Mittwoch, 28. Februar 2018

Fahrverbote? Was sagt dazu ein Tenor, der am Münchener Altstadtring im Erdgeschoss wohnt?

In den Reaktionen der Politiker fällt mir eine gewisse Einseitigkeit auf. Alle stellen sich auf die Seite der Autofahrer, sprechen von „kalter Enteignung“ oder betonen die Bedeutung der Diesel-Technologie für die deutsche Automobilindustrie. Sobald man als Anwohner des Münchener Altstadtringes auf die pausenlose Umwölkung durch KFZ hinweist, wird man belehrt, dass die Gefährlichkeit der Diesel-Emissionen keineswegs belegt sei, außerdem habe man die Grenzwerte willkürlich festgelegt. 

Als stummer Einatmer ist man geneigt, den Richtern des Bundesverwaltungsgerichtes zu applaudieren. Natürlich ist es unangenehm, zunächst eine große Geldmenge gegen ein Auto getauscht zu haben, um mit diesem anschließend nicht überall fahren zu dürfen. Aber, hey, mit meinem Fahrrad darf ich auch nicht überall aufkreuzen, etwa auf Bundesautobahnen. 

Wenn ich meine verkehrspolitischen Wunschvorstellungen äußern dürfte, dann wären dies zuvörderst autofreie Innenstädte - in München etwa innerhalb des mittleren Ringes. Dürfte - denn tue ich dies, kann ich mich umgehend darauf einstellen, von Autofetischisten angeblafft zu werden. Etwa neulich, bei Facebook: „Sollen dann die Handwerker auf dem Lastenfahrrad in die Innenstadt kommen?“ fragte man mich gereizt, was ich in aller Unschuld bejahte. UPS und DHL machen‘s ja auch so, und wäre ich Handwerker, führe ich sowieso immer Lastenfahrrad, sogar ohne Elektromotor, ist ja eh klar. Mein Lieblingsmodell ist übrigens dieses: 


Die Bedeutung der Autoindustrie für Deutschland ist mir bewusst. „Die Deindustrialisierung ist schnell herbeigeredet“ las ich heute in der FAZ. Nein, ich bin gegen Deindustrialisierung. „Eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene würde Jahrzehnte dauern“ las ich im selben Artikel. Hm. Wenn jetzt entschlossen neue Gleiskörper und Schienenfahrzeuge entwickelt und gebaut werden würden, könnte von einer Deindustrialisierung keine Rede sein - und zwar, um den Worten des Journalisten zu folgen, über Jahrzehnte. Für den privaten Individualverkehr stehen bekanntlich (industriell gefertigte) Elektroautos und, noch besser, potente Velomobile parat, zudem ein öffentlicher Nahverkehr, der in vielen Städten, etwa in München, Autos komplett überflüssig macht - sogar, wenn er nicht umsonst ist (die Kosten eines Autos sind immer höher als die einer Netzkarte im öffentlichen Nahverkehr).

Heute nutzte ich diesen nicht, sondern nur mein kleines Birdy. Fuhr dick vermummt 24 km zum Gesangsunterricht und zurück, nachdem ich Gesangslehrerin Susanne Eisch vor längerer Zeit mein Interesse bekundete. Resultat erstens: Neugier ist geweckt. Zweitens: Ich bin Tenor. 

Und jetzt fahrt ruhig alle weiter. Nehmt auf mich keine Rücksicht, denn ich bin feinstaubresistent. Tausende Rennradkilometer in Euren Dunstwolken haben mich abgehärtet. Brumm-Brumm! 

Montag, 26. Februar 2018

Mamas olle 🥒

...schult die Frustrationstoleranz und ist somit ein sinnvolle trainingsmethodische Ergänzung. Man sitzt maximal aufrecht, was Freunde der kurzen Spazierfahrt gemeinhin für gemütlich halten, die Last des Radlers aber auf eine einzige Körperpartie konzentriert, nämlich: den Allerwertesten. Ein Rennradler, nur zum Vergleich, verteilt sein Gewicht immerhin auf Popo und Hände, der Liegeradler nutzt die komplette Rückseite seines Rumpfes und fährt somit am komfortabelsten. Ist doch merkwürdig, dass ausgerechnet die Ein-Punkt-Position für bequem gehalten wird. Wahrscheinlich ist dem Hollandradler jede andere denkbare Haltung zu exotisch oder aufgrund ihrer Sportivität suspekt. Kann ich gut verstehen - im tiefsten Herzen bin auch ich Hollandrädelsführer, mithin eichenläubisch-konservativ, und früher, ganz früher, fand ich Sport ebenfalls bekloppt, schon wegen der merkwürdig riechenden Funktionskleidung. 

Heute morgen jedenfalls radelte ich aufrecht durchs Oldenburger Land, auf zu tiefem Sattel und bei -6 Grad. Letzte Woche schaffte ich 80 Lauf- und 80 Rad-Kilometer, wobei mich beim sonntäglichen Jogging ein beunruhigender Stich in der linken Wade überraschte. Jetzt fühlt sie sich an wie nach einem harten Gebirgsmarathon. Beim Laufen trug ich Leguanos, also Barfussschuhe, die ich nur deshalb dabei habe, weil sie nicht so viel Platz im Rucksack einnehmen. Was auch immer der Auslöser des Stiches war, ich hoffe, dass morgen alles wieder tipptopp ist. 80 Laufkilometer habe ich auch für diese Woche vorgesehen, und da kann ich Verletzungen schlecht gebrauchen. 

Was ist sonst so passiert? Am Donnerstag kaufte ich auf dem Grabbeltisch bei Plünnen Bruns in der Oldenburger Innenstadt eine Fellmütze (Bär?) für 10 Euro, die mir besonders gut steht, wenn ich das Innenfutter nach außen stülpe:


Freitag ging’s mit alle Mann (Leander auch) nach Dangast. Dort Grünkohl im alten Kurhaus und Strandspaziergang. Rückweg über den momentan verwaisten Campingplatz. Nur eine Zaunpforte hält einsam Wacht:


Samstag war großer History-Drehtag im Bremer Weser-Stadion, mit Derbybesuch inklusive. Kümmerliche Spielkunst, die allerdings dadurch erträglich wurde, dass wir hinter den Fahnen der Bremer Fans saßen, welche das Elend gnädig verdeckten:


Vor dem Spiel gabs auch ein kurzes Stelldichein mit meinem alten Freund und Kupferstecher Olli:


Und jetzt bin ich auf dem Wege nach HH, zum Quizduell mit Jörg Pilawa. Ich spiele im Team mit Barbara Eligmann, die ich ewig nicht gesehen habe. Ich freue mich drauf! 

