Montag, 18. Februar 2019

Die Strichmännchen vom Central Park
















Vor etwa einem Jahrzehnt schoss ich diese Bilder, die seither ungenutzt auf einer Festplatte herumlungerten. Unlängst kramte ich sie hervor, da ich in letzter Zeit vermehrt ans Radeln in New York denken musste. Grund: In meinem Sportsfreundeskreis wird viel Zeit mit ZWIFT verbracht. Den Nichtsportlern sei erklärt: Es handelt sich um eine elektronengehirnige Anwendung, bei welcher der Athlet daheim auf einem Fahrrad sitzt, in einen Monitor schaut und aufgrund der in diesem sichtbaren Farbenspiele meint, er pedaliere sich durch die weite Welt. Eine beliebte Route für diese Wohnzimmerathleten führt durch den New Yorker Central Park. Ich selber habe ZWIFT noch nie ausprobiert (kein WLAN, kein Platz, keine Lust), kann mir aber vorstellen, dass die Grafik gerade in der grünen Lunge des Big Apples einige wichtige Details nicht darstellt - zu denen ich die elegant alternden Radlerporträts auf dem Asphalt zählen möchte. 

Sonntag, 17. Februar 2019

Diesel-Krise? Nicht mit uns!

Zu meinen liebsten Verkehrsmitteln gehört der Tretroller. Er vereint alle Vorzüge des Fahrrades mit der Nonchalance des Flaneurs; laut Straßenverkehrsordnung handelt es sich bei einem Tretroller um ein Kinderspielzeug, dessen Einsatz auf Bürgersteigen ausdrücklich zulässig ist. Jede Kleidung ist willkommen, das Tempo angenehm bescheiden - und doch im Großstadtmix auf vielen Strecken dem Auto ebenbürtig. Im Stau stand ich mit einem Tretroller noch nie. 
Psychologisch basiert der Reiz des Rollerns sicher auch auf den allerersten Kindheitserinnerungen; man war noch zu klein fürs Rad mit Stützrädern, erlebte darum stehend seinen ersten Geschwindigkeitsrausch und eroberte die Sackgassen des Wohnviertels. Wer auf einem Roller steht, verjüngt sich gleichsam, wird selber wieder zum Dreikäsehoch. 
Stichwort Stehen: Wer lieber rumsteht als rumsitzt, ist auf dem Tretroller besser aufgehoben als auf einem Fahrrad. Und wie titelte der „Stern" vor einigen Jahren? „Sitzen ist das neue Rauchen" - da haben wir‘s. Tretroller rules.
Selbstfahrende Autos faszinieren mich persönlich ähnlich wenig wie Elektromobilität - mein Herz gehört einer anderen Interpretation des Wortes „Fortschritt", nämlich der buchstäblichen. 
Ich persönlich habe Roller verschiedener Fabrikate im Einsatz, wobei Tschechien eine besonders prominente Rolle unter den Herstellernationen spielt: „Mibo" und „Kostka" heißen zwei Firmen, die ausgefeilte Roller herstellen, mit denen ich beste Erfahrungen auch auf Langstrecken gesammelt habe (Langstrecke heisst bei mir: über 100 km, etwa meine Standardroute von Osnabrück zu meinen Eltern nach Oldenburg). Der bemerkenswerteste Hersteller ist sicher dieser hier: 
Amischroller
...und soeben fällt mir auf, dass ich mit meinem Strohhut durchaus zu den Amisch passen würde. Jetzt fehlt mir nur noch ein Ohm-Krüger-Bart, um mich erfolgreich mit den Amischen verwechseln lassen zu können. Ich habe mal welche kennen gelernt, vor einem Jahrzehnt auf der „Queen Mary". Zwei Paare, die auf dem Schiff den Atlantik überquerten. Hintergrund: Sie stellten Kachelöfen her, die auch in Europa vertrieben werden. Quasi eine Dienstreise. Miteinander parlierten sie in einem spannenden Mix aus Englisch und einem Dialekt, der dem Pfälzischen ähnlich klang. „Jetzt gehn mir uff de Stubb" hieß es, wenn sie im Speisesaal zuende gefrühstückt hatten.

Draußen zwitschern euphorisch die Kleiber, Bachstelzen, Wiedehopfe. Blaues Band. Lenzluft. Raus mit uns, Frühlingsträume träumen. 



Freitag, 15. Februar 2019

Weißer Rausch

Frühstück beendet. Zeit für einen Spaziergang, den Hang hinter der Hütte hinauf. Bebop, Boys und weißes Pulver. Wir haben zwei Paar Tourenski und ein Paar Schneeschuhe. Wer kriegt was? Da ich mir aus rasanten Abfahrten nichts mache, nehme ich letztere. Sohn Leander schreitet forsch voran, dann komme ich. Leanders Bruder Cyprian kämpft mit monumentalen Blasen. Jaja, Skitourenschuhe. Die passen prinzipiell nie. Fast.
Oben lockt die Sonne. Gleißend und ohne den zartesten Dunst. Ihr goldener Schuss lässt den Schnee warm wirken. Gierig strebe ich in Richtung Licht, à la Motte in Gore-Tex-Hosen, sauge die Luxens in mich hinein wie Dennis Hopper sein Poppers in „Blue Velvet". 
Das Panorama oben ist schlichtweg bonfortionös. Fester Firn am Kamm. Windstärke 0,0. Fernsicht bis Tahiti.
Leander begrüßt mich im Schnee badend. Luxuriöser als Dagobert Duck im Geldspeicher. Ich überlasse ihn seinem Bad und laufe den Kamm entlang. Ganz hinten schläft die Speickspitze, vor ihr träumt die Antoniaspitze. Ja, die Berge schlafen. Man hört sie atmen, guttural und gleichmäßig. Bauchschläfer allesamt: Man wandert auf den Bergrücken.

Nachdem ich mich am Reigen der Riesen satt gesehen habe, kehre ich zurück zu Leander, der sich noch immer im körnigen Crack aalt. Nein, satt gesehen habe ich mich nicht, nur der Cold Turkey ist mit knapper Not abgewendet. Goldener Schuss, Crack, Turkey - du liebe Güte, ich rede wie Christiane F. 
Voll auf Droge. Leben in Zeitlupe. Alle Knoten platzen, die Wahrheit der Welt knirscht unter Deinen blasigen Füßen, in kristalliner Form. Der mächtige Dealer im Himmel hat uns das Powder geschenkt - zum Anfixen. Später müssen wir blechen, und der Dealer reibt sich die kalten Flunken.
Jetzt kommt Cyprian auf den Kamm.

