Mittwoch, 30. Januar 2019

Barfuss in Paris



Auch ich habe schon einige Male vor der Ziellinie die Segel gestrichen. Nein, manchmal habe ich‘s noch nicht einmal an die Startlinie geschafft. Zum Beispiel bei meinem Vorhaben, einen Marathon barfuß zu absolvieren. In fast jedem Sommer der letzten Jahre kriegte ich irgendwann einen Rappel, zog die Schuhe aus und rannte los. Nach ein paar Wochen Aua-Aua meinte ich, die Füsse müssten sich doch so langsam an spitze Steinchen gewöhnen. Ich trainierte weitere Wochen, die Saison der Herbstmarathons nahte, ich untersuche bereits die Streckenbeläge bei den Läufen in Köln, Berlin, Oldenburg, und dann, als es ernst wurde, die Fußsohlen wegen allzu vieler Splitter zwickten und griffstarke Pinzetten zum Einsatz kamen, verließ mich der Mumm. Meine längste Barfußstrecke waren 35 km langsamster Trimtrab, vorwiegend auf Asphalt, weit spannender war jedoch ein Barfuß-Besuch in Paris, als ich nämlich im Maison de la Poesie am ersten internationalen Einkaufszettelsammler-Kongress teilnahm. Indem meine Frau und ich in der Hauptstadt der Mode und des guten Geschmacks ohne Schuhwerk erschienen, sorgten wir für allgemeine Verunsicherung. Verstörte Blicke begleiteten uns buchstäblich auf Schritt und Tritt.

 Diese Deutschen, mochten die Etepetete-Pariser denken, haben einfach nicht alle Tassen im Schrank (bzw Socken am Fuss, wie man auf französisch sagt). Nun ja; wartet nur, eines Tages habe ich die notwendige Lederhaut und laufe barfuß 42 km. 
Grandios gescheitert bin ich auch 2006, als ich mit einem uralten Klapprad Deutschland durchfahren wollte. Zweck der Aktion war ein vielteiliger Reisebericht über Land und Leute. Jeden Tag, so plante ich, könnte man 100 km radeln, sich dann in eine Pension einquartieren, den Klapprechner einschalten und lostippen. Aber: Bereits am Ende der ersten Etappe, die mich von Füssen nach Mindelheim führte, verliess mich die Lust. Das klobige Klapprad liess mich bergauf schwitzen, und am Abend wollte ich nicht mehr schreiben, sondern einfach alle viere von mir strecken. Am nächsten Tag übernachtete ich in Ulm, erklomm vorher aber das Ulmer Münster und ging anschließend ins Theater („Antigone") um auch ja ordentlich Material für mein Reisetagebuch zusammenzutragen. Bis ich die vielen Eindrücke schriftlich in Form gebracht hatte, war es bereits früher Morgen. Am nächsten Tag fuhr ich übernächtigt weiter nach Stuttgart, und passend zum Schlechtwettereinbruch am Nachmittag beschloss ich spontan, die Reise zu beenden.
Ähnlich waschlappig präsentierte ich mich einige Jahre später im Hochsommer, als ich alleine am Stück von München nach Prag radeln wollte. Ich bestieg morgens um fünf mein Rennrad und kam gut voran. In der Mittagszeit ergriff mich ein Anflug von Langeweile, genau in dem Moment, als ich den Bahnhof von Bayerisch-Eisenstein passierte, an der Grenze zu Tschechien. Ein Zug näherte sich. Ich hielt an, studierte den Fahrplan, begriff, dass die einfahrende Bahn nach München fahren würde, und eine knappe Minute später sass ich auch schon im Waggon zurück nach Hause. Bis heute weiss ich nicht ganz genau, welcher Hafer mich da stoch. Aber soo gross wird die Lust aufs Weiterfahren wohl nicht gewesen sein, gell? 
Kapitulationen wie diese behalte ich in der Regel lieber für mich, um meinen Status als beinharter Durchhalter nicht zu gefährden. Ich erzähle Ihnen dies nur, weil ich Ihnen vertraue. Bitte behalten Sie’s für sich. Normalerweise habe ich keine Motivationsprobleme, zumal, wenn’s um das tägliche Training geht. Ich treibe schon so lange Ausdauersport, dass ich vergessen habe, warum. Um-den-Pudding-Laufen ist Teil meines Alltags wie Zähneputzen. Watt mutt, dat mutt. Wenn ich zwei Tage hintereinander nicht trainiere, packt mich diffuser Missmut. Mein Blutdruck sinkt gefährlich,und  ich gebe leise Laute des Unmuts von mir, ähnlich wie ein krankes Meerschweinchen. Alles eine Frage der Konditionierung.


Manchmal geht es auch gar nicht ums „Durchhalten" im engeren Sinne. Da gibt‘s zB die Parseier Spitze (im Bild hinter mir). Das ist ein Berg in den Lechtaler Alpen, der nördlichste 3000er der Alpen. Die Parseier Spitze gilt als nicht unheikel in ihrer Besteigung; das Gestein ist brüchig, die Wegführung unklar. In den frühen 2000ern galt es an der Südseite einen Gletscher zu überwinden, dessen Randkluft sich mit dem Abschmelzen des Ferners von Jahr zu Jahr vergrößerte. Nun ja, hörte ich mich mehrfach seufzen - dieser Berg ist nichts für mich. Man kommt halt nicht über den Gletscher zum Gipfelaufbau. Vor zwei Jahren gelang meinem Sohn Cyprian eine Solobesteigung, und er berichtete, der Gletscherrand sei kein Hindernis mehr. Als wir im letzten Sommer gemeinsam hinaufwanderten, war der Gletscher tatsächlich geschmolzen, aber dafür hinterte uns ein starker Fönsturm am Erklettern der Gipfelpyramide. Es reichte lediglich für den benachbarten Gatschkopf. Wenn ich jedoch ganz ehrlich bin, war ich gar nicht so unglücklich über den Sturm, denn so hatte ich auch weiterhin eine Ausrede. In Wirklichkeit hatte ich nämlich einfach Schiss (Bitte auch hiervon nichts weitererzählen, vor allem nicht meinem Sohn. Der lacht sich dann kaputt). 