Mittwoch, 21. Februar 2018

Smoke on the water

Konzert im Müllerschen Volksbad: Da simmer dabei. Wer was genau spielt, ist einerlei. Ich habe mir (peinlich, peinlich) nicht einmal den Namen der Jazzband gemerkt, die da konzertierte. 

Angekündigt war die Chose für 19 Uhr. Wir, Teresa und ich, voller Elan, schon um sechs vor Ort. Erstmal Kakao und Crêpes Suzette zum Vorglühen, um halb sieben rein ins kleine Damenbecken zum, nun ja, zum Runterkühlen.  Weil: im großen Becken ist Vereinstraining, im kleinen ist schon jetzt ganz schön viel los. Wir ziehen Bahnen, jeweils bis zur roten Kordel, und der Weg reicht einfach nicht, um auf Temperatur zu kommen. Wir frösteln vor uns hin, während die Musiker auf der Empore ganz gemütlich ihr Equipment installieren. Nur net hudeln. Alle tragen weiße Hemden, die meisten Silberhaar und Walrossschnauzer. Was fürn Stil passt zu denen? Optisch ganz klar Dixieland à la „Tritt an, Bruder“. Biergarten-Klarinettler. Satchmo für Steuerberater. Verflixt, ist das kalt hier. Ob die sich auch ausziehen? In Badehose auftreten? Die Dame neben uns hat mitgehört. „Hoffentlich nicht!“ hämelt sie, und wir kichern. Ein paar Paarübungen. Rettungsschub, Hundepaddeln, Badewanne. Der Drummer probt. Hussa, hallt das. Kopfschmerzalarm. Brrr, ich friere. Sieben Uhr. Los! Anfangen! Von wegen. Jazzer halt. Das Becken ist voll, die Laune gut. Wenn da die blöde Bibberei nicht wäre. Ich wünsche mich zurück in die Schwangauer Therme, da war ich Sonntag mit meinen Söhnen, und es war badewannenwarm. SO geht Schmusewasser! Alles andere taugt zwar für Sport, aber nicht für Warten auf die Herren Schässschluffis. Oh, wie ich Unpünktlichkeit hasse! Da bin ich ganz square. 19 Uhr heißt Eintausendneunhundert und nicht eintausendneunhunderteins, zwei oder gar fünf. Nee, Freunde, nicht mit mir. Wegen euch hole ich mir nicht den Tod, und Teresa schon gar nicht. Also raus hier, duschen. Und während wir unter dem heißen Strahl auftauen, hören wir die ersten Klänge. Um 19 Uhr 10. Zu spät, wir sind bereits im Ohne-uns-Modus, ziehen uns an und entschwinden, nicht ohne zum Abschluss noch aus Versehen ein Bild gemacht zu haben. Ist im Schwimmbad natürlich streng verboten. Falls ein Bademeister mitliest: Das Bild war ein Zufall, ja, ein Unfall. Teresa wollte eigentlich Taschentücher aus der Bademanteltasche holen, und irrtümlich ergriff sie ihr Handy. Handys und Taschentuchtaschen können sich, wenn man sehr durchgefroren ist und aufgeweichte Rillenhaut an den Fingerkuppen trägt, durchaus ähnlich anfühlen. Ehe der Fauxpas bemerkt war, hatte meine Gattin bereits ausgelöst. Ungewollt. Das Bild fiel uns erst dahoam auf. Ehrlich. Und jetzt weg mit dem Pulverdampf. Peace. Vergelts Gott. 


Montag, 19. Februar 2018

Damals, auf der Reise nach Gambia

...wurden unsere Klappräder beim Umsteigen in Brüssel nicht umgeladen, und Stefan und ich standen ohne fahrbare Untersätze im schönen Gambia. Eigentlich hatten wir vor, von Banjul nach Dakar im Senegal zu radeln. Nun mussten wir umdisponieren. Erstmal gingen wir zu den ansonsten eher etwas nervigen Herren vorm Hotel, die weißen Touristen normalerweise mit der Brechstange etwas anzudrehen versuchen: Perlenketten, Drogen oder Sex. Jetzt waren wir es, die den Spieß umdrehten: „Wir brauchen zwei Leihfahrräder und kommen in einer Stunde wieder“. Als wir zurückkehrten, wartete eine Armada von uralten Drahteseln darauf, begutachtet zu werden. Wir entschieden uns für zwei betagte MTBs und verhandelten selbstbewusst über die Preise. Vorher hatten wir uns abgestimmt: Ich sollte der Nette, Stefan der Harte sein. Nach jedem Preisvorschlag der Radverleiher begannen Stefan und ich einen ausführlichen Scheinstreit. Nach außen wirkten wir uneinig, in Wirklichkeit spielten wir Bauerntheater, und unsere gambischen Handelspartner hörten mit großen Augen zu. 


Einige der uns angebotenen Räder hatten übrigens Platten. Die Gambier wussten nicht, wie man in einem solchen Fall verfährt. Als Stefan sein Flickzeug aus der Tasche nahm und dessen Anwendung demonstrierte, bildete sich im Nu eine beträchtliche Menschentraube und schaute staunend zu. Vor allem das Anrauen des Schlauches mithilfe des Schmirgelpapiers sorgte für großes Hallo. Früher, lange vor unserer Ankunft, müssen die Räder in der Obhut kundigerer Besitzer gewesen sein, denn die Schläuche waren bereits Dutzende Male geflickt. Offenbar ist das Flickwissen auch in Westafrika auf dem Rückzug. Nach Dakar trauten wir uns mit unseren Rädern dennoch nicht; wir rollten auf ihnen zwischen Banjul, Serekunda und unserem Hotel hin und her, vorbei an brennenden Müllhalden, exklusiven Zahnkliniken und riesigen Märkten, auf denen grundsätzlich viersprachig verhandelt wurde: Englisch, Französisch, Woloff und Mandike. Da wir privat eingeladen waren, bei einer Familie in Serekunda (der wir 80€ von einer Verwanden aus Köln überbringen sollten), trat das Fahrradfahren bald in den Hintergrund - die Teilnahme am Alltagsleben der netten Gastgeber war einfach spannender. Jetzt, da es so viele Gambier als Asylantragsteller nach Deutschland geschafft haben, kann ich nur ganz ernsthaft raten, Kontakte zu knüpfen, um sich in dieses kleine, bunte Land privat einladen zu lassen. Eine einzige Woche wirkt lehrreich und belebend (wenn man sich keine Malaria einfängt). An wenigen Orten weltweit ist das Durchschnittseinkommen mickriger, aber das Savoir-vivre vieler Gambier betört, zB durch die umwerfende Farbenpracht der Gewänder oder die Raffinesse der Frisuren. Und geht zu einem Konzert! Ich sah dort das irrste Konzert meines Lebens. Fünf Trommler und ein Sänger, eine Glühbirne, 2000 Leute im Publikum, jeweils eine Frau aus dem Publikum tanzt (1 min, dann darf die nächste), keiner klatscht, außer zwei dumme Fahrradfreaks aus Europa, und so ging’s die ganze Nacht. 

