrauen, beschleunigte auf 15 km/h, rutschte testhalber auf meinem Mofasattel herum, wagte ein stolzes Grinsen. Ja, wir waren unterwegs, mein Duemila und ich. „Ich werde immer gut auf Dich achtgeben" flüsterte ich ihm zu, und eine Träne rollte meine Wange hinab. Nein, es war nicht Rührung, die mir die Augen anfeuchtete, sondern der herbstliche Fahrtwind. Jedenfalls nicht nur. 




Mittwoch, 9. Oktober 2019

Deutsche Wasser (53): Luhe




Drei Schäferzähne knirschen

Gülden tropft der Sonnensaft

Zwei Bachforelleriche staunen

Ein Schaf vertraut 3-Wetter-Taft


Der Heideschleimfuß wippt im Takt

Die Girlieband singt Erika

Ein Sturmbannführer schluckt

im Schaukelstuhl Generika


Eine Herde Taschenpferde

kauft bei Bata Gummischuhe

Zu eng. Die Hufe werfen Blasen. 

Der Rest ist Winseln an der Luhe


Samstag, 5. Oktober 2019

☠️



Pilzesammeln, auch das noch. 

Unlängst schneite mein lieber Schwiegervater mit einem Korb voller Steinpilze und Maronenröhrlinge herein, die wir gemeinsam zubereiteten, und dabei muss irgendein verborgener Schalter umgelegt worden sein: In den darauffolgenden Tagen ging ich erstmals mit Schwammerln in den Augen spazieren, scannte feuchte Waldböden mykologisch und legte mir bald darauf eine passende App zu, mit Artenführer und Fotoquiz. 

Dann ging es nach Löbau, zur TV-Produktion „Privatkonzert“, und in den Drehpausen lernte ich eifrig Arten, spielte hunderte Male das Quiz („100% Leistung“), und morgens bewanderte ich den Löbauer Berg, hinterm Hotel, nachmittags den Garten des Hauses Schminke von Hans Scharoun, unseres Drehortes, immer auf der Suche. 

Bald begegnete ich einem älteren Herrn, der eine Tüte Sammelgut trug. Er sächselte, es handele sich um Birkenpilze, und ich begutachtete sie ehrfürchtig und nicht ohne Neid. 

Im Garten fanden wir Butterpilze, Rickens Riesenschirmling und etwas, was meine Managerin Steffi und ich für einen falschen Pfifferling hielten. Könnte man, so Steffi, beim Catering abgeben und braten lassen. Ich verwies auf den engen Zeitplan und eilte zur Probe mit Gil Ofarim, lud das entsprechende Foto ersatzhalber in ein Pilzesucherforum. Am nächsten Tag wurde ich dort mit Schmunzelsemikolon berichtigt: Nein, das sei kein falscher Pfifferling, sondern ein Kahler Krempling, dessen Verzehr zu einem längeren Siechtum durch Hämolyse mit anschließendem Nierenversagen führen könnte (Im Pilzführer versehen mit oben sichtbarem Symbol). 




Da entstand die Idee zu einer kleinen Fernsehsendung: Host und Gast gehen in den Wald, suchen Pilze, kommen zu einer Hütte, bereiten darin die Beute zu, snacken schnackend, und über den Abspann mit Drohnen-Waldpanorama hört man sowas wie: „Also ich weiß nicht...mir ist etwas flau“ oder eben „Das war lecker“ - je nach dem. 

Nun bin ich gespannt, wann ich erstmals den Mumm finde, selbst gesammelte Pilze zu essen. Könnte ein besonderer Tag werden. 

Bungeejumping jedenfalls ist fad dagegen. 

Montag, 23. September 2019

Deutsche Wasser (52): Abflußgraben



Passt in keine Instastory,

fließt am Nerv der Zeit vorbei.

Wandern kann man auch woanders,

und sein Wasser schmeckt nach 


Arsch und Friedrich. Schwippschwapp

Schwaden wabern, eine Kellerassel  

gähnt. Ein Rennradrest, rotbackig vom Rost,

popelt in der Nase. An den Hängen


saurer Wein, abgefüllt in Tetrapacks.

An einem Galgen hängt ein Storch

- aufgeknüpft („Die Merkel

lässt auch jeden rein").



Sonntag, 8. September 2019

Von Wandlitz zum Auftritt nach Guben radeln.