Dienstag, 29. Januar 2019

„Finisher" ist auch nur so‘n fucking Anglizismus.


Es muss nicht immer das Finisherfoto sein. Zur wirkmächtigen Außendarstellung, auch zur instrospektiven Beweisführung („Schau, was für ein toller Hecht du bist!") taugen auch andere Utensilien. Sehr beliebt etwa ist die Finishermedaille, die jedem Läufer, der es ins Ziel schafft, um den Hals gehängt wird. Von meinen Finishermedaillen würde ich mich nur im Notfall trennen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass der Materialwert normalerweise unter fünf Euro liegt, dass es sich um banalen Tinnef handelt, ohne jeden künstlerischen Wert, und dass es sich - natürlich - eh nur um einen besonders niedlichen Ausdruck beschämender Eitelkeit handelt. Trotzdem. Ich habe sie alle aufbewahrt. In einem Schuhkarton im Keller.

Wer weiss; vielleicht sage ich eines Tages ja doch zu irgendjemandem: „Darf ich ihnen meine Finishermedaillensammlung zeigen?" Hm. Eher unwahrscheinlich - zumal ich ja eine überaus präsentable Nasenhaarschneidersammlung besitze.
Auch die Urkunden: Gott, ja. Wohin damit? Im Wohnzimmer aufhängen? Nee, das kriege ich nicht hin. Am Ende denken meine Gäste noch, ich wolle ihnen imponieren (ja, was denn sonst?). Doch auch ohne Gäste wäre mir eine solche Beweihräucherung gar zu plump. Zumal nicht alle auf Urkunden notierten Zeiten und Platzierungen zum Auftrumpfen taugen. Aber im Gegensatz zu irgendwelchen Zeitungsartikeln, die über mein Wirken als Fernsehfachkraft geschrieben wurden, und die ich seit Anfang der 90er durchaus lese, aber kaum sammeln würde, könnte ich eine Urkunde nur mit Mühe im Altpapier entsorgen. Dabei kann so eine Urkunde: Nichts. Anders als Finisher-T-Shirts, die ich daheim als Schlafanzug nutze. 

Oder Aufnäher, mit denen sich zur Not Löcher im Anzug kaschieren lassen. Immerhin. Solche praxistauglichen Erinnerungsstücke lassen sich natürlich auch selber machen. Als ich mal alleine nach Mailand radelte, kaufte ich mir beim dortigen H&M ein paar Schuhe:

Alltagstauglichkeit ermöglicht es dem kultivierten Prahlhans, seine Botschaft unter dem Deckmantel funktionaler Notwendigkeit unter die Leute zu bringen. Ein gutes Beispiel ist diese wasserabweisende Handyhülle: 

Nur blöd, dass ich zu den unverbesserlichen Smartfonisten gehöre, deren Blick potentiell immer am Display klebt - wenn denn die Sicht nicht durch Hüllen versperrt ist. Ich habe das gute Stück schnell einer neuen Verwendung zugeführt. Es dient nun als Futteral für meine Fussnagelknipser. 
Als engagierter Kaffeetrinker habe ich ein ausgeprägtes Faible für bedruckte Tassen. Beim Ostfriesland-Marathon gab‘s damals zB auch eine:
Seit 16 Jahren ist diese Tasse bei mir im Einsatz. Ein gutes Stück Lebensweg, das sie mich da inzwischen begleitet. Und bei jedem Schluck denke ich an einen lauen Sommertag mit Steinfliegenschwärmen im Gegenlicht, drei Runden à 14 Kilometer und ein nettes Laufgespräch mit Udo Möller, damals von Beruf Redenschreiber des Hannoveraner Bürgermeisters. Udo, wenn Du dies liest: Melde Dich mal! Geht‘s Dir gut? 
Für den großen Kaffeedurst ist eine andere Tasse besser geeignet, nämlich diese hier: 

Auf der Rückseite ist ein Bild des Markusplatzes in Venedig zu sehen. Der Humpen erinnert nämlich an eine Rennradtour von Füssen nach Venedig. Ziel war allerdings nicht nur Venedig, sondern vor allem die Zahl „600" - eine Kilometerdosis, die sich ergab, indem zunächst Verona großzügig umkurvt, dann Venedig angepeilt wurde. Etwa 20 ambitionierte Radler waren damals unterwegs, es mag 2006 gewesen sein, und wir nutzen unter professioneller Anleitung des österreichischen Crossradmeisters Peter Presslauer die enormen Möglichkeiten des Windschattenfahrens. Zweierreihe, man verbringt einige Minuten vorne und tritt kräftig in die Pedale, dann lässt man sich links und rechts zurückfallen, um sich hinten wieder der Karawane anzuschließen. Dort fährt man im maximalen Windschatten, und das fühlt sich so an, als müsste man kaum treten. Anschließend pedaliert man sich locker wieder nach vorne durch, ehe man eine halbe Stunde später erneut ein Weilchen Führungsarbeit leisten darf. In Venedig kamen wir auf diese Weise nach 23 Stunden pausenloser Fahrt an - eine Stunde schneller als erwartet. Und wo wir gerade bei 24-Stunden-Unternehmungen sind: Die nächste Tasse ist mit dem Logo von „Ski Heul" bedruckt, einer exquisiten Skilanglaufveranstaltung, die ich höchstselbst gemeinsam mit meinem Sportfreund Hannes Zacherl organisierte. Hierzu bei Gelegenheit mehr. 
Ach, „Finishen" ist auch überbewertet. Meine verehrte Kollegin Anke Engelke wollte vor erlichen Jahren Marathon laufen. Anke ist eine beinharte Perfektionistin und überlässt nichts dem Zufall. So bereitete sie sich gründlichst vor und flog rechtzeitig vor Tag X nach Montreal (ähnlich wie ich damals in Winterthur wollte auch sie anonym unterwegs sein, darum Kanada). Sie akklimatisierte sich planmäßig, lief los, und nach 200 m fragte sie sich: „Was mache ich hier eigentlich?". Und dann beendete sie ihr Rennen. DNF („Did not finish", ein Insider-Terminus, so ähnlich wie ROTFLOL - nur weniger sportlich). Merke: Man kann durchaus in Würde aufgeben! Der grösste Not-Finisher ist gewiss Göran Kropp, schwedische Bergsteigerlegende, der sich per Rad in Stockholm aufmachte, um den Mount Everest zu erklimmen. Als er nach langer Fahrt ankam und zum Basislager aufgestiegen kam, kam es just zur berühmten Katastrophe 1996, in deren Verlauf acht Alpinisten ums Leben kamen. Göran Kropp liess den Gipfel sausen und half stattdessen bei der Suche nach den Vermissten. Anschließend radelte er wieder nach Hause. Leider starb er sechs Jahre später selber bei einem Kletterunglück, erst 36 Jahre alt. Nein; dann lieber finishen! 