Ist jetzt auch schon wieder gute 10 Jahre her. Dachte ich heute dran, beim Laufen. 32 km im Winterwunderland, ohne nervige Händler, ohne Malariaprophylaxe und ganz schlicht zu Fuß. 


Sonntag, 18. Februar 2018

Pedalör-Malör 

Meine Tuba wurde gestern verkauft. Zwar habe ich selten auf ihr im engeren Sinne geübt, wusste bis zum Schluss nicht, wo welche Töne sitzen, sprich, was man tu(te)n muss, um ein eingestrichenes B erklingen zu lassen. Aber nach Gehör konnte ich der Tuba einiges entlocken: Mein Gesellenstück war „Prinzessin de Bahia Tropical“ von Die Doofen, wo ich die Bassfiguren blies. Auf „LilaLaunebär“ solierte ich erstmals. Zu „Jet SetJazz“ steuerte ich viele dunkle Töne bei, und auf dem Hobby-Album „Die Band mit den vergilbten Photos“ wurden alle meine instubentaltechnischen Möglichkeit voll ausgereizt. Tuba im Jazz hat mich immer begeistert, vor allem, seitdem Bill Barber in den Arrangements von Gil Evans auf ihr Melodien spielen durfte. Birth of the cool. Howard Johnson sah ich als Jugendlicher in Moers, Bob Stewart in New York City, mit Don Cherry, ganz kurz vor dessen Tod. Das war ein ziemlich bedrückender Abend, weil es ihm schon so schlecht ging.

Und jetzt bin ich meine Tuba los, für‘n Appel und ein Ei. Auf dem Bild steht sie rechts, während im Zentrum ein Hosenloch zu besichtigen ist, das vor einigen Jahren dazu führte, dass mir auf Fahrradtouren vermehrt hinterhergekichert, ja, -gepfiffen wurde, womit sich der kleine Kreis zur Musik schließt. 

Heute war ich ganz still unterwegs, in schneelich schallgedämpfter Landschaft, und nach leichtem Verpennen auf eine Stunde (11 km Grunddosis) Laufen verkürzt. Ich habe diese Woche 80 Lauf- und etwa ebensoviele Klappradkilometer zusammengetragen. Voll im Plan für alle großen Ziele. Tuuut! 


Samstag, 17. Februar 2018

Arbeit? Dafür habe ich gar keine Zeit.

Ich bin nämlich momentan damit beschäftigt, meine Habe zu veräußern. Demnächst ziehen wir um, und da will ich zuvor möglichst viel Ballast loswerden. Bei der Definition des Begriffs „Ballast“ gehe ich zunehmend radikal vor: Nicht nur vier Billy-Regale und die blaue Couch müssen weg, sondern auch Tuba und Schallplattensammlung liegen auf dem virtuellen Ladentisch. Zwischen zwei Verkaufsgesprächen („Kann ich das Cembalo auch für 300 haben?“) fanden wir gestern immerhin beim Besuch einer Modenschau Zerstreuung, im Rahmen der Schmuckmesse in München. Schwer, sich wirklich streng ausschließlich auf die bisweilen arg filigranen Preziosen zu konzentrieren, zumal, wenn man so schwachsichtig ist wie ich. 

Weniger hochhackig, dafür hochtourig war dann meine heutmorgendliche Zerstreuungsfahrt: Im Skianzug stocherte ich auf meinem Birdy im Perlacher Nebel herum, bei null Grad, und gestehe, dass Strava seine motivatorische Wirkung auch auf mich entfaltet. Ich bin nämlich dort neuerdings Mitglied diverser Klapprad-Klubs, nämlich quasi aller Vereine, die mir vorgeschlagen wurden, nachdem ich den Suchbegriff „Birdy“ eingetippt hatte. Die meisten Vereine sind in Ostasien beheimatet, der größte in Singapur. Und in diesen Clubs gibt es bekanntlich Bestenlisten, in denen ich mich mit meinen heutigen 43 km behutsam gen Spitze schob. Womöglich lerne ich auf diesem Weg japanische Westentaschenpedaleure kennen, die mich eines Tages auf einer Nippon-Durchquerung begleiten. Digitaler, globalisierter Freizeitsport ist mindestens ebenso faszinierend wie die internationale Fashion-Welt. Zu gerne würde ich einmal als Bikewear-Mannequin über einen Laufsteg radeln, in Milano, Paris oder New York. Tokio ginge natürlich auch. Aber vorerst muss ich meinen Klimbim zu Ende verhökern, und zweitens sieht mein Laufsteg in diesen Tagen in der Realität eher wenig fashionable aus, sondern so: 


Donnerstag, 15. Februar 2018

Über die angemessene Bekleidung während der Leibesertüchtigung

Als Erinnerung an meine Flitterwoche erwarb ich heute in einem schottischen Antiquariat einen Stahlstich von 1881, der die Besteigung des Le Morne Braband auf Mauritius zum Thema hat. Der dargestellte Klettermaxe erklimmt den kniffligen Felsen offenbar an seiner Nordwestseite, wo die Wand besonders steil ist, in weiten Teilen lotrecht, andererseits praktische Auswaschungen (Luftblasen?) im Lavagestein als Tritte dienen. Ich bin letzte Woche von der Ostseite aus zum Kreuz gekraxelt, auf dem Normalweg, der auch für weniger Lebensmüde machbar ist. Rechts sieht man den mutigen Briten womöglich am höchsten Punkt - genau kann ich das nicht sagen, da das Kreuz deutlich tiefer positioniert ist als der eigentliche Gipfel. Sprich: Ich war gar nicht wirklich ganz oben. 

