Montag, 18. Februar 2019

Wie ich neulich eine Ehe zerstörte



Ich habe Probleme mit der Impulskontrolle. 
Eines der jüngeren Beispiele: Ich jogge durch Köln, schiebe unseren Kinderwagen vor mir her, und meine Frau begleitet mich auf einem Hotel-Leihrad.
Es ist Sonntag, die Sonne lacht, am Rheinufer herrscht reges Treiben. Vor der Rodenkirchener Brücke ist baustellenhalber ein Gehweg gesperrt; um auf die Brücke zu gelangen, muss zunächst eine kleine Treppe vom Ufer hinauf zum Bürgersteig an der Fahrstrasse erklommen werden. Ganz Gentleman, entbinde ich meine Gattin von allen Hebetätigkeiten und wuchte zunächst das schwere Hotelbike hinauf. Meine Frau nimmt es oben in Empfang, dreiviertel in Gedanken, weil sie ihr Handy zwischen Schulter und Wange geklemmt hat. Frohgemut hole ich nun den Kinderwagen nebst schlafender Fracht hinterher. Rechts auf die Hüfte gestemmt, ein billiges Liedchen gepfiffen, portiere ich den Filius und sein Gehäuse hinauf.
Als ich oben ankomme, hat meine telefonierende Frau ihr Gefährt um einen Meter versetzt; die vordere Hälfte des Bugrades ragt nunmehr eine Elle in den Radweg hinein. 
Da nähert sich von links ein älteres Ehepaar auf Trekkingrädern im Partnerlook. Er Typ pensionierter Katasteramtsvorsteherassistent, sie Typ pensionierter Katasteramtsvorsteherassistentenfrau. Just als sie den unsauber geparkten Drahtesel erreichen, steht auch meine Gattin mit einem Viertelfuß auf dem Radweg. Das Katasteramtspärchen saust vorbei, und im Wegfahren zischt die Seniorin: „Dusselige Kuh!" 
Was hat sie gesagt? Wen hat sie gemeint? Kurz muss ich meine Gedanken ordnen. Ja, sie hat „dusselige Kuh" gesagt, laut und deutlich. Und sie muss tatsächlich meine Frau gemeint haben - sonst ist ja niemand in der Nähe. Ehe ich bis drei zählen kann, schreite ich zur Tat: Der Kinderwagen verbleibt an Ort und Stelle, meine Frau telefoniert derweil ungerührt weiter. Nach Art eines indianischen Palomino-Reiters springe ich auf das von ihr nachlässig gehaltene Rad, reiße es in Richtung des davon rollenden Seniorenpaares und versetze die Pedale mit maximaler Kraft in Bewegung. Von null auf 35 beschleunige ich in sechs Sekunden, verkürze den Abstand auf die beiden nichtsahnenden Alten, geize nicht mit Muskelschmalz, mein Puls hämmert, mein Kopf wird rot, aber nicht nur, weil ich sprinte wie vor mir zuletzt Lance Armstrong, sondern auch, weil in mir ein Tier erwacht ist, ein zähnefletschender Höllenhund, ein hungriger Tyrannosaurus Rex, der sich aller Ketten entledigt hat und auf den entscheidenden Moment wartet, der über Leben und Tod entscheidet. Beißen, ich will beißen, höre ich dieses Tier in mir röcheln. 
Und da habe ich auch schon zur Katasterfrau aufgeschlossen, fahre linksseitig an die Kinnlinie heran, der Abstand beträgt kaum zwanzig Zentimeter, und dann fauche ich feucht und fiese: „Habe ich eben richtig gehört? Sie haben zu meiner Frau „dusselige Kuh" gesagt? Meine Stimme überschlägt sich, die Kataster-Oma erschrickt, ihr Mann, der ein paar Meter voraus fährt, blickt sich irritiert um. 
Für einen kurzen Moment ist alles in der Schwebe: Die von mir Drangsalierte sucht schlagartig erbleicht nach einer passenden Antwort; ihr Ehegatte ist alarmiert, muss jetzt aber wieder den Kopf nach vorne wenden, um nicht gegen den nächsten Baum zu fahren. Ich radle weiter auf gleicher Höhe mit der Frau, adrenalingesotten, jederzeit bereit, die alte Dame mit einem Prankenhieb vom Rad zu strecken - und die Sonne lacht dazu. 
„Na? Na?" setze ich crescendierend nach; die Seniorin öffnet den Mund, ist unschlüssig, schließt ihn wieder; ich balle meine Faust, dann setzt sie neu an und antwortet mit mühsam unterdrückter Panik: „Nein, zu meinem Mann! Ich hab das zu meinem Mann gesagt!" Ihr Gatte reißt seinen Kopf nach rückwärts, blickt seine Frau entgeistert an, und gleichzeitig weicht alle Spannung von mir; das wilde Tier schläft auf der Stelle wieder ein, und mit milder Genugtuung flöte ich: „Ah! Dann ist ja gut!" Und mit einem „Schönen Sonntag noch!" drossele ich mein Tempo, wende und rolle entspannt zurück zum Ausgangspunkt. 
Meine Gattin beendet soeben ihr Telefonat. „War was?" erkundigt sie sich, was ich sogleich verneine. Und in der Entfernung sehe ich das alte Ehepaar am Wegesrand stehen, großgestisch im hitzigen Disput. Schade, dass man nicht hört, was sie sich zu sagen haben. 
Und dann setzen wir unseren Sonntagsausflug fort. Lächelnd. 

Kommentare:

  1. adrenalingesotten - was für ein herrliches Wort!
    Danke dafür!

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  2. Ganz im Stile eines Kriminalfalls geschildert. ;) Hat mich sehr amüsiert, danke! :)

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  3. Herrlich ... und soooo spannend, ich hatte regelrecht Angst um alle Beteiligten, weiß man doch daß deswegs desöfteren destruktiv Pfosten lümmeln ...

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  4. Genial. Und so lebhaft. So etwas Ähnliches habe ich auch schon erlebt. Eine Gruppe älterer E-Biker hat mir mal etwas hinterher gerufen, nachdem ich sie in gebührendem Abstand auf breiter, ansteigender Straße überholt habe. Als ich dann umdrehte, um sie zur Rede zu stellen, waren sie doch recht verwirrt. Nicht zuletzt, weil ich bereit war, dafür den Anstieg noch mal zu fahren. Es ist friedlich mit freundlichem Gruß geendet.

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