Der Angeber



So mancher mag sich fragen: Warum läuft man 100 km? Warum laufen all die Marathonis überhaupt? Vor wem laufen sie weg? Vor sich selber? Hm. Vor sich selber wegzulaufen ist, wenn‘s jetzt um die Physis geht, leicht und schwierig zugleich. Natürlich kann man vor jener Person flüchten, die man eine Sekunde zuvor an einem anderen Ort war, etwa einen Meter weiter hinten. Wir alle verändern uns unaufhörlich, werden immer älter, ganz abgesehen von der Heisenberg’schen Unschärferelation, die, wenn ich die Grundidee nicht ganz missverstanden habe, annimmt, dass ein Atom nie zweimal am selben Ort sein kann. Man muss also gar nicht hetzen, wenn man seinem vormaligen Ich ade sagen will. Man kann auch einfach sitzen bleiben, abwarten und eine Tasse Tee trinken. 

Hochkompliziert ist auch das „Laufend zu sich selber finden". Wie sagte der Schauspiellehrer Hugo Egon Balders zu seinen Eleven? „Hören sie nicht in sich hinein - da ist nichts!" Manch einer läuft und läuft, stößt aber, wenn überhaupt, auf eine Person, die er nie sein wollte. Und dann gilt es Reißaus nehmen - was aber eben nicht funktioniert. 



Kann man sich vor Sorgen, Problemen, Alltagsödnis in den Ausdauersport flüchten? Ja, das geht. So wie man sich auch in Alkohol oder Liebesromane flüchten kann, allerdings löst Alkohol die Probleme nicht nur nicht, sondern man bekommt obendrein eine Fahne. Das Bücherlesen verursacht keine Fahne, kann aber, so wie Alkohol, zu Schwindel und Herzklopfen führen. Das Herz wiederum wird auch vom Laufen trainiert, darüberhinaus jedoch auch große Teile der Skelettmuskulatur (sehr schwere Schmöker können die Haltearme trainieren, das wars dann aber auch). Das angelesene Wissen kann im Alltagsleben hilfreich sein, so wie der strunzgesunde Body des Athleten zB auch beim Möbeltragen hilft, etwa wenn ein Umzug ansteht. Manch Spirituose schmeckt sehr gut - besser als viele Fitnessriegel, und Bücher schmecken holzig. Schwierig zu sagen, was da als Fluchthelfer am wirksamsten ist. 

Jeder Arzt wird konstatieren, dass Ausdauersport die gesündeste Variante ist, aber erstens: Da das Leben im Regelfall mit dem Tod endet, ist Gesundheit zwar ein hohes Gut, aber kein Allheilmittel. Der Sensenmann ist Kenianer hoch zwei, hätte ich fast geschrieben. Zweitens: Natürlich ist moderate Bewegung gesund, aber 100 km eben nicht. Fragen Sie meine Fußnägel. Die Crux an der Sache: Mit einem Ziel trainiert es sich leichter, und das Training selbst ist gesund. Als Neueinsteiger spürt man die positiven Effekte täglichen Trainings nach drei Monaten auf allen Ebenen (so lange sollte man allerdings durchhalten). 

Ist denn auch ein Leben ohne „Flucht" vorstellbar? Vielleicht sogar besser? Anzustreben? Weiss ich nicht. Nach meiner Lebenserfahrung sehnt der Mensch sich aus Prinzip fast immer nach irgendetwas, was gerade nicht verfügbar ist. Schnee. Sonne. Arbeit. Urlaub. Einsamkeit. Zweisamkeit. Das Unterwegs-Sein entspricht der nomadischen Natur des Menschen vielleicht besser, weil er eben unterwegs ist, noch nicht angekommen an einem Ort, von dem er sich ja sowieso schon bald wieder fortwünscht. Immerhin waren unsere Vorfahren täglich mit der Jagd beschäftigt, legten in der afrikanischen Savanne 30 km zurück, womöglich barfuss. Und da war kein „Mann mit dem Hammer" - unser Vorfahr war selber ein Mann mit Hammer. Ja, das „Zurück zur Natur"-Argument ist stark. Andererseits kann man noch so sehr ein Leben praktizieren, das unsere Steinzeitgene berücksichtigt - aus eigener Erfahrung weiss ich, dass man auch beim Laufen den Wunsch verspüren kann, ganz woanders zu sein, nämlich daheim auf der Couch. 

Was ist mit „flow" und „Serotonin"? In einen meditativen Zustand kann man, etwas Übung und Talent vorausgesetzt, hineinlaufen. Dösen in Bewegung. Man denkt an nichts bestimmtes, und zack! ist wieder eine Stunde rum. Die Freuden der Serotonin-Ausschüttung, womöglich gar auf Rauschgift-Niveau („Runner‘s High") sind mir leider nie begegnet. Wahrscheinlich bin ich einfach zu unsensibel. Nein, zu echtem Heroin ist Laufen dann wahrscheinlich doch keine ernstzunehmende Alternative. 



Gerne hört man auch von laufenden DAX-Vorständen und ähnlichen Zeitgenossen den Satz: „Beim Laufen kommen mir die besten Ideen". Nein, mir ist beim Laufen noch nicht viel eingefallen. Ich habe Ideen überhaupt höchstens dann, wenn ich muss. Eine Idee beim Laufen fände ich auch gar nicht so günstig, weil ich sie dann notieren müsste. Also Handy raus, eintippen, und das kann ich nur im Gehen, besser noch im Stehen. 

