Montag, 4. November 2019

Duemila 2000



Vor einigen Jahren sah ich in München ein merkwürdiges Veloziped: ein antikes Klapprad mit zwei Gepäckträgern und übergroßem vorderen Schutzblech, eigentümlich geformter Sattelstütze und trapezförmiger Rahmengeometrie. Der Anblick begeisterte mich spontan, und ich ging dem Gefährt sogar ein paar Schritte hinterher, willenlos wie eine Motte im Lichtkegel. In der darauffolgenden Nacht träumte ich ein fesselndes Abenteuer: Ich verfolgte rennend Rainer Calmund, der in einem Matrosenanzug auf dem gesehenen Klapp-Solitär strampelte; ich stolperte, fiel in einen Swimming-Pool gefüllt mit Frischkäse und erwachte schweißgebadet. 


Unlängst durchstöberte ich ziellos das Internet, machte auch Halt bei „ebay Kleinanzeigen", und gab den Suchbegriff „Klapprad" ein, intuitiv, ins Blaue hinein. Müde scrollte ich mich durch die angezeigten Modelle, und plötzlich, gewissermaßen mit einem lauten „Klapp!", war ich wach. Das war es, das Rad von damals, das Klapprad meiner Träume. „Duemila 2000" las ich. Aha, so heißt das Modell. Ein Name wie Honig. 


Als Angehöriger der Generation 50+ kann ich mich natürlich an die vielen Verwendungen der Zahl „2000" erinnern - immer dann, wenn etwas besonders futuristsch wirken sollte, kühn, fern: Video 2000, BMW 2000 Coupé, Blume 2000, Odyssee im Weltraum (ok, der Film hieß „2001", aber egal). In der Berliner Lützowstrasse gab und gibt es sogar das „Kumpelnest 3000", eine Kultkneipe, deren Name sich, wenn ich‘s richtig interpretiere, über die Milleniums-Manie der 20.Jahrhunderts lustig macht(e). 


Meine Frau, Besitzerin eines Ebay-Kleinanzeigen-Accounts, übernahm die Verhandlungen, und bald war man sich handelseinig. Der Besitzer wohnte in Ladenburg, einem Ort, der mir gänzlich unbekannt war. Der Besitzer bestand darauf, dass sein stählerner Schatz abgeholt werden müsse, und guter Rat war teuer. Wie nach Ladenburg kommen? Die Zeit drängte, wie jeder weiß, der schon mal das Phänomen des „Coup de Foudre" erlebt hat. Fahrradliebe auf den ersten Blick - das Herz klopft wie am Stilfser Joch kurz vor Erreichen der Passhöhe, der Mund ist trocken und im Bauch klappern die berühmten Schmetterlinge mit ihren Flügelmuttern. 


Glücklicherweise befand ich mich auf Tour, „Gute Frage" im Duett mit Berhard Hoëcker, und mein lieber Bühnenpartner und unsere Tourmanagerin Renate erklärten sich bereit, das Objekt meiner Begierde nach unserem letzten Auftritt in Reutlingen auf dem Rückweg nach Köln abzuholen und im Savoy zu deponieren, meinem Basislager für alle Dreharbeiten, die ich in der Domstadt regelmäßig  zu absolvieren habe. 


Die Abholung geriet zur Szene aus einem Agentenkrimi: Da der Besitzer am Tag der Transaktion arbeiten musste, erhielten Renate und Bernhard die Anweisung, ein bestimmtes, am Straßenrand abgestelltes Auto anzusteuern, einen Mercedes A-Klasse, und in dessen Kofferraum, so versicherte mein Handelspartner, würde das zusammengeklappte Zielobjekt warten. Ich war per Live-Video dabei, als Bernhard Hoëcker die Kofferraumklappe öffnete und die karierte Pferdedecke zurückschlug. Ein Schrei der Verzückung entfuhr meiner Kehle, ich sägte mit der Becker-Faust ein imaginäres Oberrohr entzwei, und anschließend deponierten meine Leute einen Umschlag mit abgezähltem Bargeld in einem toten Briefkasten nahebei. 


Einige Tage später reiste ich spät abends in Köln an und schleppte das Klapprad vom Hotel-Gepäckraum höchstpersönlich in mein Zimmer. Satte zwanzig Kilo liessen mich anerkennend schnaufen. 20 Kilo! Das ist noch echter, schwerer Schwedenstahl, nicht dieses magersüchtige Carbon-Kroppzeug, aus dem heute leider immer mehr gedrechselt wird, von der Schuheinlage über Greta Thunbergs Atlantic-Jolle bis eben zum Hi-End-Rennrad. Nein, mit dem Duemila 2000 sieht man beim Tragen einen beleibten Schmied vor sich, der im ölgefleckten Unterhemd mit einem Vorschlaghammer auf rotglühende Rohre einprügelt, nichts für Hungerhaken und Diätmäuse. 


