Montag, 25. Februar 2019

Böse ohne Grund



Impulskontrolle war noch nie meine Stärke. 

Achte Klasse, Schule aus. Ich radelte vom Schulzentrum Kreyenbrück nach Hause, und kurz, bevor ich auf den Radweg am Müllwerk einbog, kam mir ein Junge auf einem beigen Tourenrad entgegen. Blond, dünn, prominente Schneidezähne. Am Beginn seiner Pubertät - just so wie ich. Die Richtung, aus der er kam, ließ annehmen, dass er die nahe gelegene Hauptschule besuchte. 

Ich habe auch heute, vierzig Jahre später, keine Ahnung, was mich trieb, warum ich meinen linken Arm streckte und anhob, nach Art einer mittelalterlichen Turnierlanze. Jedenfalls hatte der Junge keine Chance, meine Attacke kam aus dem Nichts; kurz bevor er mich passierte, traf ihn meine Faust an der Schulter, stieß ihn aus dem Sattel. Er flog einige Meter durch die Luft, während sein Tourenrad noch einen Augenblick weiterfuhr. Im Augenwinkel sah ich den Jungen hart auf den Asphalt aufschlagen, und gleichzeitig beschleunigte ich meinen Tritt. Bald war ich außer Sicht, mein Herz pochte, und mich befiel ratlose, rastlose Panik. Warum hatte ich das getan? Nichts fiel mir ein, was als Antwort getaugt hätte. Ich kannte den Jungen nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen, hatte auch nichts gegen Hauptschüler mit großen Schneidezähnen. Meine Tat war mir ein Rätsel - und ist es bis heute.

Bald war ich daheim, erzählte meinen Eltern nichts und versuchte, den Vorfall zu vergessen. 


Tag zwei, große Pause. Meine Klassenkameraden und ich spielten Fussball. Weitläufiger Pausenhof, keine Aufsicht in der Nähe. Am Parkplatz tauchte ein finster dreinblickender Trupp Hauptschüler auf, angeführt von einem muskulösen Kleiderschrank mit Ofenrohr-Armen. Ganz hinten erkannte ich mein Opfer, mit geprellter Hand auf mich zeigend. Der Kleiderschrank nickte und ließ seine Fingerknöchel knacken. Bevor ich diskret flüchten konnte, hatten sie mich auch schon umstellt; der Schrank, zwei Schubladen größer als ich, packte mich am Schlawittchen, hob mich aus den Latschen und raunte mit ins Bassregister gebrochener Drohstimme: „Warum hast Du das gemacht?" Adrenalin durchflutete mich. Ich blieb stumm, wohl weil die Angst mich lähmte, aber auch, weil ich keine plausible Antwort parat hatte. Im Hintergrund sah ich, wie meine Klassenkameraden in Wortgefechte mit den Hauptschul-Delegierten gerieten. Einer meiner Freunde nahm einen der Rächer in den Schwitzkasten, ein anderes Paar rollte ringend übers Pflaster, doch ich hing weiterhin regungslos an den Pranken des Kraftprotzes, rücklings an eine Waschbetonwand gepresst. Schlotternd rang ich nach Worten, aber kein Piep schaffte den Weg an meinem Kehlkloß vorbei. Dann erklang der Pausengong, mein Rächer ließ mich fallen; die Hauptschüler gingen Richtung Hauptschule ab, und wir machten uns auf den Weg zum Französischunterricht bei Frau Trinks. 

Was es denn mit der Attacke auf sich habe, fragten meine Mitschüler. Keine Ahnung, log ich, und zuckte mit den Schultern. 


Tag drei. Wieder tauchten die Hauptschüler in der großen Pause auf, Schneidezahn hinten, Kleiderschrank vorne, wieder hob dieser mich aus den Angeln, stellte mich zur Rede, ohne dass ich auch nur eine Silbe hätte sagen können. Und wieder endete das Tribunal mit dem Pausengong.

Als ich nach der fünften Stunde heim radeln wollte, begegnete ich im Fahrradkeller meiner Klassenlehrerin. „Man erzählt sich merkwürdige Sachen. Stimmt es, dass du einen Hauptschüler einfach so vom Rad gestoßen hast?" Ich setzte mein harmlosestes Gesicht auf, gab mich betont schlapp und schmächtig. „Aber Frau Hinrichs, sie kennen mich doch. Trauen sie mir sowas zu? Und warum sollte ich derlei tun?" Ja, warum. Frau Hinrichs legte den Kopf schräg, schaute mich eindringlich an und nickte. In mühsam getarnter Beklommenheit radelte ich davon.


Tag vier. Die Sache wuchs mir über den Kopf. Um in der großen Pause nicht erneut vom Rächer meines Opfers drangsaliert zu werden, vertraute ich mich meinen Eltern an. Eine Horde halbstarker Hauptschüler habe es auf mich abgesehen, terrorisiere mich, und um meine Not zu untermauern, verwies ich auf psychosomatische Symptome, etwa Fieber. Das testhalber in der Achselhöhle versenkte Thermometer manipulierte ich in einem unbeobachteten Moment am Heizkörper. Knappe 39 Grad; genug, um das Bett zu hüten und nicht zur Schule zu müssen. Meine Eltern nahmen derweil Kontakt mit dem Rektorat auf, und ich war gespannt auf den Fortgang der Ereignisse. 

Lange warten musste ich nicht. Am frühen Nachmittag öffnete sich die Tür meines Kinderzimmers, und der Dünne und sein Rächer traten ein, begleitet von zwei Polizisten in Uniform. „So, jetzt dürft ihr euch entschuldigen!" bellte barsch der Hauptwachtmeister. Erst trat der Kraftprotz an mein Krankenbett, drückte meine Hand und murmelte „Es tut mir leid!", dann bat auch mein Opfer formvollendet um Entschuldigung. Großherzig nickte ich den beiden zu und nahm mit fester Stimme die Entschuldigung an, woraufhin beide Besucher davondackelten, begleitet von ihrer Polizeieskorte. Im Hinausgehen nickte der Hauptwachtmeister meiner Mama zu: „Richtig so; man muss sich nicht alles gefallen lassen!"

Und damit war der Fall abgeschlossen. 


Für das Foto wurde die Szene nachgestellt. 

Danke, Hugo. 

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