Ein schönes Argument für Sport, oder, ums mal etwas runterzubrechen, „Bewegung an der frischen Luft" ist die Möglichkeit, mit kleinstem Aufwand größte Abenteuer zu erleben. Wer erstmals 100 km zurücklegt, oder Marathon, oder vielleicht auch nur 5 km, betritt eine persönliche Terra inkognita, wird zu Christoph Columbus in eigener Sache. Einfach raus inden Park oder in die Nachbarstadt. Oder hundert mal um den Block. Kostet nichts und sorgt für tolle Anekdoten, die man später im Kaminzimmer des Altersheims zum Besten geben kann. Und darum geht‘s doch im Leben. 

Schnöde formuliert kann man natürlich sagen, es gehe vielen Läufern um Angeberei. Ich-besessene Narzissten, die ihre Mitmenschen mit den ewig gleichen Fotos belästigen, zB. laufend vor irgendwelchen Bergpanoramen. Ja. 

Sonntag, 27. Januar 2019

„Irgendwann musst du nach Biel!"


...so nannte der Laufbuchautor Werner Sonntag 1978 seine „Notizen eines 100 km- Läufers" - ein (inzwischen vergriffenes) Büchlein, dessen Titel zum Mantra ganzer Läufer-Generationen wurde. 
Mit 14, als Leichtathletik beim DSC Oldenburg, las ich am schwarzen Brett unserer Trainingshalle erstmals eine Ausschreibung für einen 100 km-Lauf. Die Einzelheiten habe ich vergessen, aber ich erinnere mich gut an den Schauer des Erstaunens, der meinen Rücken hinab rollte. 100 km laufen? Das soll gehen? Peter Maurer, unser Trainer, erläuterte ganz sachlich, dass es sich um eine nicht gar so ungewöhnliche Wettkampfstrecke handele, aber die Verblüffung blieb.
Als ich wieder mit dem Laufsport begann, drängelte sich bald auch diese Erinnerung wieder ins Bewusstsein. Man könnte, man müsste...
Werner Sonntags Bücher wurden, da ich über einen längeren Zeitraum hinweg eh nichts anderes als sportwissenschaftliche Fachwerke las, Leib- und Magenlektüre, und so prägte sich auch mir dieser Satz ein: „Irgendwann musst Du nach Biel".
2011 war es dann soweit, und ich reiste mit Familie zum Schweizer Röstigraben. Mein Training hielt ich für ausreichend, der längste „lange Lauf" war knappe 60 km lang gewesen. 
Die „Bieler Lauftage" sind perfekt organisiert. Start ist  um 22 Uhr, man durchläuft lauter laute Dörfer, in denen mit kleinen Straßenfesten die ganze Nacht hindurch den Läufern gehuldigt wird. Als Schlüsselstelle gilt der „Ho-Tschi-Minh-Pfad", der das dritte Drittel einläutet, ein rüder Wirtschaftsweg mit unregelmäßigen Wackersteinen als Garnitur. Wer sich in der Dunkelheit die Haxen brechen will, hat hier gute Chancen. Das Besondere im Jahr 2011: Es regnete bis km 80 ohne Pause, dann ging der ungewöhnlich beständige Schnürlregen in gewöhnliches Schauerwetter über. Das Gute hieran: Überhitzen konnte niemand. Der Nachteil: Frieren ging durchaus, vor allem, als am Morgen die Kräfte schwanden. Dies wiederum kann die Psyche auf eine harte Probe stellen. Die größte Gefahr, so lernte ich jedoch, besteht für die Zehnägel. 
Aber eins nach dem andern. Ich bestaunte die Strassenfeste, querte Maisfelder, Höhenzüge und waldige Fluren, plauderte mit meinen Sportskameraden; die erste Hälfte war ein gar heiteres Geläuf. Den verschlammten Ho-Tschi-Minh-Pfad schaffte ich sturzfrei, aber seufzend. Die erzwungene Änderung des Laufrhythmus paart sich mit der Rutschgefahr auf den Steinen zu einem Stimmungskiller, zumal, wenn der Trainingsumfang vielleicht eben doch nur sehr knapp ausreichend gewesen sein sollte. 
Warum läuft man in solcher Lage überhaupt weiter? Mit einsetzender Dämmerung lief ich vor allem gegen die Kälte an. Ein Mitläufer hatte sich einen großen Müllsack als Kälteschutz übergezogen- ihn beneidete ich von ganzem Herzen. Heimtückisch spuckte mir der graue Morgen ins Gesicht. Ab km 80 streute ich Gehpausen ein. „20 Schritte gehen, dann laufen bis zum nächsten Km-Schild" - so versuchte ich mich zu motivieren. Aber von Schild zu Schild schwand die Disziplin. Bald ging ich genausoviel wie ich lief, und als ich nach 11 Stunden und 45 Minuten im Ziel eintraf, war ich zu schlapp, um mich ehrlich zu freuen. Der Gesichtsausdruck, den ich beim Zieleinlauf trage, verrät eine gesunde schlechte Laune mit einem Schuss blanker Verzweiflung, allerdings auch einem Teelöffel Erleichterung und einer guten Prise Hoffnung. 
Blöd war ein kleiner Orga-Fehler, der dazu führte, dass ich anschließend zum Hotel gehen musste, weitere drei Kilometer im Plitsch-Platsch-Modus. Dorten legte ich mich umgehend in die Badewanne und erschrak: Sechs Fußnägel fehlten. Der permanente Regen hatte Haut&Horn unbarmherzig aufgeweicht, die Auftrittserschütterungen die Nägel abgelöst. Vor langen Läufen besser die Nägel kurz schneiden! Weiss man ja eigentlich. 
Nach dem Vollbad kam ich aus der Wanne nicht mehr heraus. Meine beiden mitgereisten Söhne mussten mit einem artistischen Hebemanöver ihren Vater aus der Horizontale befreien. Anschließend ging es ins Auto. Zum Mittagessen kehrten wir in Lindau ein, wie immer, wenn ich in der Schweiz an Wettkämpfen teilnahm. Lustig diesmal: Ich war unfähig, die zwanzig Meter vom Parkplatz zum Restaurant alleine zurückzulegen, musste beidseitig gestützt werden. Die Erholung dauerte lange, schon weil sie ja erst abgeschlossen war, als ich wieder über alle Fußnägel verfügte - und das dauerte Monate.
Biel war mein härtester Lauf. Aber irgendwann muss da ja bekanntlich jeder hin. 