Bezaubernd ist, so finde ich, die gepflegte Garderobe des Gentleman. Woraus wurden derartige Anzüge damals gefertigt? Tweed? Leinen? Fischgrät? Mit waren selbst dünnste Leibchen in der tropischen Hitze unangenehm. Immerhin hat sich dieser Shetlock Holmes der Berge seiner Schuhe entledigt - was auf dem scharfkantigen Gestein des Le Morne wiederum eine gewisse Zähigkeit erfordert. Ich Schrumpfgermane tu’ mich ja schon mit einem ordinären Stadtmarathon barfuß schwer, und seit Jahren träume ich von einem langen Lauf in meinen holländischen Holzschuhen, fürchte jedoch, anschließend neue Knie aus Titan verpasst zu kriegen - wenn die AOK denn mitspielt. 

Heute jedenfalls pedalierte ich dick verpackt auf meinem Klapprad von St. Ottilien nach Pasing, ganz in braune Winterkleidung gehüllt. Wenn die AfD dereinst Deutschland übernimmt, bin ich schonmal korrekt gekleidet. Mein Rad wiederum ist blau und passt perfekt zu Dampferschornstein und Fernrohr beim Zwischenstopp am Ammersee: 


Mittwoch, 14. Februar 2018

Strava und Bart

Zum Fasching ließ ich mir einen Bart wachsen. Meine Frau behauptet, er würde mir gut stehen. Ich wandte ein, er ließe mich alt aussehen, und zudem betone er meine herabhängenden Mundwinkel - ich wirke mit ihm also noch schlechtgelaunter als ohnehin. Und genau dies, behauptet meine Frau, sei nach ihrem Geschmack. Hm. 

Heute nun ist zwar Fasching vorbei, aber den Bart ließ ich weiterhin zwischen Mund und Nase - nur für den Fall, dass meine Frau es ernst meint. Ich lief 20 km die Isar rauf und runter, bei -7 Grad und klarem Himmel, und frohlockte. Der Kontrast zu den feuchten dreißig Grad auf Mauritius könnte stattlicher nicht sein - für mich als gedrungenen Nordmann sind die hiesigen Verhältnisse erträglicher. Eigentlich hatte ich mich auf Eiszapfen am Bart gefreut, wie sie Wintersportler bekanntlich gerne tragen, aber da kam nix. Schade. 


Zu den wichtigen Dingen des Sportlerlebens: Einen Tag lang war ich bei Strava Premium angemeldet, heute habe ich wieder gekündigt. Die Herzmessfunktionen zB brauche ich nicht. Ich habe gar kein Herz, hätte ich fast geschrieben, aber das stimmt ja so nicht. Auf jeden Fall ist mir die Bürokratisierung des Körpers suspekt, und die Publizierung der Leistungsdaten sowieso. Jede Ära hat den Sportlertypus, der zu ihr passt: Im 19. Jahrhundert waren da die englischen Landadeligen - gelangweilte Müssiggänger, die wetten und prahlen wollten - ein angenehm dekadentes Zeugnis der späten Ständegesellschaft. Dann hielt der Taylorismus Einzug, die Zerlegung der industriellen Fertigungsschritte in einzelne Handgriffe. Der Schwimmsport machte durch die Anwendung dieses Arbeitsprinzips besondere Fortschritte: Isoliertes Arm/Beinschlag-Training erwies sich als wirksamer denn komplexes Schwimmen. Bei den Nazis wurde der wehrsportliche Akzent in den Vordergrund gerückt, im Thatcher-Zeitalter öffneten sich die olympischen Spiele dem Profitum (L.A., 1984), und heute ist der gläserne Sportler der gesamtgesellschaftliche Avantgardist. Totale Kontrolle ersetzt das Bewegungsspiel, der isotonische Durstlöscher ist der Messwein dieser Religion, und iBig Brother sieht genauer hin als der liebe Gott. Bloß weg. Bei Strava waren mir zudem, um im Konfessionsbild zu bleiben, die Kirchensteuern zu hoch, nämlich 60€ im Jahr, wenn ich‘s gerade richtig memoriere. 

Und jetzt weg mit dem Bart. Ich seh ja aus der späte Walter Sedlmayr. Und fühle mich auch so. 

P.S.: Auf Anregung meiner romantischen Frau hier noch ein bärtiges Valentinstagsbussi an alle Leser dieses Blogs. Und auch an die Leserinnen.


Montag, 12. Februar 2018

Arabische Nachtwanderung

0 Uhr in Dubai. Um 3:30 Uhr gehts weiter Richtung München. Was tun? Teresa ist müde und legt sich auf einen Liegestuhl. Ich jedoch bin hellwach, auch, weil mich die Idee begeistert, wenigstens 10 km zu laufen. Oder genauer gesagt: zu wandern - für Jogging fehlt mir die Wechselkleidung. Und womöglich sähe ein Laufsportler hier im nächtlichen Terminal auch gar zu merkwürdig aus uns würde Sicherheitskräfte interessieren. Das Gebäude ist eine langgestreckte Halle, Deckenhöhe vielleicht 20 Meter, in der Mitte sind Laufbänder installiert, an deren Handläufe Sitzreihen anschließen. Fast alle sind besetzt, von einem faszinierenden Menschen-Mix. Besonders stark vertreten ist Afrika. Bunt gekleidete Senegalesinnen und Nigerianer, dann sind da die hageren Eriträerinnen, die sich wie Klappstühle zusammenfalten können und dann notfalls zu zweit auf einen der Ledersitze passen. Ihre Körper, ihre Köpfe sind mit bunten Tüchern abgedeckt, manche sowieso voll verschleiert. Berberinnen sind auch da, mit bemalten Armen und stechendem Blick. Dann die Wüstensöhne: Einerseits die Ölprinzen, mit blütenweißen Gewändern, daneben aber auch echte Naturburschen in Jelaba, mit sonderbar knallrot gefärbten Backenbärten. Wahrscheinlich alle auf dem Weg nach Mekka, zur Hatsch. Am Gate C6 gehts nach Riadh, nebenan nach Medina. 

Auch da: kinderreiche Inder, langbeinige Niederländer, stumme Chinesen, peperonirote Engländer etc. Wer meint, nachts sei hier tote Hose, irrt. Es quirlt geradezu. Wie aufm Dom, wobei mindestens die Hälfte der Leute Schlafzimmerblick trägt, oder gar pennt.