Ganz cool, mit Spiegelbrille. Auch er im Rausch. Will nicht mehr weg. Lässt sich nieder und schweigt. Giert und grinst. Glücklich, wer sich an der Bergsonne berauschen kann. Luzides Träumen. Leander fährt als erster ab, fräst monumentale S-Bögen in den Talar des Hanges. S wie Sorro. Ich hoppele hinterher. Werde immer schneller. Juchze. Sprinte schließlich. 
Womit wir später blechen müssen? Muskelkater und Müdigkeit. Kein Problem. Wir sind reich. 



Zwillinge im Zillertal

Zauberschnee („Generation Z"). Und in der gleißenden Mittagssonne 4 Grad plus - Viel zu dick sind die Anoraks, in denen Cyprian und Leander mich zur Hütte begleiten. Schnell ist alles durchgeschwitzt. Cyprian macht bald auf Putin und stiefelt mit nacktem Oberkörper bergauf. Ich habe derweil ganz andere Probleme, weil der mit Lebensmitteln randvolle Riesenrucksack auf meinem Rücken kamelhaft hin und her wackelt, und gleichzeitig der warme Schnee an den Fellen meiner Tourenski kleben bleibt. Er stollt, wie man so sagt. Vier Kilo Extrafracht. Cyprian gehts genau so. Wir werden immer langsamer. Schneckenhaft nahezu. Auf dem letzten Kilometer wirken wir wie Everest-Bezwinger: Fünf Schritte, Fluchpause. Stossgebet, weiter. An der Hütte auf 1800 Metern angekommen, erstmal aufs Dach, den Schornstein ausgraben. Dann wird der sonstige Schnee geräumt. Theoretisch. Praktisch lassen wir‘s einfach bleiben, weil die Wehen uns überfordern. Also die Schneewehen. Immerhin kriegen wir die Tür auf. Alle Systeme intakt. Lebende Stubenfliegen sagen Griaß Enk. Wie haben die hier überlebt? 
Ich kredenze Schupfnudeln mit Kraut, Dörrobst, Chorizo und Spekulatiuscreme, und dann sind wir eigentlich bis zum Abend im Wesentlichen mit Essen, Klönschnack und dem Hüten der beiden Holzöfen beschäftigt. Abschweifen sollte man nie länger als eine Viertelstunde, sonst drohen die Feuer auszugehen. 
Der Wert der Wärme wird einem hier klar. Und was für eine Revolution es gewesen sein muss, als Holz durch Kohle ersetzt wurde: Der Heizer, zumeist war dies ja eine Frau, gewann viel Zeit und persönliche Freiheit, weil sie nicht mehr gar so strikt an den Ofen gebunden war. Und plötzlich hatte sie nicht mehr permanent Holzsplitter in den Händen stecken.
Etwas sonderbar: Da geht man „raus in die Natur", um dann dorten nach Möglichkeit drin zu bleiben, bei 25 Grad Raumtemperatur. Damit sich die Heizarbeit auch lohnt. 

So. Es ist 7:28. Lehre der Nacht: Meine Zwillinge schnarchen nicht. Alles ist mucksmäuschenstill, zusätzlich verstillert durch die Schneefracht auf dem Dach. Jetzt muss ich mich um die Öfen kümmern. Raus aus den Federn, rein ins Werdertrikot. Gleich geht die Sonne auf. 



Donnerstag, 14. Februar 2019

Rom sehen und...


Meine schönste Fahrradtour in Gesellschaft war gleichzeitig meine längste. Sie hätte evtl. kürzer sein können, aber dazu gleich mehr. Start jedenfalls war in Füssen, abends um sechs. Auf den berühmten Schuss warten hier: Hannes, sein Bruder, der damals erst 19-jährige Cornelius, Bernd (Banker aus Frankfurt, der im Internet von unserem Vorhaben erfahren hatte) und ich. Ohne Rad zu sehen sind ferner Geli und Jonas, Hannes‘ Familie, die uns gleich zum Abschied winken wird, und hinter uns steht das Wohnmobil von Sigi, der uns erfreulicherweise begleiten möchte. 

Das nächste Bild zeigt uns in raffinierter Windschatten-Formation bei der Einfahrt in die erste von drei Dämmerungen, die wir erleben werden. Könnte bei der Auffahrt zum Zirler Berg sein.

Ein Blick in Sigis Wohnmobil, Mitternacht auf der Brennerpasshöhe. Schnell wird klar, welche Vorteile sich mit einer solchen rollenden Verpflegungsstation auftun: Man muss nicht, wie im ordinären Gartenlokal, auf verschlafene Kellner warten und darf in der Gaststube den Hut aufbehalten. „All you can eat" ist obligatorisch, und Sperrstunde jibbet nicht. Während dieses Nachtmahles geht draussen gerade ein Gewitter hernieder - es sollte das einzige bleiben. Ansonsten immer eitel Sonnenschein. 

Einen halben Tag später überfahren wir den Po, also den Fluss (hahaha, auf der Fahrt nach Paris bin ich ulkigerweise auch schon mal die Meuse entlanggeradelt) und kommen in eine Gegend, in der mein Navi plötzlich streikt. Nanu! Strassen enden im Nichts, obwohl sie laut Navi weiterführen sollten, andere Strassen, deutlich sichtbar, kennt unser Navi nicht. Will sagen: mein Navi. Denn für die Wegfindung zuständig bin ich. Damals, 2012, waren Navi-Apps noch unbekannt, und man befestigte an der Lenkstange mehr oder weniger klobige Spezialgeräte zur Wegfindung. Ich besass als einziger solch ein Gerät und stecke nun in der Tinte, da ich, nach reichlich 20 Stunden Fahrt mehrfach im Kreis fahren lassen muss. „Wir müssen nochmal zurück, der Abzweig dürfte vor ungefähr einem Kilometer gewesen sein" - solche Sätze stossen nach über 500 km Pedalieren nicht bei jedem auf Verständnis. 