Startnummernsalat




Warum wählte ich Winterthur als Ort meines ersten Marathonlaufes aus? Im Internet (ja, das gab‘s damals schon) hatte ich eine Liste mit Marathonläufen gefunden. Mein Training wollte ich streng nach Ratgeberliteratur gestalten, wofür in den meisten Büchern 10-12 Wochen veranschlagt wurde, bei Neulingen lieber länger als kürzer. Vorsichtshalber wollte ich erst möglichst spät im Frühjahr auf die Strassen, die die Welt bedeuten, und am liebsten im Ausland, um Pressevertretern aus dem Weg zu gehen, die ein eventuelles Scheitern womöglich mit Genuss vermeldet hätten. Und wenn man noch nie Marathon gelaufen ist, weiss man ja nicht, was auf einen zukommt. Nachher kommt der ominöse „Mann mit dem Hammer", haut einen in 1000 Stücke, und man wird zu einem Fall für die Straßenkehrer. 
Mit Marathontemporechnern (Internet) analysierte ich meine Zielzeit. Mit 80 km pro Woche stellte ich mich auf eine Endzeit von 3:30 ein. 



Es gibt natürlich noch einige weitere gute Gründe für Winterthur: Walter Steiner erfand 1947 die Wäschespinne in Winterthur. Typisch für die Stadt ist ein kalter Fallwind, sozusagen das Gegenteil des Föns, die „Bise". Gut möglich, dass dieser Wind das praktische Gestell zum Wäschetrocknen erst inspiriert hat. Überdies ist Winterthur eine Hauptstadt der Heavy-Metal-Musik, da wohnt und probt zB „Eluvetie", und das Stadtbild steht in schönem Kontrast zu deren wilder Musik. Alles ist sauber und aufgeräumt. Aber selbst wenn Winterthur ein garstiger, unsympathischer Ort wäre: Wenn man einmal irgendwo Marathon läuft, schließt man den Ort in sein Herz. Nun hatte ich bei meiner Premiere auch Glück: Ich ging in Topform an den Start, der längste Lauf in der Vorbereitung war 37 km lang gewesen, ich hatte mich beflissen erholt, das Wetter war prima, und die Mitläufer empfand ich als angenehm. Am Wegesrand schossen Schweizer auf lebensgroße Sperrholzmänneken. Was man eben an einem Schweizer Sonntag im Mai so macht. Das beflügelt! Nach genau 3:30 kam ich ins Ziel, strahlend wie das berühmte Honigkuchenpferd. Natürlich bewahrte ich die Startnummer auf, so wie auch bei meinem zweiten Marathon, den ich keckerweise bereits drei Monate später, in Füssen, quasi vor der Haustür absolvierte: 

Hm. 2 passt zwar gut zum zweiten Marathon, aber ich glaube, die damalige Startnummer war doch eine andere. Vielleicht die hier: 

Saukel ist immehin ein Laden in der Gegend. Oder die hier?

Verflixt, ich hätte die mal alle beschriften sollen. Könnte auch die hier gewesen sein:

Oh, hier ist nochmal Saukel als Sponsor. Sieht aber irgendwie neuer aus: 

Die kann‘s natürlich auch sein:
Hm...


Zulange her...

Ich weiss schon nicht mal mehr, warum ich die Nummern überhaupt aufbewahrt habe...

In Füssen jedenfalls bin ich später auch wieder mitgelaufen. Da sind die Startnummern leichter zuzuordnen. ZB hier:

Und noch einmal war ich in Füssen:

Klar zuordnen lassen sich immer die Nummern der grossen Stadtmarathons. Zum Beispiel in Bonn, da lief ich 2003 meine heute noch gültige persönliche Bestleistung, nämlich 3:20.




Hamburg. Da trug ich als einziger Teilnehmer eine Krawatte und nannte mich fortan den Sieger der Krawattenläufer-Wertung. Merke: Um irgendwo der Beste zu sein, erfinde einfach eine Sportart, in der Du der einzige Athlet bist. In Hamburg 2002 ging übrigens auch Dieter Baumann an den Start, Olympiasieger in Barcelona über 5000m. Und gab nach 38 km auf. Und bereits Minuten später kursierten T-Shirts mit der Aufschrift: „Olympiasieger-Besieger"

München, da war ich mehrmals. Kann aber nur eine Nummer finden, nämlich die von 2011: 

Eifelmarathon 2002. Ein angenehm meditatives Rauf und Runter. 

Voralpenmarathon in Kempten. Da gings ganz schön zur Sache, was die Höhenmeter anging. 
In Oberstaufen lief man über die Nagelfluhkette, 1900 Höhenmeter, das ist gebirgstechnisch noch anspruchsvoller:

Und im Jahr drauf gleich noch mal, weils so schön war:

Auf die Zugspitze bin ich auch mal gehudelt:

Und, weil mich bald nach noch mehr Steigung dürstete, reiste ich wieder in die Schweiz. Von Chur aufs Parparner Rothorn. Ein Berg, etwa so hoch wie die Zugspitze. Da war ich sogar richtig schnell. Und sah erwachsene Männer im Schnee unterhalb des Gipfels weinen.

Unter den Hochgebirgsläufen ist der Swiss-Alpin-Marathon in Davos ein echter Klassiker. 78 km, und nach zwei Dritteln läuft man an einem Rennarzt vorbei, der einem kurz in die Augen schaut und dann entscheidet, ob man weiterlaufen darf oder nicht. Dem stellt sich jeder mit einem gewissen Lampenfieber vor. Mich liess er passieren, uff. 
Einer meiner schönsten Läufe war auch der Marathon auf Helgoland. 4 mal im Kreis, so dass man die einzige deutsche Hochseeinsel gründlich kennenlernt. Und die Bewohner sind verkleidet, als Cowboy, Araber, Frau Antje, und teilt die Getränke an der Strecke aus. Ein tolles Volksfest! 