Warum sind wir überhaupt hier? Eigentlich wollten wir schon morgens mit Condor heim, aber am Abend zuvor, wir lagen schon mit geputzten Zähnen im Bett, klingelte das Telefon: Maschine kaputt, nach Deutschland gehts erst Montagabend, Dienstag seid ihr daheim. Hotel wird bezahlt. Eigentlich natürlich ganz reizvoll, so‘n Zwangsurläubchen, zumal auf Mauritius, wir aber hatten keine Wahl, weil Teresa Montagabend die „Königin der Nacht“ singt, im Deutschen Theater in München. Also setzten wir uns noch in der Nacht an den Hotelrechner und buchten um auf einen Emirates-Flug über Dubai, mit drei Stunden Aufenthalt. 

Economy Class hat den schönen Nebeneffekt, dass durch Enge und Vertikalität der Sitzgelegenheit mein Bewegungsdrang extrem angespornt wird - je länger desto doller. Aus Drang wird Wut, ich WILL mich bewegen! 

Also los. Eine Runde, so behauptet Strava, misst 0,7 km. Stimmt sicher nicht, zumal der GPS-Empfang unter der Betondecke schwach ist. Der Schrittzähler meines Handys ermittelt niedrigere Werte, und an die halte ich mich. Mit meinem roten Ranzen auf dem Rücken marschiere ich an den Auslagen entlang, bis zum Starbucks, wende auf die andere Hallenseite, dann passiere ich den öffentlichen Trinkhahn, die schlafenden Afrikanerinnen, in die sich meine Gattin mit ihrer japanischen Schlafmütze eingereiht hat (die Afrikanerinnen kicherten eine Viertelstunde lang. Was die wohl gedacht haben mögen? Dass es sich um eine besonders fromme Frau handelt, vielleicht?). 

Ich kontrolliere die Anzahl unserer Taschen, alles ok, meine Braut schläft, also weiter. Dann vorbei am Red Bull-Automaten, zu Costa Coffee, an der Baustelle rüber zum Eingang des „Dubai International Hotels“, wieder Wende, um wenig später an ein merkwürdiges Highlight zu gelangen: den Eingang der Raucherlounge. Seltsam ferne, fremde, und für mich als Ex-Raucher auch vertraute Düfte. Wieder Wechsel zur anderen Seite; wie geht’s meiner Frau? Nichts bewegt sich, alle Taschen da. Dann weiter, bis zum Ende der Rolltreppe, Seitenwechsel. Das also ist eine Runde, und im Verlauf der nächsten 2:15 Stunden lege ich hiervon einige zurück. Ich zähle nicht mit. Besondere Vorkommnisse: Drei Toilettengänge, dreimal die Starbucks-Smoothie-Flasche am Trinkhahn nachgefüllt, einmal Kurzkonversation mit der Somalierin neben meiner Frau (als diese nämlich kurz absent ist und sie mich über ihren Verbleib informiert). Insgesamt werde ich von Runde zu Runde immer mehr wahrgenommen als der, der da seine Runden dreht, aber auf keinem der fremden Gesichter lässt sich ein Kommentar erdeuten. Hängt vielleicht mit den vielen disparaten Kulturgrüppchen zusammen: Je heterogener die Gesamtmenge, desto neutraler der Gesichtsausdruck. So‘n leerer Blick kommt nicht so schnell in‘n falschen Hals wie ein Lachen oder gar ein Augenzwinkern. 

An einem Gate gehts nach „Clark“. Nie gehört, diesen Ort. Wo soll das sein? „Male“ ist auf Sansibar, oder? Am Gate C8 tut sich ab 1:30 Uhr auch was. Eine langeSchlange bildet sich, und ich versuche, die zu erwandernde Enddistanz zu ermitteln. Schafft man 10 km, ohne den Abflug zu verpassen? Sobald mein Schrittzähler auf 10 springt, wecke ich meine Frau, und mit knapper Not schaffen wir‘s in unser Anschlussflugzeug nach München. Laut Strava war ich 16 km unterwegs, aber das ist Blödsinn. 10 waren’s aber bestimmt, und die blaue Aufzeichnungslinie finde ich graphisch durchaus gelungen. Und jetzt: Gute Nacht!



Samstag, 10. Februar 2018

Neues aus der Reihe: „Das ungleiche Mixed-Team“

Heute: „Der höchste Berg von Mauritius“. Er heißt „Piton de la Petite Rivière Noire“ und misst 828 Meter. Wir starten an der katholischen Kirche in Case Noyale. Vorbei an Kindern in hellblauen Schuluniformen und dunkelgrauen Elendsquartieren verlassen wir den Ort und marschieren die Bergstraße nach Chamarel bergauf. Meinen roten Ranzen habe ich bis zur Kimme mit Korn, äh, Trinkwasser gefüllt, denn wer weiß, ob man sich hierzulande aus den Bergbächen bedienen sollte? Ob‘s überhaupt Bergbäche gibt? Auf der Serpentinenstraße halten wir uns am rechten Rand, wegen des Linksverkehrs, da man ja bei uns links laufen würde, gell? Manch Fahrer guckt trotzdem komisch, dreimal werden wir gar angehupt. Kann aber auch daran liegen, dass auf dieser Straße praktisch nie Wanderer unterwegs sind. Die starten meist am Infozentrum im Nationalpark, nicht so wie wir auf Seehöhe. Der Ort Chamarel wird in Reiseführern als unverdorbenes Idyll gefeiert, und das Lob passt. Wir suchen in der Kirche nach Abkühlung, völlig vergeblich, aber dafür erfreut uns die liebevolle Ausstattung und die aufs wesentliche reduzierte Konstruktion des Beichtstuhls: 


Ausführliche Trinkpause, dann verlassen wir die Zivilisation und wagen uns in den Regenwald. Ein schmaler Pfad führt bergauf, ab und an markiert von gelben Fähnchen. Der Weg ist gut begehbar, allerdings machen uns die Insekten zu schaffen, die unsere verschwitzten Beine wie ein opulentes Büffet genießen. Sind‘s Mücken oder Bremsen, die uns großflächig verquaddeln? Mir egal, da ich mir erst vorgestern heftig juckende Stiche (?) am Popo zugezogen habe, beim Schnorcheln. Keine Ahnung, was für ein Tier (?) da am Werk war. Und seit der Tretbootfahrt gestern ist mein Bauch himbeerrot verfärbt. Ich lehne den Gedanken, mir mit 51 Jahren aufgrund purer Doofheit einen Sonnenbrand zugezogen zu haben, rundweg ab. Nein, ich habe keinen Sonnenbrand. Meine Haut ist auch nicht gerötet, sondern rosig. Gut durchblutet halt. Teresa ist körperlich in besserem Zustand als ich; sie marschiert forsch voran. 