Hier sieht man mich beim Versuch, die Unzulänglichkeiten meines Navis anhand einer Landkarte zu ergründen, und in den Blicken meiner Sportkameraden erkennt man eine gewisse Düsternis. Ich hingegen verbreite lächelnd Optimismus. Wahrscheinlich witzele ich gerade: „Keine Sorge; alle Wege führen nach Rom" oder sowas ähnliches. 
Der Konflikt wird wenige km nach der Aufnahme dieses Bildes gelöst: Wir kommen in ein Städtchen, ich glaube es heisst San Felice sul Panaro, das von einem Erdbeben schwer getroffen wurde. Das Zentrum ist ein Trümmerhaufen, und Soldaten halten Wache, um Plünderungen zu verhindern. Wir begreifen: Die alten Strassen sind nicht mehr existent, und mein Navi kennt die neuen Behelfsstrassen noch nicht. 
Am Ortsausgang befindet sich ein riesiges Zeltlager für jene, die obdachlos geworden sind. Gebeutelte, graue Gestalten schleichen zwischen den Zelten umher. Wir stellen unsere 5000-€-Carbonräder ab und stärken uns in der Lager-Cafeteria - ziemlich nachdenklich gestimmt. 
Am Abend, in der Innenstadt von Bologna, verfransen wir uns erneut. Diesmal ist es tatsächlich meine Schuld. Es kommt zu Vorwürfen, die ich mit einer lautstarken Explosion kontere. Anschließend fahre ich mit Höchstgeschwindigkeit voraus, um allerdings an der nächsten roten Ampel auf meine Freunde zu warten. Tja; manchmal ist der Typ, den man im Grenzbereich in sich kennen lernt, gar nicht soo sympathisch. Ich bitte die anderen um Entschuldigung. Angenommen, Schwamm drüber.
Übernachtung hinter Bologna, nach über 600 km. Hannes hat Knieprobleme, sein Bruder keine Lust mehr. Cornelius auch nicht, also fahren Bernd und ich alleine weiter. Netterweise begleiten alle anderen uns aber fürderhin im Wohnmobil und winken beizeiten. Huhu! Einträchtig rollen Bernd und ich nach kurzem Powernap Richtung Florenz. 
Das Tempo ist nunmehr deutlich verringert. Einerseits fehlt der Windschatten, und auf jeder Kuppe warte ich auf Bernd. Normalerweise könnte solch eine Tempodifferenz durchaus nerven, hier jedoch überwiegen die Vorteile: Immerhin einer, der mir Gesellschaft leistet. Alleine hätte ich mich schwerlich zur Weiterfahrt aufgerafft. Danke, Bernd!
Wir überqueren den Arno, nehmen uns in der Mittagsglut die herrlichen Hügel der Toskana vor und erreichen am Spätnachmittag Siena. Auf dem dortigen Marktplatz, berühmt durchs Pferderennen, treffen wir die bestens ausgeruhten Wohnmobilisten wieder und stärken uns gemeinsam mit ihnen. Der Kellner erkennt in unseren Gesichtern den Ernst der Lage und kredenzt uns Cola in Maßkrügen. 

Die Nacht verbringe ich in einem ausgetrockneten Straßengraben, direkt neben der Staatsstraße SS2. Überall dorniges Gestrüpp, Gekkos und Müll. Aber das ist mir egal; ich ziehe mich aus, lege mich auf meine Isomatte und schlafe sofort ein. 
Drei, vier Stunden später geht‘s weiter: Es ist Sonntagmorgen, und die breite Staatsstrasse gehört uns. Als wir in Acquadependente eine Bäckerei betreten, um uns mit Espresso zu dopen, verzieht der Bäcker das Gesicht: Wir starren vor Dreck, und Fluchtfliegenschwärme umschwirren uns. So dreckig war ich noch nie! Auch meine Handykamera ist mit schmierigen Fruchtriegelresten eingekleistert. Immerhin entsteht dadurch ein interessanter Weichzeichnereffekt:

Wahrscheinlich handelt es sich um den Lago di Bolsena. Das ganz hinten könnten aber auch die white Cliffs of Dover sein, oder die Kreidefelsen auf Rügen. 
Wir machen noch einige Male Rast, unter anderem am Braccianosee:

Gut, ganz soviel kann man da auch nicht erkennen. Gerne würden wir ins Wasser eintauchen, aber unsere Hintern sind gerade gut verschorft, und wir wollen den Schorf nicht aufweichen. Also weiter. 
Am frühen Nachmittag kommen mir bereits Bushaltestellendesigns von früheren Rombesuchen bekannt vor. Und exakt in dem Moment, in dem wir die Stadtgrenze überqueren, springt der Kilometerzähler auf „1000 km":

Vierstellig. Wenn ich nicht mehrfach als Navigator versagt hätte, wäre uns der Stolz auf die runde Summe versagt geblieben! So ist alles im Leben immer für irgendwas gut. Und weil‘s so schön war, hier nach brutto 56 Stunden unsere Ankunft am Hotel, Bernd und ich, mit Triumphatorengeste. Veni, vidi, vici. 







