Sonntag, 27. Januar 2019

„Irgendwann musst du nach Biel!"


...so nannte der Laufbuchautor Werner Sonntag 1978 seine „Notizen eines 100 km- Läufers" - ein (inzwischen vergriffenes) Büchlein, dessen Titel zum Mantra ganzer Läufer-Generationen wurde. 
Mit 14, als Leichtathletik beim DSC Oldenburg, las ich am schwarzen Brett unserer Trainingshalle erstmals eine Ausschreibung für einen 100 km-Lauf. Die Einzelheiten habe ich vergessen, aber ich erinnere mich gut an den Schauer des Erstaunens, der meinen Rücken hinab rollte. 100 km laufen? Das soll gehen? Peter Maurer, unser Trainer, erläuterte ganz sachlich, dass es sich um eine nicht gar so ungewöhnliche Wettkampfstrecke handele, aber die Verblüffung blieb.
Als ich wieder mit dem Laufsport begann, drängelte sich bald auch diese Erinnerung wieder ins Bewusstsein. Man könnte, man müsste...
Werner Sonntags Bücher wurden, da ich über einen längeren Zeitraum hinweg eh nichts anderes als sportwissenschaftliche Fachwerke las, Leib- und Magenlektüre, und so prägte sich auch mir dieser Satz ein: „Irgendwann musst Du nach Biel".
2011 war es dann soweit, und ich reiste mit Familie zum Schweizer Röstigraben. Mein Training hielt ich für ausreichend, der längste „lange Lauf" war knappe 60 km lang gewesen. 
Die „Bieler Lauftage" sind perfekt organisiert. Start ist  um 22 Uhr, man durchläuft lauter laute Dörfer, in denen mit kleinen Straßenfesten die ganze Nacht hindurch den Läufern gehuldigt wird. Als Schlüsselstelle gilt der „Ho-Tschi-Minh-Pfad", der das dritte Drittel einläutet, ein rüder Wirtschaftsweg mit unregelmäßigen Wackersteinen als Garnitur. Wer sich in der Dunkelheit die Haxen brechen will, hat hier gute Chancen. Das Besondere im Jahr 2011: Es regnete bis km 80 ohne Pause, dann ging der ungewöhnlich beständige Schnürlregen in gewöhnliches Schauerwetter über. Das Gute hieran: Überhitzen konnte niemand. Der Nachteil: Frieren ging durchaus, vor allem, als am Morgen die Kräfte schwanden. Dies wiederum kann die Psyche auf eine harte Probe stellen. Die größte Gefahr, so lernte ich jedoch, besteht für die Zehnägel. 
Aber eins nach dem andern. Ich bestaunte die Strassenfeste, querte Maisfelder, Höhenzüge und waldige Fluren, plauderte mit meinen Sportskameraden; die erste Hälfte war ein gar heiteres Geläuf. Den verschlammten Ho-Tschi-Minh-Pfad schaffte ich sturzfrei, aber seufzend. Die erzwungene Änderung des Laufrhythmus paart sich mit der Rutschgefahr auf den Steinen zu einem Stimmungskiller, zumal, wenn der Trainingsumfang vielleicht eben doch nur sehr knapp ausreichend gewesen sein sollte. 
Warum läuft man in solcher Lage überhaupt weiter? Mit einsetzender Dämmerung lief ich vor allem gegen die Kälte an. Ein Mitläufer hatte sich einen großen Müllsack als Kälteschutz übergezogen- ihn beneidete ich von ganzem Herzen. Heimtückisch spuckte mir der graue Morgen ins Gesicht. Ab km 80 streute ich Gehpausen ein. „20 Schritte gehen, dann laufen bis zum nächsten Km-Schild" - so versuchte ich mich zu motivieren. Aber von Schild zu Schild schwand die Disziplin. Bald ging ich genausoviel wie ich lief, und als ich nach 11 Stunden und 45 Minuten im Ziel eintraf, war ich zu schlapp, um mich ehrlich zu freuen. Der Gesichtsausdruck, den ich beim Zieleinlauf trage, verrät eine gesunde schlechte Laune mit einem Schuss blanker Verzweiflung, allerdings auch einem Teelöffel Erleichterung und einer guten Prise Hoffnung. 
Blöd war ein kleiner Orga-Fehler, der dazu führte, dass ich anschließend zum Hotel gehen musste, weitere drei Kilometer im Plitsch-Platsch-Modus. Dorten legte ich mich umgehend in die Badewanne und erschrak: Sechs Fußnägel fehlten. Der permanente Regen hatte Haut&Horn unbarmherzig aufgeweicht, die Auftrittserschütterungen die Nägel abgelöst. Vor langen Läufen besser die Nägel kurz schneiden! Weiss man ja eigentlich. 
Nach dem Vollbad kam ich aus der Wanne nicht mehr heraus. Meine beiden mitgereisten Söhne mussten mit einem artistischen Hebemanöver ihren Vater aus der Horizontale befreien. Anschließend ging es ins Auto. Zum Mittagessen kehrten wir in Lindau ein, wie immer, wenn ich in der Schweiz an Wettkämpfen teilnahm. Lustig diesmal: Ich war unfähig, die zwanzig Meter vom Parkplatz zum Restaurant alleine zurückzulegen, musste beidseitig gestützt werden. Die Erholung dauerte lange, schon weil sie ja erst abgeschlossen war, als ich wieder über alle Fußnägel verfügte - und das dauerte Monate.
Biel war mein härtester Lauf. Aber irgendwann muss da ja bekanntlich jeder hin. 

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