Wir durchwaten ein Bächlein, stiefeln durch dichten Dschungel und beobachten Dutzende topflappengroße Schnecken bei der Paarung. Nie sah ich so monumentale Schneckenpenisse in Aktion; Gastropodenporno live. 


Auch Amphibien begegnen wir, zum Beispiel:


Bald wird der schmierige Steig steiler, und ich unterstütze meine Frau beim Aufstieg, in dem ich sie beidhändig bergauf schiebe. Klingt bekloppt, aber sie behauptet, es würde ihr helfen, und ich bin froh, dass ich meinen Puls trotz bescheidenen Gehtempos in sportlich relevante Bereiche treiben darf. Als nach drei Stunden Aufstieg eine feuchte Klippe im Weg ist, rasten wir. Der Gipfel ist nicht fern, und erstmal seit Chamarel lichtet sich der Wald, so dass man hinab auf den Küstenstreifen blicken kann: 


Was tun? Auch hier oben ist es heiß, feucht sowieso, das Gelände schlüpfrig. Wir setzen uns auf einen Stein, genießen den Ausblick und verzehren unsere Jause. Doch nicht nur Bauch, Beine, Po jucken, sondern auch die fixe Idee eines jeden Bergfexes, zum höchsten Punkt zu gelangen. Teresa merkt mein Bergfieber und flötet mir den Vorschlag entgegen, alleine den höchsten Punkt zu erklimmen. Dankbar schlage ich ein, eile los und klettere empor. Bald schließt sich wieder das Blätterdach über mir, nur ein einziges Mal kann ich noch einen Blick auf den Gipfel erspähen: 


Aber hinter diesem Blätterdachschaden ist Fernsicht-Schicht im Schacht. Ein quer über den Pfad gespanntes Seil verheißt Gefahr; offenbar ist der Weg wegen Erdrutsch nicht gangbar. Schade, aber nicht risikolos zu ändern. Der Höhenmesser zeigt 740 Meter. Wie heißt es so schön auf RTL? „Heute habt ihr euch keine Sterne erspielt“. Kurzes Hadern, dann kehre ich um und bin nach einer halben Stunde Gesamtabsenz wieder bei meiner Braut. 

Regen setzt ein. Kühlt nicht ab, macht aber den Weg deutlich rutschiger. Vorsichtshalber gehe ich voran. Huch: Plötzlich stürmt ein Tier aus dem Unterholz auf mich zu. Ein großer Igel touchiert meinen Schuh und rennt wieder zurück. Im Dickicht erkenne ich eine stachelige Kinderschar. Theorie: Die Igelmutter wollte ihren Nachwuchs durch einen Scheinangriff schützen. Abends im Hotel recherchieren wir, dass der „Igel“ ein „Großer Tenrek“ ist, zugewandert aus Madagaskar. Bis zur Ankunft der Menschen gab es nämlich auf Mauritius gar keine Säugetiere, mit Ausnahme der Flughunde. Ein Foto des Tenreks konnte ich in der Eile nicht schießen, womit ich jedoch dienen kann, ist eine Aufnahme eines Flughundes, der allabendlich überm Tennisplatz in der Hotelanlage gesichtet werden kann:


Als wir nach sechs Stunden Wanderung wieder am Ortsrand von Case Noyale eintreffen, begegnet uns noch ein weiterer Zuwander, nämlich ein Affe. Haben wir beide auch noch nie in freier Wildbahn gesehen (außer auf der Münchener Leopoldstrasse, die Spezies mit den gegelten Haaren). 

Final lassen wir uns nochmal ordentlich vom Starkregen erwischen, ohne dass es diesem die braunen Schmutzkrusten an unseren Beinen abzuwaschen gelingt. Und so steigen wir nicht nur völlig verdreckt, sondern auch pudelnass ins auf gefühlte null Grad herabgekühlte Taxi. Wie heißt es so schön in der Bounty-Werbung? „Alle Köstlichkeit der Tropen“. Ja. Der Satz passt hier höchstens halb, aber er diene als gutes Beispiel für mein bei über 30 Grad eingeschränktes Formuliervermögen. Danke fürs Verständnis.

Donnerstag, 8. Februar 2018

Behördengang im Paradies

Das Passproblem wartet darauf, geklärt zu werden. Also per Taxi erst zum deutschen Honorarkonsul nach Goodlands, ganz im Norden der Insel, dann weiter in die Hauptstadt zum Immigration Office im „Sterling Building“. Puh: viel Verkehr und wenig Parkraum - das Yin&Yang des SUV-Zeitalters. Wenigstens beim heutigen Regen ist Port Louis keine schöne Stadt. Klötze & Klotterkram, wenig Liebe im Straßenbild. Wir kommen um halb 12 an, um 12 macht das Amt zu, und wir fürchten, in der Riesenbehörde nicht rechtzeitig den richtigen Ansprechpartner zu finden. Hossa; wat’n Groß-Gewusel im Eingang des Hochhauses. Blick aufs Infobrett gefällig?


Dann jedoch geht alles paradiesisch flott: Der Pförtner am Eingang schickt uns in ein Büro im Erdgeschoss, der dauertelefonierende Büroleiter nimmt Teresa grußlos ihre Formulare aus der Hand und heißt uns auf einem Wartesofa Platz zu nehmen. Dort verbringen wir einige Minuten mit der Lektüre der Antikorruptionsplakate, geschrieben in bestem Kreolisch: 


Bald taucht der Büroleiter wieder auf und übergibt uns die vorläufigen Reisedokumente, validisiert mit seinem Stempel. Gut. Ein Toilettenbesuch im benachbarten KFC, und dann ab nach Hause. Als es abends aufklart und die Sonne untergeht, meinen wir in unmittelbarer Nähe unseres Hotels eine riesige Freiluft-Fototapete zu entdecken, offenbar hier aufgehängt, um Touristen einen betörenden Bildhintergrund zu ermöglichen. Fast noch besser als „Tropical Islands“, die olle Zeppelinhalle, südlich von Berlin. Ich drapiere Teresa sogleich in den Sand und knipse:


Heute nun als Frühsport einmal um Le Morne, anschließend zu zweit im Tretboot zur unbewohnten Île aux cerfs. Zwei km hin, zwei zurück, durch sehr seichtes Wasser à la Dümmer. Dort ein erschreckender Spaziergang - erschreckend, weil alles voller Plastikmüll ist. So also sieht die Welt heutzutage aus, wenn der Mensch nicht seinen eigenen Müll beseitigt, wenn er die „Natur“ sich selber überlässt. Teresa schlägt vor, dass wir sogleich die Insel aufräumen. Ja, wir hätten nicht übel Lust, bräuchten aber mehr als nur ein paar Mülltüten. Müllschiffe. Mehrere. 