Mittwoch, 13. Februar 2019

Nie wieder Rücken


Ich bin begeisterter „Tragepapa". Stundenlang transportiere ich Theodor vor meinem Bauch; mittlerweile habe ich Erfahrungen mit allen gängigen Modellen gesammelt, Limas Baby, Baby Björn, Manduca. 
Einerseits leuchtet es mir ein, dass sich der Mensch aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte als Tragling am Körper seiner Artgenossen geborgener fühlt als im Kinderwagen. Andererseits folge ich auch einem trainingskonzeptuellen Kalkül: Theo wog bei der Geburt dreieinhalb Kilogramm, jetzt über acht. Bei steigendem Gewicht und gleichzeitig immer länger werdenden Tragzeiten müsste meine Rumpfmuskulatur durch diese Schlepperei auf Jean-Claude-van-Dammesche Ausmasse anwachsen. Und Rückenmuskeln, so habe ich gelernt, schützen vor Schmerz. 
Vor meinem ersten Marathon war ich durchaus anfällig: Alle paar Monate zwickte da irgendwas, ich „kriegte Zug", hatte „mich verhoben", was man eben so sagt, wenn‘s wehtut. Dann wohnte ich im Allgäu, und durch Skilanglauf war die Sache schnell passé (Laufen alleine reicht nach meiner Erfahrung nicht aus). Wie sich Rückenschmerzen anfühlen, habe ich seither völlig vergessen. 
Tauglich als Rückenstärkung sind auch: Schwimmen, Boxen, „Nordic Skating" (also Inline Skating mit Stöcken) und Kajakfahren. 
Aber man muss ja gar nicht extra Sport treiben, um seinen Rücken zu pflegen; Heben, Wuchten, Tragen kann man auch im Alltag. Einkaufswagen nehme ich nur beim großen Wochenendeinkauf, ansonsten bevorzuge ich Körbe. Koffer mit Rollen lehne ich aus religiösen Gründen ab. Neben Theodor schleppe ich gerne große Rucksäcke mit allerhand Inventar durch die Gegend: Bücher, Lebensmittel, Wackersteine. 
Bodenwischen ist nicht nur rückenfreundlich, sondern macht auch die Wohnung schön! Überhaupt, Vierfüsslerstand: Ich freue mich bereits darauf, meinem jüngsten Nachwuchs als Reittier zur Verfügung zu stehen, so wie auch schon meine inzwischen erwachsenen Zwillingssöhne Cyprian und Leander auf mir geritten sind. 
Ideal ist auch Schaufeln. Ich liebe es, Schnee von A nach B zu schippen, aber es geht natürlich auch mit Erde. Wichtig: Die Schaufel nicht einseitig bedienen, sondern regelmäßig zwischen rechts und links wechseln. Ist koordinativ gegebenenfalls gar nicht so leicht; probiert’s mal aus!

Vom Schaufeln ausgehend kann man dann einen Schritt weitergehen und Bauen. Etwa einen Iglu. Oder gleich ein richtiges Haus - der Phantasie sind da kaum Grenzen gesetzt. Als Mann soll man ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen, ein Haus bauen - alles drei Aktivitäten, die den Rücken fordern, sofern man‘s nicht deligiert oder motorisiert. Fahrstühle, Rolltreppen? Überflüssig. Autos? Gut für Lahme, Schwache, Kranke. Allzu leicht steigt mein ein, gedankenverloren, und zack! ist man am Ziel. Leute, hütet Euch vor Autos! Sie machen dick, schlaff und hässlich. Man sieht nicht die Feinheiten der Landschaft und riecht nicht die Aromen der Welt. Kennt Ihr diesen Duft im Sommer, wenn nach einem heissen Tag Regen auf Asphalt fällt? Mein Lieblingsduft! Kriegt man im Auto nichts von mit. Fahrt lieber Fahrrad. Oder zeugt ein Kind und tragt es durch die Gegend. Kind und Rücken sagen Dankeschön.





Montag, 11. Februar 2019

Per Tretroller zum Traualtar



Dies ist ein offizielles Hochzeitsfoto der Bonings. Unsere Hochzeit war nicht zuletzt deshalb witzig, weil ich ja qua Ehe zum Bayer wurde (so sieht es jedenfalls die bayerische Verfassung). Und als ich meine Frau fragte, was ich bei der Heirat anziehen sollte, war ihre Antwort klar: eine Lederhose. Und als folgsamer Bräutigam ziehe ich an, was meine Frau sich an mir wünscht. Ganz nebenbei habe ich eine Lederhose auch deshalb gerne im Kleiderschrank, weil man in ihr hervorragend radeln kann.
Apropos. Ein Meilenstein auf unserem Weg zum Traualtar war unsere gemeinsame Alpenüberquerung im Sommer 2017, sie per Bergrad, ich auf dem Tretroller. 
Immer wieder hatte sie meinen mannigfaltigen Schilderungen vergangener Großfahrten gelauscht und rief eines Tages: „Das will ich auch!" Training? Wurde nach kurzer Testfahrt zum Tegernsee für überflüssig erklärt. Dies ist eine der angenehmsten Charaktereigenschaften meiner geliebten Frau: Ihre unerschrockene Abenteuerlust. Sie kann grundsätzlich ersteinmal alles - bis das Gegenteil bewiesen ist (bisher nicht passiert).

Wie wenig Erfahrung Teresa mit langen Radtouren hatte, äußerte sich nicht zuletzt daran, dass sie beim Start die von mir überreichten Radhandschuhe falsch herum anlegte, mit der Handinnenfläche nach außen. Erst schmunzelte ich, dann wurde mir etwas bang. Kann sowas gut gehen? Was, wenn nicht?

Die Verläufe der einzelnen Etappen sind ja weiter vorne in diesem Blog ausführlich beschrieben. Gestern fand ich einen unveröffentlichten Nachtrag mit folgendem Text:
„Unsere Strecke war laut Routenbeschreibung 363 km lang, bei 5200 Hm bergauf und 5850 Hm bergab. Da wir uns bereits ganz zu Beginn die Auffahrt zum Hochthörle gespart haben und auch später oftmals die Fahrstrasse den Trails vorgezogen haben, dürften kaum 5000 Hm erreicht worden sein. Auf eine Aufzeichnung per Navi haben wir verzichtet, um die Akkus unserer Handys zu schonen- einen Ersatzakku wollten wir nicht mitnehmen. Überhaupt sind wir beim Gepäck ausgesprochen minimalistisch vorgegangen: Neben der Sportkluft am Leib hatten wir lediglich je eine Regenjacke, Armlinge und ein Paar Knielinge dabei (ich, der drei Viertel des Jahres in kurzen Hosen herumrennt, braucht keine), außerdem je eine Freizeitkleidung für abends: für Teresa ein besonders leichtes Kleid, für mich Shorts und ein kurzärmliges Hemd. Dreingabe: Badezeug, Kulturbeutel, Bufftücher."