Und nun noch einmal in die Schweiz, zum längsten Lauf, den ich je am Stück absolvierte, den „100 km von Biel"



Samstag, 26. Januar 2019

Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Räder



Im Winter 2001/2002, als ich enthusiastisch auf meinen ersten Marathon hintrainierte, stolperte ich in nahezu allen Laufratgebern auch über die Erwähnung des Fahrrades als Alternative zum täglichen Trimmtrab. Hatte ich nicht seit Monaten über Staus und Parkplatzsuche auf meinen Fahrten nach München geklagt? Eineinhalb Stunden brauchte ich von Bernbeuren am Auerberg in die Stadt, und ich konnte mir kaum ausmalen, wie lang man mit dem Fahrrad unterwegs sein würde. Einen, zwei Tage? Eine Woche? Hinzu kam, dass ich als Oldenburger das Radeln im Flachland erlernt hatte, auf einem Bonanzarad mit Bananensattel und Dreigangschaltung auf dem Oberrohr. Die hügelige Landschaft des Allgäus erschien mir praktisch unbefahrbar. Ich hatte kurz nach meinem Zuzug eiben Test auf einem uralten Mountainbike unternommen, dass ich im Speicher gefunden hatte. Bereits an der ersten Steigung war ich kopfschüttelnd abgestiegen. 
Da ich aber immer wieder Menschen aller Altersklassen auf Fahrrädern im Allgäu herumrollen sah, konnte man nicht ausschließen, dass der Fehler nicht bei der Landschaft lag, sondern bei mir. 
Eines Tages betrat ich das Fahrradfachgeschäft von Herrn Lerf in Schongau und trug ihm mein Anliegen vor. Er nichte verständig und machte mich mit der Funktionsweise einer Gangschaltung vertraut. In den Bergen gilt: Je mehr Gänge, desto leichter (jetzt mal grob vereinfacht). Ich vertraute seinem Fachwissen und liess mir ein Cross-Trecking-Rad von Univega andrehen, ausserdem Klickpedale, die dazugehörigen Schuhe, einen Helm, und was man halt so braucht für eine 99-km-Tour. Genau so lang ist nämlich der Weg in die Stadt, den ich am Tag darauf per Wanderkarte ausbaldowerte (Navigationssoftware für Fahrräder gab es damals noch nicht). 


An einem sonnigen Tag im April 2001 wagte ich mich dann erstmals auf grosse Fahrt: Ich führ morgens um 9 los, durchquerte Schongau, striff nach einsamer Radelei durch idyllische Einöden das Südufer des Ammersees, rauf nach Pähl, über den Golfplatz, weiter nach Starnberg, via Olympiastraße nach München. Unterwegs verzehrte ich, wie von Herrn Lerf empfohlen, zwei Riegel, trank meine Trinkflaschen leer und stieg zweimal zwecks Pinkelpause ab (nein, das hatte Herr Lerf mir nicht empfohlen). Für die Strecke mit ca. 700 hm (kein Problem dank Gangschaltung) brauchte ich etwas über vier Stunden. Ok, mit dem Auto ist man auch bei Stop&Go schneller, aber schöner ist‘s auf dem Rad. Motto: Freiheit und Abenteuer. Andere Leute fahren extra in Urlaub, um dort zu radeln - kann man machen, ist aber gar nicht nötig. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Man radele ganz banal zur Arbeit und verlebe auf diese Weise einen kurzen, schönen Urlaub. 
Damals, Anfang der 2000er, drehte ich die Sendung „WiB-Schaukel", bei der ich Promis an Orten interviewte, die sie sich selber ausgesucht hatten. Für Schnitt und Vertonung musste ich immer wieder zwei, drei Tage in Pullach basteln. Ich übernachtete in München und fuhr nach getaner Arbeit zurück an den Auerberg. Rückwärts dauerte es etwas länger wegen mehr Höhenmetern. 
Nein, ganz ersetzte ich das Auto nicht durchs Fahrrad. Vor allem im Winter war das Töfftöff in Bernbeuren unverzichtbar. Erst, als ich viele Jahre später nach München zog, gab ich mein Auto an einen Sohn weiter, der jwd studierte. Seither kombiniere ich das Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel, und ich habe mein Auto nie, nie, nie vermisst. 
Ja, auch meine erste Tour nach München habe ich als besonderes Erlebnis in Erinnerung, aber es war weniger Stolz, der mich erfüllte, sondern Erstaunen. Man konnte also aus eigener Kraft an einem einzigen Vormittag hundert Kilometer zurücklegen und dabei Spass haben. Ja, warum sitzen die Leute alle in ihren Blechschachteln herum und ärgern sich? Und mit diesem Staunen verfolge ich auch heute die Dieseldebatte: Wenn die Leute wüssten, was ihnen entgeht! Wie schön es ist, sich Wind und Wetter um die Nase wehen zu lassen! Und am Ziel muss man nicht dreimal um den Block schleichen, auf der Suche nach einem Parkplatz. Man stellt die Mähre einfach vor dem Imbiss ab und schlägt sich den Bauch voll. Denn auf dem Rad verbrennt man Fett statt Diesel, und  nach 100 km darf der Tank mit bestem Gewissen aufgefüllt werden. Guten Appetit! 
Ein Bild von meinem ersten Rad besitze ich nicht (damals habe ich überhaupt nur analoge Fotos gemacht, also auf Film). Was ich aber noch habe: Alle meine Landkarten. Von denen könnte ich mich nur schwer trennen. 