Lustig übrigens, Tretboottouren bei Strava hochzuladen. Sechs Höhenmeter vermerkt die Leistungsbilanz. Naja. Wellengang? Tidenhub? 




Dienstag, 6. Februar 2018

„No climbing on wet and rainy days“, haha. 

„Ich lauf nur mal kurz an den Strand“ flöte ich meiner Gattin zu, die Sonne lacht, ich schnüre die Schuhe und trimtrabe in den tropischen Nachmittag. Die Luft ist weniger drückend als an den Tagen zuvor; ich folge dem Sandstrand bis zum Ende der Hotelanlage und schaue auf die Uhr. Klock 14. Wenn man schon mal dabei ist, kann man auch gleich einmal gucken, ob’s nicht doch hier an der Hotelseite einen Einstieg zum „Public Path“ gibt, der „Le Morne“, den imposanten Felsen im Südwest Mauritius’, auf halber Höhe umringt. 

Ich trabe an den uniformierten Sicherheitsleuten vorbei, folge einer steilen Bergstraße und lande an einer Blohfeld-würdigen Angebervilla, über der sich der von mir avisierte Wanderweg befinden müsste. Um dort hin zu gelangen, scheine ich jedoch durch den Garten des James-Bond-Gegenspielers klettern zu müssen, und am anderen Ende befindet sich ein hoher Zaun. Hm. Konzentriertes Absuchen des Geländes...ich erspähe ein Loch, klettere hinauf und schlüpfe hindurch. Wenn man schon mal dabei ist, so raune ich mir zu, kann man natürlich auch noch ein paar Höhenmeter weiter, etwa bis zum Abzweig, an dem der eigentliche Gipfelanstieg beginnt. 

„Trespassers will be prosecuted“ lese ich auf einem Schild, ehe ich auf grasiger Trasse bergwärts wandere. Unter mir tut sich ein nachgerade lächerlich-kitschiges Panorama auf; eine Landzunge züngelt im türkisen indischen Ozean, darüber ein unbewohntes Inselchen, hach wie herzig. 

Bald bin ich am Abzweig. Wenn man schon mal dabei ist, murmele ich, zögere kurz, und dann hetze ich einige Serpentimen durch den Regenwald. Der Vegetation wird immer üppiger, aber der Weg bleibt erkennbar. Königsblaue Schmetterlinge fächeln mir warme Luft zu. An einem Rastplatz mit offenbar seit Jahren ungeleerten, überquellenden Mülleimern steht ein großes Schild. Ab hier wird’s gefährlich, warnt es, bei Regen auf keinen Fall klettern. Ein Blick zum Himmel: nein, kein Regen in Sicht. Wie lang mag man zum Gipfelkreuz brauchen? Eine halbe Stunde? Weniger? „Le Morne“ ist 500irgendwas Meter hoch, aber das Gipfelkreuz befindet sich ja, wenn ich die Wanderkarte richtig verstehe, gar nicht am höchsten Punkt. Hm. Eigentlich wollte ich mir ja nur kurz die Beine vertreten, aber nun ruft der Berg laut und deutlich meinen Namen...

Auf schmalem Bergpfad geht es steil aufwärts, bis zu einem weiteren Zaun, dessen Tor verschlossen ist. Mannometer, mit Zäunen haben die‘s hier aber. Auf Verdacht folge ich den Trittspuren am Zaun durch unhandliches Gelände und finde einen Durchschlupf. Jetzt wird’s richtig abenteuerlich: Klettern im ersten und zweiten Grat, auf schwarzem, harten Vulkangestein.

Schon überhole ich eine Wandergruppe. Ein junger maurizischer Bergführer begleitet fünf Europäer (Skandinavier und Engländer) und ist wohl gerade dabei, seinen Schützlingen eine Umkehr schmackhaft zu machen, weil die Damen lahmen. Und der alte Engländer ebenfalls auf dem letzten Loch zu pfeifen scheint. Ich sprudele vorbei, stemme mich einen engen Kamin bergauf und frage mich etwas bang, wie ich denn hier wieder runter kommen soll? Sicherungen sind nicht vorhanden. Eine Heiligenfigur im Grottenheim ist so abgegriffen, dass ihre konfessionelle Zugehörigkeit unklar bleibt. Vielleicht hilft‘s ja trotzdem.

Nun ja, so lange es nicht regnet, sollte alles machbar sein. Blick in die Ferne: Regengüsse am Horizont, und schmuddelgraue Wolkentürme in Küstennähe. Egal, ich bin ja gleich oben. Nur nicht nach unten schauen. Ein weißer Prachtvogel kreist in meiner Nähe, so ein Mix aus Möwe und Mauersegler, einen Meter Spannweite, mit ellenlangen Frackschößen. Was klackt da beim Klettern eigentlich immer so komisch? Es ist mein Ehering, der bei jedem Griff an den Fels stößt. Ganz neue Kletterklangkulisse.

 Die letzten zwanzig Höhenmeter. Ich zweifle. Schweiß hat meine Kleidung vollständig durchnässt. Trempé comme une soup, wie der Kreole sagt. Unter mir diskutieren die Wanderer. Umkehren? Quatsch, ich bin doch gleich da. Armkraft ist Trumpf. 


Zweimal Zickzack, ein luftiges Turnen, dann bin ich am Kreuz. Nicht der höchste Punkt, aber immerhin. Höher ginge es nur für Kammerlander und Ko. Selfie, knipsknips, dann wieder runter. 

Wird auch höchste Zeit, denn die schwarzen Wolken kommen immer näher. Mich teils auf dem Popo bergab tastend, meist jedoch mit dem Gesicht zum Fels versuche ich, schneller zu sein als der Regen. Unterhalb des Gipfelaufbaus kommt mir die Wandergruppe entgegen. Als Schlusslicht kämpft der englische Senior, in seinen Zügen blanke Angst. „Just five minutes to go!“ mache ich ihm Mut. Dann weiter. Ja keinen Fehltritt, sonst bin ich geliefert. Zwei- bis dreihundert Meter freier Fall optional. „Sterben ist der schönste Tod“ wie mein Papa zu sagen pflegt. Aber bitte nicht heute und hier, in meiner Flitterwoche. Huch, ein Tropfen! Und da! Noch einer! Ich versuche zu beschleunigen, aber großes Akzellerationspotenzial bietet das Gelände nicht - außer eben im Sturzflugverfahren. Wer wirklich vorsichtig ist, bleibt immer am Leben, spreche ich mir Mut zu. Naja. Überzeugt nur so halb, sagt das Panikzentrum in meinem Hirn, das sich auf erhöhte Aktivität vorbereitet. 

