Freitag, 19. Juli 2019

Durch Verzicht werden wir die Welt nicht retten.





Niemand will verzichten, es widerspricht der Natur des Menschen. Der Sinn seiner Gier könnte ursprünglich darin bestanden haben, Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen, zudem dürfte Balzverhalten im Spiel gewesen sein: Bestaune meine Mammutzahnsammlung und gebe dich mir hin. 

Habenwollen und Streben nach Luxus sind Triebfedern der Evolution - im Angesicht der Klimakatastrophe kontraproduktive Eigenschaften. Wie soll man urplötzlich auf Flüge, Autofahrten, aufgedrehte Heizkörper, den ganzen wonnigen Wohlstand verzichten, wenn die Verschwendung uns doch über Jahrtausende geprägt hat? 

Dies gelingt, so kann ich aus eigener Lebenserfahrung sagen, am besten durch einen Perspektivwechsel: Ich persönlich bin seit 20 Jahren begeisterter Radfahrer, gehe gern zu Fuss, lege lange Strecken auf meinem Tretroller zurück und meide das Auto, wo immer es geht. 

Autofahrten bringen mich um wertvolle Zeit auf dem Rad, denn in Bewegung an der frischen Luft, so habe ich gelernt, finde ich einen wohligen Zustand der Zufriedenheit; ich rieche die Welt, kenne keine Staus und Parkplatzsorgen, sondern bade in Leben. Im Sommer genieße ich die Hitze wie im Winter die Kälte, trotze den Elementen leidenschaftlich gern. Dieser Trotz ist das Gegenteil sauertöpfischer Askese, er gibt mir das Gefühl, ein toller Hecht zu sein und beschenkt mich zudem allabendlich mit angenehmer Müdigkeit. 

Als Radfahrer bin ich ein ausgeglichener Mensch, muss mich nicht in Händeln verausgaben, und bisweilen denke ich, dass die Menschen weniger Kriege führen würden, wenn sie sich nur richtig auf steilen Passstrassen auspowerten. Indem ich radle, verzichte ich auf nichts, sondern gewinne. Ich gewinne Erlebnisse, Abenteuer, ganz nebenbei auch Gesundheit, Befriedigung ob der gesammelten Kilometer. 

Und weil ich mein Rad auf praktisch allen Fernreisen dabeihabe, unternehme ich diese (wenn nicht eh komplett pedalierend) am liebsten in der Bahn, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: In der Bahn lassen sich die von mir heiß geliebten Vehikel am einfachsten mitnehmen, Falträder sogar ohne Aufpreis, während Radtransport im Flugzeug immer umständlich ist, mit zusätzlichen Kosten verbunden, und früher, als ich noch den Lufttransport favorisierte, kam mein Klapprad allzu oft beschädigt am Zielflughafen an (mit Spezialradkoffern kann ich nichts anfangen, weil ich ja sogleich losfahren möchte, ohne erstmal den Koffer irgendwo unterzubringen). 

Früher habe ich viel Zeit an Sperrgepäckausgaben verbracht, um mich anschließend über ein demoliertes Velo zu ärgern. Aus diesem Grunde bin ich zunehmend zügelnd unterwegs; die Kombi Rad/Bahn ist die beste. 

Nein, als Motivation taugt Verzicht nicht, niemand nimmt gerne Abschied, alle wollen gewinnen und begrüßen, möglichst angenehme Bekanntschaften machen, am besten jene mit dem Glück höchstpersönlich. Das Glück liegt in uns, in den eigenen Beinen, sitzt im Sattel, und ganz nebenbei hat der so Beglückte keine Lust mehr auf Fleischberge, weil man ja für die viele Radelei Kohlehydrate braucht, und so kommen wir, ganz ohne mühsam erzwungenen Verzicht, der Weltrettung ein Stück näher. 

Also jedenfalls ich. 


Kommentare:

  1. Dem ist wenig bis nichts entgegenzuhalten außer ein „Klasse“ vor die Speichen zu werfen!

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  2. Moin! Eine Frage zur Tandem/Anhänger Kombi. Ich hatte eine ähnliche Anschaffung und somit Kombination geplant. befürchtete aber, dass das Gespann insgesamt zu lang und unhandlich wird. Was kannst du darüber berichten?

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  4. Aus meinen Gedanken abgeschrieben, nur besser formuliert ��

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  5. Klasse und gut lesbar formuliert!
    @Erwin

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  6. "Verzicht widerspricht der Natur des Menschen."
    Und *dennoch* war der Großteil der Menschheitsgeschichte von Mangel, nicht vom Überfluss, wie manche von uns ihn kennen, geprägt (Flugzeug, Auto, Heizung gibt es eben NICHT schon seit Jahrtausenden).
    Und *dennoch* gibt es in fast jeder Religion der Welt das Prinzip der Askese und/oder eine Fastenzeit.
    Für etwas, das angeblich "nicht in unserer Natur" sein soll, scheint Verzicht ein erstaunlich unausrottbares Phänomen zu sein.

    Auch heute ist für einen Großteil der Menschen auf dem Planeten "wonniger Wohlstand" ein fremdartiges Konzept. Für Viele stellt sich nicht die Frage, ob sie verzichten sollen oder nicht. Verzicht ist Alltag, ein ständiger Begleiter.

    Und die Frage, wie man zur Arbeit kommt ist selbst in Deutschland für viele keine Frage der Bequemlichkeit oder der Moral, die man mal abends bei einer 100€ Flasche Biowein im Armsessel im Zweitwohnsitz abwägt, sondern blanke Notwendigkeit: entweder du fährst Auto oder du bist arbeitslos.

    Und für die abgearbeiteten Massen ist Urlaub in der Regel Zeit für Regeneration. Wer hat schon Lust, in den paar freien Tagen im Jahr sich noch beim Radfahren zu verausgaben.

    Aber als Wohlstandsmensch weiß man all davon natürlich nichts.

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