Freitag, 25. Januar 2019

Sport und Sütterlin



Nachdem ich am 8. Oktober 2000 erstmals eine Stunde gelaufen war, setzte eine unerhörte Dynamik ein. Quasi sofort drängte sich mir ein Ziel auf, unwiderstehlich wie die Sirenen für Odysseus: Marathon! Durch Ratgeberlektüre machte ich mich mit den wichtigsten Trainingsprinzipien vertraut, zB mit der sogenannten Zyklisierung (auf drei Wochen Steigerung des Trainingsumfangs folgt eine Erholungswoche) oder mit dem Prinzip der Superkompensation (jeder Trainingsreiz schwächt zunächst den Körper und veranlasst ihn nach einer Weile, sich für den folgenden Reiz zu wappnen, etwa, indem er Kohlehydrat-Reserven anlegt. Diesen Mechanismus gilt es zu nutzen). 
In wenigen Wochen trug ich eine umfangreiche Spezialbibliothek zusammen. Besonders ins Herz schloss ich den Universalschmöker „Marathontraining" von Manfred Steffny sowie eine etwas abseitige sowjetische Forschungsarbeit zum Thema „naive Enspannungstechniken", erworben in einem Leipziger Antiquariat. Mit diesem Begriff bezeichneten die Sportwissenschaftler der Breschnjew-Ära all jene Regenerationsmethoden, deren Wirkung nicht wissenschaftlich erklärbar sind, also zB Fernsehen, Zwiebelschneiden oder Teddys knuddeln. 
Bereits in der ersten Woche meines neuen Sportlerlebens führte ich Trainingstagebuch, in das ich gewissenhaft eintrug, was ich trainiert hatte, wie lange, wie intensiv, bei welchem Wetter und mit welchem Befinden. Etwas später, nachdem ich mir einen Pulsmesser zugelegt hatte, ergänzte ich die täglichen Einträge um meinen Ruhepuls (morgens liegend gemessen), und bald notierte ich auch die Anzahl der gerauchten Zigaretten. Hui, waren das damals viele. Heute, im Zeitalter der vielen Fitness-Apps, wird die Dokumentation ja weitgehend automatisch erledigt und ins Netz gestellt. Damals, im Spätherbst 2000, gab es noch keine Smartphones und man musste alles selber machen. Heutzutage sehe ich die Bürokratisierung des Körpers eher skeptisch, aber meinerzeit liebte ich die tägliche Tagebuchschreiberei, deren besonderer Reiz darin bestand, radikal ehrlich zu sich selbst zu sein. Klingt banal, war aber spannend. Heute ist diese Ehrlichkeit eher unausweichlich, wenn man sich nämlich einer Fitness-App anvertraut - so unausweichlich, dass man fast schon wieder Lust hätte, den unbestechlichen Big Brother im Handy zu foppen. 
Im Dezember 2000 lief ich erstmals zwei Stunden, mein Ziel fest im Visier: Ich wollte Marathon laufen und hatte für mein Debüt den Lauf in Winterthur auserkoren. Stichtag: der 20. Mai 2001. 
Auch heute noch bin ich begeisterte Dokumentarist meiner sportlichen Aktivitäten, allerdings mit anderem Schwerpunkt. Zum Vergleich werfen wir einen Blick in meinen Taschenkalender aus dem vorletzten Jahr. 17 Jahre nach meinem ersten Trainingtagebuch hat sich viel verändert: Inzwischen ist meine Handschrift auf Sütterlin umgestellt, denn neben dem Notieren der Einkaufsliste sind Tagebucheinträge eines jener wenigen Felder, die sich zum Einüben ungewöhnlicher Schriften eignen. Muss ja eh nicht jeder entziffern, was man in seiner Freizeit so anstellt. In diesem Fall dolmetsche ich gerne: Mit dem Tretroller war ich auf der Insel Sylt unterwegs, und in einer Urlaubswoche legte ich stattliche 234 km zurück. Zeiten und Tempi interessieren mich nicht mehr, mein Pulsmesser ist ausrangiert, und das Rauchen habe ich mir schon vor Jahren abgewöhnt. Was bleibt, ist der Spaß am Kilometersammeln. Und an der deutschen Schreibschrift. 


Danke, Heike!



Im Herbst 2000 gewann Heike Drechsler bei den Olympischen Spielen Gold im Weitsprung. Ich sass, griessbreigesättigt, vor dem Fernseher und dachte mir: Wenn Heike Drechsler drei Jahre älter ist als ich und Gold gewinnt - dann gehöre ich ja womöglich auch noch nicht endgültig zum alten Eisen. Ich war damals 33 Jahre alt. Noch am selben Tag besorgte ich mir ein billiges Paar Sportschuhe und lief um das Müllwerk in Oldenburg, eine der Standardstrecken meiner leichtathletischen Jugend. Die Strecke ist 3 km lang, und ich kam zwar nicht im engeren Sinne halbtot, aber doch einigermaßen lädiert im Ziel an. Am nächsten Tag geschah erstaunliches: Ich legte die Strecke erneut zurück, trotz bitteren Muskelkaters. Und auch am dritten Tag lief ich den Weg, verlängerte diesen sogar um einige hundert Meter. Bemerkenswert, da ich während meiner sportfreien Epoche immer mal damit geliebäugelt hatte, regelmäßig Sport zu treiben, und nie hatte ich es geschafft, drei Tage hintereinander zu joggen. Wahrscheinlich war es der Zauber Heike Drechslers, der in meinem Seelengefüge einen inneren Schalter umgelegt hatte - hierfür werde ich ihr auf ewig dankbar sein, und ihre Autogrammkarte hängt gerahmt an einem Ehrenplatz im Wohnzimmer. 
Nein, auch nach drei Tagen war mein Hunger nicht gestillt, ich lief weiter, länger, entschlossener, und bereits am siebten Tag war ich (nachdem ich mich furchtlos ins Blaue gewagt und ein wenig verirrt hatte) eine ganze Stunde joggend unterwegs. Eine Stunde! Ich war so stolz wie selten zuvor in meinem Leben. 
Nun gehöre ich zu jenen, die gemeinhin eher vorsichtig mit dem Wort „Stolz" umgehen. „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" käme mir vermutlich nie über die Lippen, weil ich ja nichts für mein Deutschsein kann. Auch Stolz auf irgendwelche beruflichen Leistungen empfinde ich nicht, weil mein Erfolg ja in erster Linie von der Gunst des Punlikums abhängt - worauf ich wiederum nur in Maßen Einfluss ausüben kann. Meine Erfolge im Fernsehen empfinde ich eher als Geschenk. Das Erreichen sportlicher Ziele im Ausdauersport allerdings ist in erster Linie vom eigenen Fleiss abhängig - jedenfalls, so lange man nicht besser sein will als andere. 
Ein wunderbar unkompliziertes Feld tat sich auf: Wohlbehagen durch Stolz durch Im-Ziel-Ankommen durch Weiterlaufen. Ausreichend früh begriff ich, dass es nicht hilfreich ist, über Tempo überhaupt nur nachzudenken. Besser, der Stolz kommt über die zurückgelegte Distanz zustande, noch besser (weil einfacher), nicht die Distanz, sondern die Zeit, die man unterwegs ist, entscheidet. Ich jedenfalls platzte vor Genugtuung, als ich erstmals eine Stunde am Stück gelaufen war. Ich war: The Body, Forever Number one, ein ganz toller Hecht! 
Soeben fällt mir auf, dass ich ja mal ein Lied gesungen habe, das „Hilf mir doch, Heike!" heisst. Zusammen mit der Band „Bremen" wurde das Werk 1988 aufgenommen und sogar von einigen Dutzend Enthusiasten gehört. Wenn ich mich recht entsinne, ging es in dem Lied um den Weltuntergang, sinkende Schiffe, der Zorn Jehovas, explodierende Vulkane, das ganze Programm. Im Refrain bitte ich Heike, mir zu helfen. Ob Heike Drechsler sich hieraufhin meiner erbarmt hat? 
Ganz nüchtern betrachtet: Wenige Menschen haben mein Leben so radikal beeinflusst wie die Olympiasiegerin von Sydney. Unter den 10 schönsten Erlebnissen, die ich bisher zusammentragen durfte, sind gewiss drei Unternehmungen, die ohne ihre Inspiration nicht stattgefunden hätten. Und Weltuntergang war bisher auch nicht. Danke, liebe Heike! 