Neben den schweißtreibenden Auffahrten hat Teresa vor allem die Tunnels als herausfordernd in Erinnerung. Ich wiederum entsinne mich mit besonders zartem Grausen unserer Versuche, diverse Auffahrt abzukürzen, etwa jene zum Gampenpass, die uns ausnahmslos auf (unserem gemeinsamen Leistungsniveau) unangemessene Schiebestrecken führte. Andererseits eröffneten mir diese Verirrungen immer wieder die Gelegenheit, mich als Kavalier zu präsentieren, indem ich nicht nur mein, sondern auch ihr Gefährt schob:

Am Gampenpass erwartete uns oben, gleichsam als Klimax des partnerschaftlichen Heroismus, der höchste Punkt unserer Reise. 

Auf der fünften Tagesetappe erreichten wir schließlich unsere letzte Passhöhe, den Passo del Balino; ab dort gings nur noch bergab zum Gardasee, an dessen Ufer wir am Abend den Sonnenuntergang bestaunten.

Wir selber hatten den Eindruck, eine sehr brauchbare Reisemethode für sportlich ungleich trainierte Paare gefunden zu haben. Aus dem Bekanntenkreis weiß ich nämlich, dass unterschiedliche Leistungsniveaus viele Paare abschrecken, gemeinsam loszulegen: Dem einen geht‘s zu schnell, der andere fühlt sich unterfordert. Die Tretroller/MTB-Variante löst das Problem. Und wenn der/die Radler(in) schwächelt, kann der Trottinettist mit der rechten Hand am Hinterteil anschieben, falls nötig und erwünscht.
Unsere Reise verlief jedenfalls in harmonischer Eintracht; ein solches gemeinsames Abenteuer schweißt zusammen, und ein Jahr später durften wir Theodor begrüssen:

Bin mal gespannt, wann wir das erste Mal zu dritt auf große Urlaubsfahrt gehen. Wir liebäugeln bereits mit einer Unternehmung im kommenden Sommer. Sicher mit kinderfreundlich-kürzeren Tagesetappen - das ist aber auch alles, was zur Stunde feststeht. 




Über das wackere Verwittern




2007 entdeckte ich bei Dreharbeiten in Warnemünde in meinem rechten Nasenloch ein schlohweißes Nasenhaar, und in ihm manifestierte sich für mich die Tatsache, dass auch ich jenem unausweichlichen Prozess unterworfen bin, der schließlich Staub zu Staub werden lässt. Ich wähnte mich am Scheideweg: Wenn ich früh sterben wollte, so wie Jimi Hendrix, wäre dann jetzt die letzte, die allerletzte Gelegenheit? Nein, ich war bereits 40, mithin nicht mehr „jung", die Chance verpasst, jetzt galt - und gilt - es wacker zu verwittern. Aber wie geht das? Man könnte sich die Nasenhaare konsequent schwarz färben, ausserdem das zunehmend überschüssige Körperhaar auf die lichten Stellen am Kopf verpflanzen lassen. Aber würde man das „Problem" auf diese Weise nicht lediglich in die Zukunft verschieben? Und nähmen Färben und Verpflanzung nicht allerhand Zeit in Anspruch - Zeit, welche man eventuell besser mit Tätigkeiten verbringt, die einem noch mehr Freude bereiten als OPs? Etwa Sport, Sauna oder Sex? Der Sex-Appeal mangelnden Selbstwertgefühls, der mit Schönheits-OPs dokumentiert wird, ist jedenfalls mickrig. Nein, in dieser Abwägung entschied ich mich für die transparente Vergreisung nebst Zeitgewinn für die schönen Seiten des Lebens. 
Ein ähnlicher Einschnitt wie mein Nasenhaarfund war mein Aussenbandriss im Oktober 2014:


Dreharbeiten in der Schweiz. Morgens wollte ich schnell auf einen Berg hoppeln, war schon fast wieder unten, knickte um und hörte das typisch schnalzende Geräusch. Klarer Fall, Bänderriss. Ärgerlich humpelte ich ins Hotel und bestritt den folgenden Drehtag als sportliche Herausforderung: „So tun wie wenn nichts wäre". Lediglich bei einer Strassenmusikszene in Zürich, an deren Ende ich aus dem Bild gehen sollte, geriet meine Performance etwas staksig. „Jetzt ist mir doch glatt der Fuss eingeschlafen" log ich schmunzelnd. Abends stand ich dann noch mit Heidi Happy auf der Bühne, und nicht zuletzt, weil Dieter Meier im Publikum stand, riss ich mich kräftig zusammen und tanzte zur Querflöte so gut es eben ging. Der anschließende Weg zum Hotel geriet dann allerdings heftig; für 400 m brauchte ich fast eine Stunde. Am nächsten Tag Ärztemarathon, CT, Schiene holen, dann 6 Wochen Laufpause (Fahrradfahren ging). Ich hatte nicht mal das Training übertrieben, fast war‘s eine „Bagatellbewegung". Ok, so ist das eben in der zweiten Lebenshälfte, der Körper wird anfälliger, weniger geschmeidig, die Erholung dauert länger. Und irgendwas ist immer. Mal knackt das Knie, mal zwickt die Hüfte, dann der Fuss. Die schöne Herausforderung besteht nun darin, sich auf jene Bewegungsabläufe zu konzentrieren, die der Körper schmerzfrei hinkriegt; Herz und Kreislauf ist es ja egal, wie sie in Wallung gebracht werden. Skilanglauf ist am besten, klar. Kann ich nicht laufen, wird geradelt, ist hierfür das Wetter zu schlecht, kann man Schattenboxen oder Seilspringen, oder ich fahre mit dem Tretroller durch die Gegend.


Moderates Tretrollern geht (neben Schwimmen) fast immer. In den letzten Jahren ist es zu einer meiner Lieblingssportarten geworden. Alle 5-15 Schritte wechsele ich Stand- und Tretbein. Ein kleiner Klapproller lässt sich prima auf Reisen mitnehmen. Bei Kälte friert man auf dem Roller nicht so schnell wie auf dem Rad, und es sind mehr Muskeln an der Fortbewegung beteiligt. Man braucht auch weniger Spezialkleidung, kommt mit normalen Strassenschuhen gut vorwärts und schafft dabei lange Strecken: 2017 bin ich von Köln nach Arnhem gerollert, in den Niederlanden. Früh morgens los, gegen Abend am Ziel, das sind 180 km. 