Angekommen in meinem Zimmer hängte ich das „Nicht stören!" -Schild vor die Tür und studierte den stählernen Körper eingehend, strich sanft über die gold-grüne Lackierung und zog die beiden Lenkerbögen aus ihrem Futteral. Das Duemila hat nämlich nicht einen Lenker, sondern zwei Holme nach Art eines Bonanzafahrrades, Easy Rider auf Italienisch, mit genoppten Griffen, welche mir sofort meine Kindheit herbeizauberten. Natürlich, dieses prickelnde Griffgefühl begleitete mich, bis ich zu Beginn meiner Pubertät vom Bonanza- auf Hollandrad umstieg. Die Noppen massieren die Hände, bis heute eine probate Methode, um tauben Flunken vorzubeugen. 


Provisorisch entfaltete ich den Rahmen, dann kümmerte ich mich um dem Sattel. Seltsames Ding. An seiner Spitze mit der Sattelstütze befestigt, die sich eine Handbreit tiefer per Schanier aufklappen lässt. Um die Sattelhöhe zu verstellen, schiebt man also nicht das eine Rohr ins andere, sondern man entfaltet mehr, oder, wenn man klein ist, weniger. Erst bei höchstmöglicher Sattelstellung erklärt sich die Grundidee des Designers, nämlich ein angedeutetes Trapez oder Parallelogramm oder Rhomboid, bei dem allerdings eine, nämlich die obere Linie fehlt. Der Designer erwartete offenbar, dass der geneigte Velozipädist im Geiste die fehlende Linie hinzufügt - und genau so kam & kommt es auch. Deutlich meinte ich zu spüren, wie sich ein starkes Band zwischen diesem Drahtesel-Designer und mir entspann; ich fühlte mich ernst genommen, nicht unterschätzt, sondern gewürdigt, aufgenommen in die verschworene Gemeinschaft jener Kundigen, die unvollständige Trapeze im Geiste zu vervollständigen wissen. 


Mit hochrotem Kopf widmete ich mich nun dem Hauptscharnier, wollte die beiden Rahmenhälften fest miteinander verschrauben. Ohne Erfolg. Ich nestelte energisch am silbernen Arretierhebel herum, aber enttäuscht vermerkte ich, dass alle meine Versuche zu einer höchstens labbrigen Fixierung führten - immer klapperten, wackelten die Rohre, immer blieben einige frustrierende Millimeter Spiel. „Passt, wackelt, hat Luft" mag ja in vielen Lebenslagen stimmen - aber auf dem Fahrrad hat man’s doch lieber grundsolide. Ach was, beschied ich, notfalls werde ich auch ganz ohne Arretierhebel, mit unverbundenen Rohrhälften das Duemila genießen, fahren, verehren. Wäre ja noch schöner, sich von derlei Petitessen ins Bockshorn jagen zu lassen. Morgen früh, so sagte ich meiner italienischen Zimmergenossin, werden wir eine Werkstatt aufsuchen und Deinen offenbar dysfunktionalen Arretierhebel durch eine einfache Mutter austauschen lassen, und obendrein kriegst Du Luft in die platten Reifen. Und mir war, als würde das Klapprad nicken, womit auch die Frage beantwortet war, ob es mich wohl verstehen würde. Und dann entfaltete ich den Ständer, der das schöne Geschöpf sogleich sicher stützte, stellte es ans Fußende meines Hotelbettes und betrachtete es im Schummerlicht noch lange, bis mir die Augen zufielen und ich einschlief, mit seligem Lächeln im Gesicht.


Am Morgen las ich mich während des Frühstücks in die Entstehungsgeschichte des Duemila ein: Cesare Rizzato aus Padua hatte sich von den zwei Hoffnungsträgern seiner Ära inspirieren lassen, der Weltraumfahrt und der Atomenergie. So wie die NASA für die Saturn-Rakete, die Mercury- und die Apollo-Kapseln jeweils ganz neue technische Lösungen suchte und fand, so erklärte auch Rizzato traditionelle Zweirad-Elemente wie das versenkbare Sattelrohr kurzerhand für überholt und ersetzte es durch seinen Klappmechanismus. Der Kernenergie huldigte Rizzato mit seinem Logo: Einem Atom mit zwei Elektronen. Könnte Helium sein, oder Sauerstoff, wenn ich nicht irre (Chemie war mein Problemfach; ich verbrachte den Unterricht im Oldenburger Café Klinge, und dass ich keine null Punkte kassierte und mich somit ums Abitur vmbrachte, verdanke ich nur der beherzten Intervention meines Tutors, der mich zum Krisengespräch mit meinem Chemielehrer nötigte. Der Deal war: Ich gehe in den Unterricht, bekomme einen Punkt, und das Abi ist sicher). 

