Donnerstag, 24. Januar 2019

Vom Denunzianten zum Doofen


Nach dem Kinderturnen ging ich mit 10 zum Judo (Schwarz-Weiss Oldenburg). Dies hatte den Vorteil, dass man mich fortan auf dem Pausenhof nicht mehr verhaute. Ich war nämlich in der 3. Klasse zum Klassensprecher gewählt worden und hatte die Aufgabe dieses Amtsträgers anfänglich missinterpretiert, nämlich gemeint, meine Aufgabe bestünde darin, die Namen sich raufender Mitschüler auf einem Zettel zu notieren und diesen im Lehrerzimmer abzugeben. Kloppe war die Folge - bis meine Klassenlehrerin Frau Uster mich bei der Hand nahm, nach vorne an die Tafel führte und raunte „Wigald kann jetzt Judo!" Dann war Ruhe.
Nach dem Erwerb des gelben Gürtels wurde ich Brillenträger, was in Schlägereien ein zusätzlicher Schutzfaktor sein kann. Anschließend wechselte ich zum Handball (VfL Oldenburg), ehe ich zur Leichtathletikabteilung des DSC Oldenburg transferierte. Fotografisch sind all diese Etappen nicht dokumentiert. Ja, so war das, als es noch keine Fotohandies gab: Ganze Tage, mitunter Wochen vergingen, ohne dass ein einziges Bild geknipst wurde. 
Als Leichtathlet jedenfalls spezialisierte ich mich mit 14 Jahren auf den Diskuswurf, im wesentlichen, weil die Leistungsdichte auf Kreisebene gering war. Bei den niedersächsischen Landesmeisterschaften 1982 wurde ich dennoch letzter (nach drei jämmerlich missglückten Fehlversuchen), und ich meldete mich noch am selben Tag bei meinem Trainer ab, um mich verstärkt der Musik zuzuwenden. 
Klavierunterricht war das schwarze Kapitel meiner Kindheit gewesen, aber immerhin hatte ich mir auf dieser Grundlage Querflöte selber beibringen können. Und Jazz fand ich, nachdem ich mit 13 das „Massey Hall Concert" von Charlie Parker gehört hatte, mindestens ebenso packend wie den damaligen Weltrekordler im Zehnkampf, Guido Kratschmer. Nein, nicht Guido Maria Kretschmer. Die beiden haben nichts miteinander zu tun. Kratschmer war damals unser Held und sah soo aus:


Obwohl...wäre lustig, wenn letzterer aus dem ersten hervorgegangen wäre. Umziehen, Haare färben, zwei Buchstaben ändern, und im neuen Job durchstarten...
Aus dem Jahr 1984 stammt diese Langspielplatte, eingespielt mit der Band „KIXX" in Düsseldorf. Unser Sound war ein Mix aus Freejazz, Punk, Funk und blankem Krach. Unter anderem nutzte ich den Plattenspieler aus meinem Kinderzimmer, um auf der Bühne mit Klebeband manipulierte Lässie-Hörspiel-Platten abzuspielen. Daneben sang ich und spielte Saxofon. Ich bin übrigens der zweite von rechts, stehe neben dem heute als Schauspieler zurecht berühmten Lars Rudolph. Die Münder haben wir auf dem Cover mit Keksen gefüllt. Bald nach der Aufnahme verkrümelte ich mich und verliess die Band. Ich wollte vor allem deutsche Texte singen, ging nach Hamburg und lernte dort Horst Königstein vom NDR kennen, der mich zum Fernsehen brachte. 1993 ging „RTL Samstag Nacht" auf Sendung, und schon bald brachte ich es auf das Titelblatt überregionaler Illustrierten:


Auf meine spätere Karriere als Weltklasselangsamschwimmer deutet in diesem Titelbild nichts hin, ausser evtl die Zeile (oben): „Nur so verdienen sie mit Schiffsbeteiligungen". Mit dieser Anlageform ging nicht nur ich baden. 
Olli Dittrich und ich erkletterten bald als „Die Doofen" die Hitparade - diese spezielle Form bergsteigerischer Tätigkeit war dann aber auch alles, was ich in den 90ern an Sport ausübte. Ich rauchte dafür wie der Ejafjallajökull (rauchte der überhaupt? Staubte der nicht eher?) und sammelte versteckten Speck. 
Als ich 1998 Vater von Zwillingen wurde und erhebliche Reste Griesbrei verzehrt werden mussten, spannten die Hosenbünde um so mehr. Noch meinte ich, dass es völlig egal sei, was man wiege, entscheidend sei doch vielmehr, was für eine Brille man auf der Nase trage: 
Ab 1996 wohnte ich im Allgäu, pendelte regelmäßig zur Arbeit in München und ärgerte mich immer häufiger über Stau und Parkplatzsuche. Chronisch unwirsch und kurzatmig kam ich ins Grübeln. Könnte, sollte man nicht...


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