Manche leben, um zu arbeiten, andere arbeiten um zu leben. Ich arbeite, um zu pendeln. Was gibt es schöneres, als die anfallenden Arbeitswege auf einer Vortragsreise aus eigener Kraft zurückzulegen? Von Wandlitz, nördlich von Berlin, starte ich in aller Herrgottsfrühe Richtung Guben, wo ich am Abend im Volkshaus auftreten soll. Noch ist es dunkel. Das Hotel hat mir eine Wurststulle in Klarsichthülle gepackt und umtütet auf die Rezeptionstheke gelegt. Reinbeißen und los. Autoarme Strassen führen mich durch Bernau und zum Haussee, anschließend weiter zum Krummensee. Und damit ist auch schon ein wichtiges Strukturprinzip meiner Trans-Brandenburg-Fahrt beschrieben: Man hangelt sich eine perlenreiche Seenkette entlang, zwischendurch gehts durch kleine Städtchen und Dörfer. Ackerfläche und Kiefernwald en gros, wenige Autos, kaum Hominide, schon gar keine ohne Karrosserieumhüllung. Es ist Samstagmorgen, da pennt die Streusandbüchse. Altlandsberg wird passiert, dann der Stienitzsee. Klamme Hände. Der Sommer hat sich pünktlich zu meiner Fahrt abgemeldet; ich trage Knielinge und Joppe und bin froh drum. Handschuhe hatte ich nicht eingepackt, ich Hasardeur. Nun muss ich empfindliche Kälte ertragen, und da ist keine Sonne, die mir auf den Pelz leuchten könnte. Hinterm Liebenberger See liegt Kienbaum. Kienbaum? Moment mal, da war doch was! Na klar! Kapitale des 100km-Laufs. 



Da waren (sind?) jedes Jahr deutsche Meisterschaften. Ein ostzonaler Thinktank in Sachen Leibesertüchtigung. Ehrfürchtig passiere ich die Neubauten des Leistungszentrums. Eine Bäckerei erspähe ich leider nicht. Könnte glatt was vertragen, und auf einen Hungerast sollte ich es nicht ankommen lassen - ich will ja abends noch auf die Bühne. 

Über feinsten Asphalt durch feuchten Wald gehts zum Trebuser See. Wäre noch Sommer, würde man sicher in jeden See reinhüpfen wollen und käme keinen km voran. So kann man sich das ungemütliche Herbstflair auch schönreden. 

Mein Birdy macht komische Geräusche. Klack-Klack sagt mein Tretlager. Au weia. Kaputt? Schon halte ich die Flinte, um sie ins Korn zu werfen, zügle mich aber. Erstmal gut zuhören, ob‘s schlimmer wird. Man kann auch ohne Lager treten. Etwas unrund, aber: Ich habe heute eh nichts zu tun. Absteigen und gehen erst, wenn nichts mehr geht.




Happahappa in Fürstenwalde. Fast Halbzeit, 72 km. Der Rewe am Ortseingang hat eine „Lila Bäckerei" (hat sich den Namen eine Werbeagentur ausgedacht? Wieviel haben die dafür genommen?). Ich stehe artig Schlange, suche aus, setze mich hin und kaue gründlich, mit Blick auf das (nicht abgeschlossene) Rad. 




Dehmsee, Kersdorfer See. Es wird immer trüber. In Neubrück (Spree) die ersten Tropfen, nach 100 km. Wie gut, dass ich noch die Klarsichtfolie von der Wurststulle in der Tasche habe. Ich umhülle mit ihr mein Handy, als Regenschutz. Womöglich wird mein iPhone jetzt lebenslang nach Stulle duften. Der Regen wird stärker. Immerhin überwiegt das Gefühl der landregenspezifischen Drömeligkeit, nicht das unwirsche Element. Aber nur knapp. 

Ich fahre über eine Holzbrücke, dahinter eine Tafel mit interessantem Hinweis: Hier stand das „Objekt 74", ein ehemaliges Forsthaus im Sperrgebiet, in dem die Stasi ausgestiegenen RAF-Terroristen eine neue Identität verlieh und sie aufs Leben in der DDR vorbereitete. Sogleich rattert der Projektor meines Kopfkinos, und ich male mir aus, wie Inge Viett „nach Feierabend" im Oder-Spree-Kanal badet, unter Aufsicht ihres Führungsoffiziers. 