Donnerstag, 24. Januar 2019

Vom Denunzianten zum Doofen


Nach dem Kinderturnen ging ich mit 10 zum Judo (Schwarz-Weiss Oldenburg). Dies hatte den Vorteil, dass man mich fortan auf dem Pausenhof nicht mehr verhaute. Ich war nämlich in der 3. Klasse zum Klassensprecher gewählt worden und hatte die Aufgabe dieses Amtsträgers anfänglich missinterpretiert, nämlich gemeint, meine Aufgabe bestünde darin, die Namen sich raufender Mitschüler auf einem Zettel zu notieren und diesen im Lehrerzimmer abzugeben. Kloppe war die Folge - bis meine Klassenlehrerin Frau Uster mich bei der Hand nahm, nach vorne an die Tafel führte und raunte „Wigald kann jetzt Judo!" Dann war Ruhe.
Nach dem Erwerb des gelben Gürtels wurde ich Brillenträger, was in Schlägereien ein zusätzlicher Schutzfaktor sein kann. Anschließend wechselte ich zum Handball (VfL Oldenburg), ehe ich zur Leichtathletikabteilung des DSC Oldenburg transferierte. Fotografisch sind all diese Etappen nicht dokumentiert. Ja, so war das, als es noch keine Fotohandies gab: Ganze Tage, mitunter Wochen vergingen, ohne dass ein einziges Bild geknipst wurde. 
Als Leichtathlet jedenfalls spezialisierte ich mich mit 14 Jahren auf den Diskuswurf, im wesentlichen, weil die Leistungsdichte auf Kreisebene gering war. Bei den niedersächsischen Landesmeisterschaften 1982 wurde ich dennoch letzter (nach drei jämmerlich missglückten Fehlversuchen), und ich meldete mich noch am selben Tag bei meinem Trainer ab, um mich verstärkt der Musik zuzuwenden. 
Klavierunterricht war das schwarze Kapitel meiner Kindheit gewesen, aber immerhin hatte ich mir auf dieser Grundlage Querflöte selber beibringen können. Und Jazz fand ich, nachdem ich mit 13 das „Massey Hall Concert" von Charlie Parker gehört hatte, mindestens ebenso packend wie den damaligen Weltrekordler im Zehnkampf, Guido Kratschmer. Nein, nicht Guido Maria Kretschmer. Die beiden haben nichts miteinander zu tun. Kratschmer war damals unser Held und sah soo aus:


Obwohl...wäre lustig, wenn letzterer aus dem ersten hervorgegangen wäre. Umziehen, Haare färben, zwei Buchstaben ändern, und im neuen Job durchstarten...
Aus dem Jahr 1984 stammt diese Langspielplatte, eingespielt mit der Band „KIXX" in Düsseldorf. Unser Sound war ein Mix aus Freejazz, Punk, Funk und blankem Krach. Unter anderem nutzte ich den Plattenspieler aus meinem Kinderzimmer, um auf der Bühne mit Klebeband manipulierte Lässie-Hörspiel-Platten abzuspielen. Daneben sang ich und spielte Saxofon. Ich bin übrigens der zweite von rechts, stehe neben dem heute als Schauspieler zurecht berühmten Lars Rudolph. Die Münder haben wir auf dem Cover mit Keksen gefüllt. Bald nach der Aufnahme verkrümelte ich mich und verliess die Band. Ich wollte vor allem deutsche Texte singen, ging nach Hamburg und lernte dort Horst Königstein vom NDR kennen, der mich zum Fernsehen brachte. 1993 ging „RTL Samstag Nacht" auf Sendung, und schon bald brachte ich es auf das Titelblatt überregionaler Illustrierten:


Auf meine spätere Karriere als Weltklasselangsamschwimmer deutet in diesem Titelbild nichts hin, ausser evtl die Zeile (oben): „Nur so verdienen sie mit Schiffsbeteiligungen". Mit dieser Anlageform ging nicht nur ich baden. 
Olli Dittrich und ich erkletterten bald als „Die Doofen" die Hitparade - diese spezielle Form bergsteigerischer Tätigkeit war dann aber auch alles, was ich in den 90ern an Sport ausübte. Ich rauchte dafür wie der Ejafjallajökull (rauchte der überhaupt? Staubte der nicht eher?) und sammelte versteckten Speck. 
Als ich 1998 Vater von Zwillingen wurde und erhebliche Reste Griesbrei verzehrt werden mussten, spannten die Hosenbünde um so mehr. Noch meinte ich, dass es völlig egal sei, was man wiege, entscheidend sei doch vielmehr, was für eine Brille man auf der Nase trage: 
Ab 1996 wohnte ich im Allgäu, pendelte regelmäßig zur Arbeit in München und ärgerte mich immer häufiger über Stau und Parkplatzsuche. Chronisch unwirsch und kurzatmig kam ich ins Grübeln. Könnte, sollte man nicht...


The biggest Arztroman ever

Willkommen in meinem neuen Tagebuch („Post-Coronik“), das sich womöglich auch in diesem virtuellen Gewölbekeller vornehmlich mit Corona befa...

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