Die Tropfenfrequenz nimmt schnell zu, und nach einer Minute prasselt satter Regen auf meinen Rücken, als ich, den Bauch an schwarzen Fels gepresst, taugliche Tritte suche. Während das glatte Gestein im trockenen Zustand besten Grip gewährte, wird es nun schmierschlüpfrig. Mein Herz schlägt bis zum Hals; jeden Griff teste ich mehrfach, überlege auch, ob es nicht besser wäre, einfach hocken zu bleiben, bis der Regen nachlässt. Aber wann wird das sein? Um halb sieben jedenfalls wird es schlagartig dunkel. Vielleicht sollte ich Teresa anrufen, solange mein Handy noch funktioniert- denn wenn es länger so droscht, ist das Ding bald hi‘. Tututut - drei kurze Töne, sonst nix. Scheint gerade im Funkloch zu stecken. Bang beuge ich mich gen Berg, um nicht nur mich, sondern auch das Telefon zu schützen.

Im Kamin, in dem ich vorhin die Wandergruppe überholte, verklettere ich mich gleich mehrfach: Einfaches Klemmstemmen erscheint mir ob der Rutschigkeit zu unsicher, aber die größeren Griffe am Rand führen in vertikale Sackgassen hinab. Kurze Pause. Nochmal Handy. Wieder kein Empfang. Ganz ruhig, Wigald. Zurück in den Kamin. Jeder Tritt, jeder Griff muss sitzen. Im Zweifel lieber pausieren und Augen schließen. 

Nach einem Viertelstündchen weicht das Geprassel versöhnlichem Nieseln, und meine Laune hebt sich. Am Kaminende entfährt mir ein kapitaler Seufzer: Geschafft. Ab jetzt bin ich außer Gefahr. Entspannt trabe ich die Wanderwege hinab, gelange an die bereits gestern morgen erkundete Sandstrasse (wo die großen Schnecken hausen) und erreiche nach knappen eineinhalb Stunden das Hotel. Teresa hatte sich schon Sorgen gemacht, in der Anlage nach mir gesucht. Ähem. 

Anschließend bürste ich meiner Braut bußfertig extra beharrlich die Haare, fast so lang, wie der Regen fiel. Damm-Damm. 


Flipperwoche 


Schwimmen mit Delphinen! In freier Natur - verspricht der Koberer am Strand, und Teresa, erklärte Delfinistin, schlägt sogleich Purzelbäume vor Begeisterung. „Ja nicht zu früh freuen!“ rate ich Teresa, „wer weiß, ob die Delphine tatsächlich zu Hause sind - womöglich haben die ja auch was besseres zu tun als sich von Schwimmern bestaunen zu lassen“. Mit Volldampf entfernt sich das Motorboot Richtung hohe See, und als nach einem Viertelstündchen ein Dutzend Rückenflossen vor uns auftauchen, entfährt meiner Gattin glucksendes Glücksgurren.

Sicherheitshalber steige ich zuerst ins Wasser, mit Flossen und Schwimmbrille bewehrt, das Herz tief in der Badehose. Der erste Eindruck unter Wasser: Hui, ist das laut! Forte sirrendes Oberton-Tutti. Die Tiere sind nur wenige Meter entfernt, ein bis zwei Meter lang und sehen recht filigran aus: Die Schnauze ist elegant, der Rumpf bicolär; der Rücken ist dunkel, Flanken und Bauch weiß. Ihr Interesse an mir scheint begrenzt; langsam bewegen sie sich von mir weg. 


Jetzt steigt Teresa ins Wasser, eskortiert von einem jungen Maurizianer, der sogleich auf imposante 16 Meter Tiefe hinabtaucht. Nun gut, mit Flossen, aber trotzdem: So einer Luftanhalteleistung habe ich auch noch nie beigewohnt (dass die Wassertiefe 16m betrüge, habe er ausgemessen. Er trainiere hier schließlich jeden Tag). Wieder rein ins Boot, den Delphinen hinterher. Jetzt taucht eine Schule größerer Tiere auf, die aus und als „Flipper“ bekannte Art. Einen Meter länger und einfarbig. Wieder steigen wir ins Wasser. Unter uns ziehen mehrerer Dutzend Tiere vorbei, fast in Formation, auch viele Kinder sind zusehen. Wie heißen denn Delphin-Babys? Welpen? Delpen? Ich grinste breit vor Freude, würde der Schnorchel mich nicht am Grinsen hindern. Beide Arten sind hier grundsätzlich gemeinsam unterwegs, erklärt der Bootsführer, aber wie die kleinere Art heißt, kann er mir nicht sagen. Im Internet-Zeitalter lässt sich derlei bekanntlich schnell klären: Es handelt sich um den Spinner Dolphin, stenella longirostris. 

Nachdem wir uns satt gesehen haben, besuchen wir noch ein pittoreskes Eiländchen, perfekt für den nächsten Camping-Urlaub, und beschnorcheln ein Riff mit lila Seeigeln, -nadeln und -sternen, ehe es wieder an Land geht. 

Und während der Rückfahrt denke ich mir, dass es so ein paar Dinge gibt, die ausnahmslos alle Menschen, weltweit, egal wie alt, welcher Rasse und Konfession angehörig, unabhängig von Schulabschluss, Konfektionsgröße, sexueller Orientierung, eben ausnahmslos alle Menschen faszinieren. Und zu diesen Dingen gehört: das Schwimmen mit Delphinen. Glaube ich. In der griechischen Mythologie wird Arion über Bord geworfen, droht zu ertrinken, singt noch ein letztes Lied und lockt so einen Delphin an, der ihn anschließend auf seinem Rücken an Land trägt. Nur so als Beispiel. Und jetzt erstmal ein Kaffeetscherl. 









The biggest Arztroman ever

Willkommen in meinem neuen Tagebuch („Post-Coronik“), das sich womöglich auch in diesem virtuellen Gewölbekeller vornehmlich mit Corona befa...

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