Rizzato jedenfalls schuf ein Rad, dessen Emblem heute Verstörung oder Schmunzeln verursacht, kommt drauf an, wie man veranlagt ist. Die Lobpreisung des Atomzeitalters, die Verherrlichung der Raumfahrt führte Rizzatos Firma nur bedingt zum Erfolg: Nur wenige Jahre später sattelte Rizzato um auf die Konstruktion unauffälliger Räder, jedenfalls relativ, unter dem Markennamen „Ceriz", und das Duemila war Geschichte. 


Neun Uhr. Nur die Fahrradwerkstatt am Kölner Hauptbahnhof war bereits geöffnet; ich schob mein Duemila hinein und erklärte, dass der Hauptscharnier leider nicht vollständig schließe. Ob man mir mit einer einfachen Mutter helfen könne? Der Mechaniker nickte verständig, und wir gingen daran, das Scharnier zu lösen. Aber der Hebel ließ sich gar nicht entfernen - er schien mit der Mutter per Gummizug verbunden. Des Rätsels Lösung: Das Scharnier ist gleichsam ein integrierter Schraubenschlüssel. Technik, die begeistert. Ich schraubte die innenliegende Mutter mit dem Außenschlüssel fest, pumpte Luft auf die irgendwann nachgerüsteten Reifen (die Originalbereifung stammte von Pirelli, wie der Verkaufsprospekt seinerzeit stolz verkündete), und somit war mein Duemila startklar. Auf geht’s beim Schichtl. 


Huch, ist das klein. Nun bin ich von Natur aus lediglich 1,69 m lang und ein relativer Sitzriese, will sagen: Meine Beine sind besonders kurz, vielleicht vom vielen Lügen im Fernsehen. Eigentlich müsste mir jedes beliebige Kinderrad passen. Ich stieg ab, um die Höhe des Sattels zu kontrollieren. Tatsächlich, das war bereits die maximale Sitzhöhe. Ein zusätzlicher Zentimeter ließ sich ergaunern, indem man die Sattelstütze leicht nach hintern überdehnte - mit der Folge, dass der Sattel schief stand - oben die Spitze, das breite Endstück dahinter leicht abfallend. In der gängigen Fahrradsitztheorie heißt es ja, der Sattel solle waagerecht eingestellt sein. In diesem Spezialfall jedoch schien es sinnvoller, wenigstens in die Nähe einer angedeuteten Beinstreckung zu kommen als in die Nähe vollendeten Sitzkomforts. Ich nestelte noch mehrfach an den Sattelscharnieren herum, dann ergab ich mich meinem Schicksal. Bequem geht anders, aber bekanntlich hat alles im Leben Vor- und Nachteile - so auch die Sitzposition auf einem Duemila. Nein, ich korrigiere: Der Besitz eines Duemila mag Vor- und Nachteile haben, die Sitzposition selber ausschließlich Nachteile. Andererseits sagt mir meine velozipedistische Lebenserfahrung: Besser zu tief als zu hoch sitzen. Durchgestreckte Beine können die Knie reizen, bis hin zum stechendem Schmerz nebst unausweichlichem Fahrtabbruch. Zu tief sitzen sieht albern aus, verschwendet Energie - aber es ist das kleinere Übel. 


Ich schwang mich aufs Rad und rollte vorsichtig hinunter zum Rhein. Ok, soo unbequem ist der Sattel nicht. Ähnelt einem Mofasattel, eine grandiose Sattlerarbeit. Zwei Sorten Leder, gold und grün - passend zum Rest der Lackierung. Und noch bevor ich den Schicksalsfluss der Deutschen erreichte, hatte ich mich mit meiner emporragenden Sitzecke arrangiert. Umsichtig verlangsamte ich vor Bordsteinkanten und anderen Hindernissen. Wer weiß, was der alte Rahmen an Stößen erträgt? Langsam fasste ich Vertrauen, beschleunigte auf 15 km/h, rutschte testhalber auf meinem Mofasattel herum, wagte ein stolzes Grinsen. Ja, wir waren unterwegs, mein Duemila und ich. „Ich werde immer gut auf Dich achtgeben" flüsterte ich ihm zu, und eine Träne rollte meine Wange hinab. Nein, es war nicht Rührung, die mir die Augen anfeuchtete, sondern der herbstliche Fahrtwind. Jedenfalls nicht nur. 




Duemila 2000

Vor einigen Jahren sah ich in München ein merkwürdiges Veloziped: ein antikes Klapprad mit zwei Gepäckträgern und übergroßem vorderen Schutz...

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