Auf dem Tretroller unternahm ich auch eine meiner schönsten Reisen überhaupt, nämlich meine Alpenüberquerung gemeinsam mit meiner Frau Teresa 2017, die eher untrainiert war, aber auch mal über die Berge nach Italien wollte, quasi aus dem Stand. Die goldene Idee: Sie fuhr Mountainbike, ich Tretroller, so waren wir ungefähr in einem Tempo unterwegs. Weiter vorne in diesem Blog findet man ja noch das damalige Reisetagebuch. 






Sonntag, 10. Februar 2019

Wie ich Weltmeister im Langsamschwimmen wurde




„Und guck ja bloß nie nach vorne, zum Kirchturm in Romanshorn. Immer nur schön nach links und rechts blicken, ok?" Ein etwas seltsamer Ratschlag, wie ich finde, dann hopse ich ins Wasser an diesem strahlenden Prachttag im Juli, hinein in den Bodensee, und schwimme zum Startpunkt. Der ist leicht auszumachen: Ein Strand mit einer Handvoll Journalisten, die darauf warten, dass ich ihnen Interviews gebe. Temperaturcheck: Kalt ist das Wasser nicht, aber warm geht auch anders. Spiddelige Strünke reichen vom Grund hinauf ins besonnte Türkis; ich kenne diese Wasserpflanzen aus dem Fühlinger See in Köln und bin wieder nicht dazugekommen, nachzuschauen, um welche Art es sich handelt.
Prost Mahlzeit, zische ich beim Eintauchen, noch vor dem ersten Meter gescheitert. Alles für die Katz. Und dabei will ich ja nur rüber, rechne mit einer Schwimmzeit von fünf Stunden – und werde aus Schwimmerkreisen hierfür eher belächelt. „Fünf Stunden? Ah, Du willst Brust schwimmen!" – „Nein, Kraul" Hm, soso.



Etwas kurz angebunden begrüße ich die Runde und pule mir die Silikonstöpsel aus den Ohren, um hörtauglich zu sein. Erster kleiner Fehler, denn nachdem ich in ein paar Radiomikros gegrüßt habe, erklingt die Bootssirene, ich verabschiede mich eilig, stopfe die Stöpsel wieder in die Gehörgänge und zurre die Badehaube zurecht. Dabei touchiere ich den aus Kälteschutzgründen mit Vaseline eingecremten Rücken, und wie jeder Langstreckenschwimmer weiß, sorgt Creme an den Fingern für den sofortigen und endgültigen Verlust des Wassergefühls. So habe ich jedenfalls in diversen Fachbüchern gelesen.


Egal, ich schwimme die ersten paar Meter kochend vor Wut, das erhöht schon mal ordentlich die Temperatur, ich heize los wie Mark Spitz, eile zum Boot, das 50 Meter vor dem Ufer auf mich wartet (Näher ran ging nicht, weil sich die Wasserpflanzen sonst um die Schraube wickeln, und dann gäb’s Strunksuppe mit Kolbenfresser). Fluchend lasse ich mir von Observant Oliver ein Handtuch reichen, frottiere mir die Finger und hetze auf und davon, um den frottierbedingten Zeitverlust wieder reinzuholen. Also „hetzen" nach meinen Möglichkeiten. Im Schwimmbad brauche ich für 3km etwa eine Stunde zehn, ohne viel Anstrengung. Und so fange ich umgehend an zu rechnen: Wenn ich jetzt richtig reinhaue, schaffe ich 3km in einer Stunde, bin also in vier Stunden drüben. Und mit diesem, wie ich bald lerne, völlig lachhaften, eben nur eines schwimmenden Grünschnabels würdigen Ansatz kämpfe ich mich durch den See.



Perfekte Bedingungen: Sonne lacht, das Wasser ist ruhig, nur die Wassertemperatur wirft gewisse Fragen auf. Etwas über zwanzig Grad, also für echte Langstreckenschwimmer „warm". Ich aber bin ja eher so eine Art Landratte, habe mich zur Bodenseequerung nur entschlossen, nachdem Sportfreund Carsten und ich beim Haarer 24-Stunden-Schwimmen im Dezember so viel Spaß hatten. Wiewohl ich seit Ostern viel in Fluss und Tümpel trainiert habe, bin ich weiterhin nicht völlig kältefest; es gibt Tage, da fröstele ich schnell, vor allem nach wenig Schlaf – etwa in einem fremden Hotelbett. Hättste mal zuhause geschlafen, murmele ich ins Wasser hinein. Egal. Wer schneller schwimmt, hat früher Feierabend, also: Vorwärts! Wasser marsch!
Nach einer halben Stunde erste Verpflegungspause. „Super, du liegst genau im Zeitplan" nickt Oliver, dann nehme ich einen Schluck aus der Pulle, beschließe jedoch, zukünftig das Seewasser zu trinken, einfach aus Bequemlichkeitsgründen, und vielleicht lassen sich so noch ein paar Sekunden einsparen, hihi. Das Wasser schmeckt prima; es fühlt sich seidig an und schimmert betörend. Zwar kann man auch einige Meter weit sehen, aber das lohnt kaum. Keine Fische, auch keine Taucher, keine Quallen, kein gar nichts. Nada, niente. Nur Türkis, und die mit der Zughand ins Wasser einge- schlagenen Luftbläschen.
Alle paar Hundert Meter ändert sich die Temperatur. Mal durchschwimmt man ausgesprochen warme Bereiche, und dann, ganz plötzlich, wird man von schneidiger Kälte umarmt. Der Gegenwind sauge Wasser aus tieferen Schichten an die Oberfläche, erklärt Oliver beim nächsten Stopp und überreicht mir ein Kohlehydratgel. Eigentlich mag ich diese Tütchen gar nicht, aber hier im Wasser, so hatte ich mir ausgemalt, sind Gele und Bananen am leichtesten zu verzehren. Laut Reglement darf das Boot nicht berührt werden, und so lasse ich mir alles anreichen. Der Gegenwind, so Oliver weiter, sorge allerdings auch für eine deutliche Gegenströmung, die mein Tempo reduziere. Hm. Einstweilen egal, ich merk‘s ja nicht. Der Romanshorner Kirchturm ist bisher höchstens schemenhaft zu erkennen, jedenfalls aus der Fischperspektive. Einfach weiterschwimmen. Leichte Krampfneigung, Oberschenkel rechts, hinten. Nur nicht zu viel drüber nachdenken.