Biegenbrück, Müllrose. Merkwürdiger Name, schöner See. Ich bin mittlerweile rechtschaffen durchfeuchtet, ziehe mir die Kapuze untern Helm. Mit der zunehmenden Verwässerung geht eine immer vollständigere Menschenleere einher. Dörfer mit Kirche, ja, aber ohne Kneipe. Die Theke, das Fundament allen kulturellen Lebens: weg. Wahrscheinlich hängendie Leute daheim vorm PC in ihren Facebookforen. Nass auch alle Wahlplakate, die hier noch hängen. „Die Wende vollenden" „Freiheit statt Sozialismus, damals wie heute"- so dichtet die AfD und macht, bitter, dies zu konstatieren, den muntersten Eindruck. Andere vertrauen ganz auf die Kraft ihrer Köpfe und verzichten auf Text. Naja. Schlimm auch die kryptischen Botschaften der FDP, so verquast, dass ich sie mir gar nicht erst merken kann, trotz 7 h wiederkehrender Beäugung. Irgendwas à la „Brandenburg muss durch seine Menschen wachsen". 

Fünfeichen. Apropos Eichen: Mehrfach komme ich an uralten Oschis vorbei, 1000 Jahre alten Baumgreisen, die viel gesehen haben: Womöglich kam mal Karl der Große vorbeigeritten, da war man noch ein Eichenkind, frisch gekeimt, dann Renaissance, Barock, lauter Spaziergänger mit gepuderten Perücken, dann die ersten Flugzeuge, DDT, DDR, saurer Regen; eines Tages wurde das Schild „Naturdenkmal" angenagelt, und nu kömm ich und piesel an die nasse Borke.

Erleichterung: Das Tretlager klappert nicht mehr. War wohl nur eine Klapperschlange. 

Es regnet zu stark; die Frischhaltefolie schwächelt. Also stelle ich um auf Akustik und verstaue das Handy in der Brusttasche. Klappt nicht so gut, in Möbiskruge missinterpretiere ich die Ansagerin und fahre zweihundert Meter falsch. Hiervon abgesehen: Eine Fahrt ohne Verirrung. Eisenhüttenstadt lasse ich links liegen, noch ein paar sanfte Hügel, und dann rolle ich in die ehemalige Wilhelm-Pieck-Stadt. 



Erste Attraktion: Die fabulöse Brücke über die Neisse. Oder was von ihr übrig ist. Der zweite Weltkrieg: hier ist er hochaktuell, auch im Strassenbild.

Appelfest mit Jahrmarkt. Günter von Hagen. Und da ist auch schon das Hotel. Fazit: 150 verwunschne Kilometer ohne Hast und Hetze. Netto 7:18h unterwegs.

Abends auf der Bühne: Spannend die Frage, ob ich nach der langen Regenfahrt volle Kraft voraus hinbekomme, ohne Hölzchen, Stöckchen und Lapsüssen aller Art. Ja, klappt gut. Insofern: Neue persönliche Bestleistung im Kulturbiathlon (ein Begriff, den unlängst die Violinistin Franziska Strohmayr prägte, die ebenfalls von Auftritt zu Auftritt radelte, mit Bachs Solosonate g-moll und ihrer Geige aufm Gepäckträger). 




Sonntag, 25. August 2019

Deutsche Wasser (51): Alster





HH said the clown 


Von der Krugkoppel stieg 

ich entblättert zu den Schwänen


Es schmeckte schwach

nach gelben Zähnen


Ein Kaleu im Optimist

(optisch Alexander Hold) 

machte „Dududu“


Ich hörte zu & schwamm & schwieg 

bis zum Jungfernstieg







Freitag, 23. August 2019

Deutsche Wasser (50): Ems




Eine Woche vor meinem 16. Geburtstag spielte „KIX“ im Jugendzentrum Papenburg. Unsere Band hieß so, weil Trompeter Lars den großen Miles Davis verehrte, und der schrieb ein Stück eben dieses Namens. 

Als Zugabe erklomm ich eine Bierkiste und intonierte auf meinem verbeulten Altsaxophon die deutsche Nationalhymne. 

Angereist waren wir im babyblauen Opel Kadett unseres Schlagzeugers, und als Gage gab es gute DM 400,-. Einen Hunni für jeden von uns, auch für das Nesthäkchen - mein erstes selbstverdientes Geld. 

Bei der Rückfahrt am nächsten Tag ging der Kadett kaputt; wir blieben auf einer Landstraße liegen, irgendwo zwischen Ems und Jeddeloh eins. 

Es war Sonntag, Handys waren noch nicht erfunden, und wie die Suche nach einer Werkstatt vonstatten ging, habe ich vergessen. 

An die Reparaturkosten kann ich mich allerdings erinnern. Sie betrugen genau DM 400,-





Duemila 2000

Vor einigen Jahren sah ich in München ein merkwürdiges Veloziped: ein antikes Klapprad mit zwei Gepäckträgern und übergroßem vorderen Schutz...

Beliebte Beiträge