Mittwoch, 7. Oktober 2020

The biggest Arztroman ever

Willkommen in meinem neuen Tagebuch („Post-Coronik“), das sich womöglich auch in diesem virtuellen Gewölbekeller vornehmlich mit Corona befassen wird, watt willste machen. Was in der Zwischenzeit passiert ist: Donald Trump hat sich infiziert (was ich natürlich lustig fand: Kaum steige ich bei Facebook aus, holt sich der Trotzkopf im weißen Haus einen blauen Schein). Ich erwartete den „grösste Arztroman aller Zeiten“ mit Irrungen, Wirrungen, hatte erwartet, dass Trump die Haare ausfallen, er ein Techtelmechtel mit der Oberschwester beginnt, dass Melania ihren Gatten per Handauflegen heilt und/oder eine Körpertemperatur von 45 Grad twittert, aber es kam anders. Schon gestern meldete er sich zurück zum Dienst, ließ sich zuvor eine Runde Spazierenfahren und präsentierte sich als Schnellgesunder. Beim ihm verabreichten Medikamentencocktail wahrscheinlich zwangsläufig, sofern die Nebenwirkungen nicht zum sofortigen Multi-Organ-Versagen führen. 

Damit reiht Trump sich (vorerst) in die Reihe der Survival-Helden des rechten Lagers ein, neben Bolsonaro, Berlusconi und Borisjohnson (sind Machtmenschen, deren Namen mit B beginnen, anfälliger für schwere Covid-19-Verläufe als Neandertaler?). 

Vor einiger Zeit las ich ein spannendes Buch, „Der schwimmende Souverän“, das sich mit Staatsmännern beschäftigte, die gerne öffentlich schwimmen gehen/gingen, etwa Mao Tse-Tung oder Beppe Grillo. Eine These des Autors: Alle eifern sie Karl dem Großen nach, der seine Pfalz hauptsächlich deswegen nach Aachen verlegte, weil es dort ganzjährig warmes Quellwasser gab, mit dem er monumentale Schwimmbecken füllte. Täglich hielt er schwimmend Hof, immer begleitet von schwimmenden Rittern (knapp 100, meine ich mich zu erinnern). 

Der schwimmende wird in diesen Tagen vom hustenden Souverän abgelöst. Wer auf sich hält, bellt. Nur die harten kommen in den Garten, während die Vertreter des modrig-morschen liberalen Pluralismus (Merkel, Von der Leyen) symptomfrei in Quarantäne müssen dürfen. Derlei Sperenzchen hat ein Trump nicht nötig. Die Haxen noch nass vom Wadenwickel, hustet, äh, winkt er seinen Fans zu, die das Aerosol ihres Helden inbrünstig zur Brust nehmen würden, wenn da nicht die geschlossene Wagenscheibe wäre. 

Innerdeutsche Reisebeschränkungen werden neu diskutiert, nachdem Berlin-Mitte in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein nicht mehr willkommen ist. Der Trend zum Klein-Klein (alles mit Bindestrich) setzt sich fort. Vom Kreis über den Stadtbezirk zum Straßenzug. Weiter zur Straßenseite, zum Einzelhaus, zur Etage. Schlagbäume im Treppenhaus, der Dachboden ist Risikogebiet, die Bettstatt links der Besucherritze (hinter Plexiglas). 

Russia Today behauptet bei Instagram, Tommy Krappweis‘ Twitch-Kanal werde von Merkel bezahlt, und die Beteiligten träfen sich zum Livestream, weil es „verschiedene Auffassungen über Körperhygiene“ gebe. Eine schöne Ehrung. 

Abends ungläubig den Film bestaunt, mit dem Trump seine Rückkehr ins weiße Haus illustrierte. Speziell die unterlegte Musik ist gar zu süffig, man wähnt sich in einer platten Satire. Natürlich gibt es viele, die sich ärgern, dass Trump offenbar mit hellblauem Auge davonkommt. Aber, merke: Das Virus straft niemanden; unsere Händel, unsere Antipathien sind ihm völlig egal. 

Kenzo Takada stirbt, Trump nicht - bei diesen Aufrechnungen gilt es zu berücksichtigen, wie unerheblich in Wirklichkeit ein paar Wimpernschläge mehr oder weniger sind, jedenfalls im größeren Zusammenhang. Höchstens zählt, dass man überhaupt mal husten, hadern, sterben durfte - damit zählt man zur Elite jener Molekularstrukturen, die man gemeinhin mit Leben in Verbindung bringt. Ein Privileg! Zum Vergleich: Steine sterben nicht, sie erodieren bzw werden zu Gehwegen oder Colliers verarbeitet. Ist das besser? 


1 Kommentar:

  1. Die Unterscheidung lebendiger und nicht-lebendiger Materie wird meines Erachtens überbewertet und ist ziemlich willkürlich. Erinnert mich an ein Gedicht von Hermann Hesse:


    Manchmal

    Manchmal, wenn ein Vogel ruft
    oder ein Wind geht in den Zweigen
    oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
    dann muß ich lange lauschen und schweigen.

    Meine Seele flieht zurück,
    bis wo vor tausend vergessenen Jahren
    der Vogel und der wehende Wind
    mir ähnlich und meine Brüder waren.

    Meine Seele wird Baum
    und ein Tier und ein Wolkenweben.
    Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
    und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

    (Hermann Hesse)

    AntwortenLöschen

The biggest Arztroman ever

Willkommen in meinem neuen Tagebuch („Post-Coronik“), das sich womöglich auch in diesem virtuellen Gewölbekeller vornehmlich mit Corona befa...

Beliebte Beiträge