33 Züge Kraul, so zählt Oliver mit, konstant. Dreieratmung. Schaue ich nach links, zum Begleitboot, blicke ich in auffallend sorgenvolle Mienen. Stimmt irgendwas nicht? Ok, ich mag ein wenig langsamer geworden sein, aber müssen die denn soo düster dreinblicken? Ich friere ein wenig, und auf meinen Armen vermerke ich eine ausgewachsene Gänsehaut. Beim nächsten Stopp schlägt Oliver vor, dass wir von der stündlichen auf halbstündliche Verpflegung umstellen. Au weia. Ich muss einen schlechten Eindruck machen. Ich stimme etwas kleinlaut zu und hebe immer wieder energisch den Daumen, als die Crew mich fragt, ob denn alles in Ordnung sei – und das fragt sie verdächtig oft. Ihr merkt doch, wenn ich absaufe, brummele ich verstohlen und drücke aufs Gaspedal. Aber da ist keins, sondern nur Wasser. Es folgt eine verhältnismäßig angenehme Periode der Ereignislosigkeit, nur unterbrochen durch Gele und Bananen. Nebenan aalt sich die Crew, ich kraule parallel, jetzt mit etwas größerem Abstand.
Nicht denken, einfach schwimmen. Vorher wage ich allerdings doch mal einen Blick nach vorne: Da ist er, der Romanshorner Kirchturm. Noch recht fern, aber gleichzeitig verlockend nah. Ganz klar zeichnet sich seine schwarze Silhouette vom Himmel ab. Vergleichsweise ein Blick in die andere Richtung: Ach du Scheiße –Friedrichshafen ist ja immer noch viel näher! Ich suche sogleich nach Argumenten, die meinen Frust lindern. Die Sonne bescheine Friedrichshafen, und darum seien alle Details besser ausgeleuchtet. Außerdem sei Friedrichshafen ja die viel größere Stadt, mit den größeren Gebäuden – die müsse ja zwangsläufig größer und somit näher aussehen, ganz egal, wie weit man entfernt ist.
 Schließlich lächelt mir Oliver zu: Jetzt sind’s nur noch 5,5. „Das ist ja eine Strecke, die Du aus dem Training kennst". Einerseits freue ich mich, hurra, ja, kenne ich, andererseits frage ich etwas misstrauisch: Und wieviel haben wir jetzt? Sechs? „Nein, vielleicht etwa fünf". Wie? Ich denk, das sind insgesamt 12 km? Dann müsste ich doch mehr als die Hälfte haben, oder? Enttäuschung de luxe. Ein Blick auf die Uhr. Blöd, dass ich beim Start nicht draufgeschaut habe. Muss etwa viertel nach elf gewesen sein. Jetzt ist es...ach, egal.

Schluss damit. Zeit für ein bisschen Schwimmen. Konzentriere Dich auf die Technik, das hilft dir am meisten. Artig die Beine zusammen lassen, am besten so, dass sich die großen Zehen bei jedem Schlag berühren. Ich versuche, „schön" zu schwimmen, aber der Nachteil der Introspektion besteht darin, dass gewisse Malaisen umso deutlicher wahrgenommen werden: Weiterhin ist da diese blöde Krampfneigung; kann wohl mit dem kalten Wasser zu tun haben, oder habe ich auf dem ersten Kilometer zu viel Druck gemacht? Außerdem muss ich weiterhin frieren, jedenfalls beim Durchschwimmen kalter Zonen, was ja nun auch kein echtes Wunder ist, hihi, das ist ja das Wesen der Kälte, dass man in ihr friert.

Klar: Man kann sich natürlich einen Neoprenanzug anziehen, aber dann, so markiere ich den Kernigen, könne man ja auch gleich mit der Fähre fahren. Ein richtiger Langstreckenschwimmer trägt eine Bade- hose. Oder einen Badeanzug, wie die von mir so hochverehrte Gertrude Ederle.

Und noch eine Malaise macht mich etwas missmutig: Ich fühle mich schlapper, habe hier im Wasser aber keinen richtigen Appetit – jedenfalls nicht auf Banane und Gels. Ein schöner Schweinebraten, ordentlich salzig- das wäre was. Den gibt’s hier aber nicht, ließe sich schwimmend auch nur schwer verzehren. (Ein aufblasbarer Schwimmtisch! Komplett eingedeckt! Dringend erfinden!).
Alle halbe Stunde stopfe ich mir also weiterhin eine halbe Banane in den Mund und brüstele ein paar Züge, solange, bis ich den Klumpen hinabgewürgt habe. Mittlerweile passiert es allerdings immer häufiger, dass die Banane schwuppdiwupp wieder rauskommt, besonders dann, wenn ich unfreiwillig einen besonders großen Humpen Seewasser verschlucke – und das kommt vor. Vor allem, wenn wir von der Autofähre überholt werden, die mich mit Wellengang verwöhnt. Auf der Fähre stehen Schaulustige, von denen man mir später berichten wird, sie hätten gejubelt und angefeuert – vorerst kriege ich hiervon allerdings nichts mit, wegen der Ohrenstöpsel.




Blick zum Kirchturm. Nein, kann gar nicht sein. Der war doch vor einer Stunde exakt genauso groß wie jetzt, oder nicht? Ich will melancholisch seufzen, aber just in dem Moment sprudelt wieder mal mein Mageninhalt empor, und Seufzen ist nicht. Klappe halten, weiterschwimmen. Ist ja alles freiwillig. Freiwillig? Ich grüble schwimmend über Wille, Wasser, Freiheit, eingebildete Freiheit, Zwänge, denen man sich selber unterwirft, Journalisten am Ufer, Bananenkotze, die sorgenvollen Blicke der Begleiter, und immer mehr unverdauliche Zutaten mischen sich in den Gedankeneintopf: Wie konnte ich zu diesem verschlagenen Egomanen werden, zu diesem kriselnden Gernegroß, schluchz, zu diesem mickrigen Besserwisser mit schütterem Haar, bibber, bald ist alles vorbei, aua, es krampft, ist da vielleicht irgendwo ein Fisch? Nein, nur ein Mikropartikel in meiner Tränenflüssigkeit. Luftblasen. Vom Grund? Von mir? Je kälter das Wasser, desto mehr Harndrang. Schade, dass ich schwimmend so schlecht pinkeln kann. Geht nur mit Totermann. Und die Crew ist bestimmt jetzt schon genervt, bei meinem Wasserschneckentempo. Also weiter. Schnatter. Was mache ich hier? Ich will auch in so’n Boot.

Mit sieben bei Herrn Steigerwald Schwimmen ge- lernt. Immer habe ich damals gefroren. Ich wog 20 Kilo, eine halbe Stunde im alten Oldenburger Hal- lenbad, und ich zitterte stundenlang. Und warum jetzt wieder frieren, vier Jahrzehnte später? Lernst Du gar nichts dazu, Boning? Bissu doof? Kümmere Dich mal um die wichtigen Sachen! Zuhause sind Steuerunterlagen, die müssen sortiert werden! Theatertext lernen! Grrrrr, Scheibenkleister, es krampft schon wieder, jetzt in beiden Beinen. Nicht bewegen. Schön die Arme arbeiten lassen. Ruhe dahinten. Wie zwei Besenstiele schleppe ich die Beine durchs Wasser.
  



Blick zum Kirchtum. FUCK, warum sieht der immer noch genauso klein aus? Ist doch bestimmt wieder eine Stunde rum? Warum wird der nicht größer? Ein schönes Gewitter, das wär’s. Dann bestünde Blitzgefahr und man dürfte sofort raus. Links und rechts Wolkentürme. Überm Pfänder, bei Bregenz, sogar leicht gewitterförmig. Blick nach hinten: Friedrichshafen auch quellwolkig. Huch, ist Friedrichshafen noch groß. Immer noch irgendwie größer als Romanshorn. Über uns: Märchenhaft blauer Himmel. Hui, ist das Wasser hier kalt. Geis- terbahneffekt: Hallo, ich bin’s, das Kältemonster aus der Tiefe! Krampf. Kotz. Kirchturmblick. Aha. Jetzt kann ich Bäume unterscheiden. Da tut sich was!

Stundenlang geht das so. Immer dicker und düsterer wird der Eintopf, der da innerlich vor sich hin köchelt. Aber, merkwürdig: Über eine Aufgabe denke ich nie nach. Vielleicht, weil’s das erste Mal ist. Da ist immerhin der Reiz des neuen. Alles neue Krisen. Das Kirchturmproblem kenne ich vom Laufen und Radfahren nur in Ansätzen, etwa bei der schnurgeraden Straße, die durch den Perlacher Forst aus München herausführt. Aber die hat man nach einer Viertelstunde hinter sich. Oder die langen Geraden beim Bienwaldmarathon in Kandel – verglichen mit einer Geraden auf See natürlich pillepalle.
Insofern ist dies eine echte Bereicherung des Er- fahrungsschatzes, die ich zu genießen versuche. Und das klappt, auf der Empore über der Eintopfebene, recht gut.


So. Irgendwann, Stunden später, stopfe ich mir eine weitere Banane in den Mund und höre durch die Silikonstöpsel: „Noch ein Kilometer!" Yeah, das tut gut! Wir passieren ein paar Segel- und Fischerboote, mal wieder verkrampfte Besenstiele hinter mir herziehend, nehme noch ein Schlückchen Cola, ich mache unter dem Kirchturm Yachten aus und entstöpsele meine Ohren, um mich nun, da ich sicher weiß, das Ufer zu erreichen, a bisserl durch die Gespräche der Crew unterhalten zu können. Oliver schwimmt mal wieder neben mir und versucht seinen Freunden zu erklären, wo genau sich jene Treppe befindet, an der ich Land betreten soll. Schwierig zu erkennen. „Jetzt sind’s noch achthundert Meter" sagt der Skipper, und ich re- agiere nachgerade panisch. „WAAAS? Eben war’s doch nur ein Kilometer, und das ist doch ewig her!" Er zuckt mit den Schultern, der Gute. Tja, mal wieder etwas abgetrieben. Ist uns strömungsbedingt heute ein paar Mal passiert, so dass die Strecke am Ende 12,7 km beträgt.
Seezeichen 24, nur noch wenige 100 Meter
Schließlich überstürzen sich die Ereignisse: Gar- tenabfälle im Wasser! Ein Hinweisschild für Boote, auf dem „24" steht! Ich schalte um auf Omabrust, damit ich alles ganz genau wahrnehmen kann - immerhin liegen nun die schönsten Augenblicke meiner noch jungen Schwimmerkarriere vor mir. Schon sehe ich badende Jugendliche vor der Treppe an der Hafenmauer. Eine Frau sitzt auf einer Stufe und sonnt sich. Neben ihr ein... Moment... ein Kajak. Dahinter parkende Autos. Lancia. Fiat. Und dann, tatatata, tauche ich unter, um den Boden zu inspizieren, richte mich auf in die Vertikale, genieße den Kies unter meinen Füssen, erinnere mich, dass Oliver mich am Morgen vor der Rutschgefahr auf eben dieser Treppe gewarnt hatte, klettere vorsichtig über ein paar Felsen, sitze auf der Treppe, stelle mich in äußerster Zeitlupe reglementgerecht auf, so dass die Zeitnahme beendet werden kann. Piep.



Unfassbar. Sieben Stunden vierundzwanzig Minuten. Ein Rekord für die Ewigkeit. So langsam ist in der Geschichte der offiziellen Bodenseequerung noch nie jemand über den See geschwommen. Klingt jetzt etwas albern, aber dies ist ein Rekord, auf den ich ziemlich stolz bin, ganz im Ernst. Ich bin ja in Wirklichkeit gar kein Schwimmer. Aber Weltmeister.
Merke: Das tun, was man eh kann, kann ja jeder. Interessant wird‘s, wenn man sich an etwas versucht, was man - eigentlich - NICHT kann.
Schön, die warme Abendsonne auf der zittrigen Haut. Ein Interview für eine wartende Journalistin, dann zurück zum Boot schwimmen, abtrocknen, rüberheizen. Danke. Vor allem an Oliver und seine Supercrew. Aber auch an Poseidon. Und Dich, liebe Leserin, lieber Leser.




17. Juli 2014 
 

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