Samstag, 23. Februar 2019

Auf Mecklenburg-Vorpommerns höchsten Berg



Juni 2018. Rot geht im Osten die Sonne auf, als ich morgens um fünf von Berlin-Weissensee kommend auf der L100 durch Wandlitz rolle. Mein Tagesvorhaben: Von der Teutonenmetropole auf dem Faltrad nach Usedom, wo ich mit Carlo von Tiedemann am darauffolgenden Tag eine weitere Folge unserer lustigen Kurorte-Porträtreihe drehe. Der Sommer ist heiss, und zur Belohnung für einen langen Tag auf dem Faltrad imaginiere ich ein erquickendes Bad in der Ostsee. 

Ab Bischofswerder fahre ich an der meditativ mäandrierenden Havel entlang, bis nach Zehdenick, wo ich lecker Pflaumenkuchen frühstücke. Über die 109 gehts weiter nach Templin, das verwunschene Backsteinidyll. Staksig waten Reiher im Winde; Kinder warten in Reihe, trainieren für die Spartakiade, hätte ich fast geschrieben. Danach gehts auf einen langgestreckten, zum Radweg umgebauten Bahndamm, der durch einen Auwald führt. Dort begegne ich einem weißgreisen Liegeradler, mit dem ich plausche. Er versucht mich fürs Liegeradeln zu begeistern, ich wende die mangelnde Bergtauglichkeit ein. Und damit gebe ich mir selber ein Stichwort. Berge. Höchste Eisenbahn, zu überprüfen, ob ich nicht zufällig am höchsten Berg Mecklenburg-Vorpommerns vorbeikomme, um diesen meiner 16 Summits-Sammlung beizufügen. Check: Ja, der Helpter Berg liegt zufällig am Weg. Dascha‘n Ding! Er befindet sich zwischen der Stadt Woldegk und der Gemeinde Helpt, und ich erreiche ihn am Mittag, nach etwa 125 km Wegstrecke. Die Gegend ist gewellt, von lieblichem Charakter, alte Eiszeit, so eine Wuthering-Hights-Landschaft. Man könnte hier auch Rosamunde Pilcher drehen. Von der Strasse aus ist die höchste Kuppe eher mitteldeutlich erkennbar, auch, weil die Hügel mit opulenten Waldfrisuren verziert sind. Der Fernsehturm schließt aber alle Zweifel aus, fungiert wie ein Textmarker. Ja, Sie sind richtig, HIER spielt die Musik!


Und da erkenne ich auch schon ein Hinweisschild, das den Helpter Berg als touristisches Highlight ausweist:
Ich stelle mein Rad ab. Mein Ostseeausflug wird somit zu einer recht umfangreichen Kombitour; der Gipfelsturm muss zu Fuss absolviert werden. Zunächst geht es einen schmalen Ackerpfad bergauf:

Dann geht es auf wenig begangenem Weg durch den Wald. Leichte Orientierungsschwierigkeiten. Manches ist zugewachsen, andere Baumschneisen meinem Navi unbekannt. Haupthinderniss der Unternehmung sind jedoch die Mücken, die in diesem Wald jeden erbarmungslos attackieren, der ungebeten eindringt, um den Gipfel zu erobern. „Kurze Hosen, Radlerleibchen: Lecker!" -schmatzen sie gierig.
Bald nähere ich mich dem Gipfel, erkennbar an der dazugehörigen Infrastruktur:


Schutzhütte rechts, Parkbank mittig, davor das Gipfelkreuz. Macht alles einen eher selten besuchten Eindruck, aber vielleicht bin ich auch als Laie außerhalb der Saison hier - eben dann, wenn die Mücken ihr Unwesen treiben und kein Local, kein Mecklenburger Sherpa den Weg wagen würde.


Ich erledige einige der Biester und zwinge mich zu einem Lächeln für das Gipfel-Selfie. Schauspielerische Glanzleistung, denn alleine während der kurzen Belichtungszeit verliere ich einen Deziliter Blut. 

Aussicht im konventionellen Sinne ist eher nicht vorhanden, demzufolge auch kein Panorama. Nur dichte, verschwirrte Waldeinsamkeit. 
Nach dem Abstieg setze ich mich wieder auf mein Rad und kühle meine Stiche mit scharfem Fahrtwind. Durst; der Blutverlust will ersetzt werden. Um meine leeren Flaschen zu füllen, lade ich mich bei einer äußerst abgelegen wohnenden, s e h r   l a n g s a m   s p r e c h e n d e n  u n d  s i c h  b e w e g e n d e n  Frührentnerin in DDR-Kittelschürze in die Wohnküche ein, und der Pilcher-Film bekommt einen Touch Stephen King: Sie verlässt das Zimmer mit den Buddeln, die Tür geht zu. Nichts passiert. Beklommenes Warten. Nach einer Viertelstunde ist sie wieder da, die Flaschen voll, ich am Leben. T s c h ü s s !
Weiterer Tagesverlauf: Mittagessen in Friedland, mit der Radlerfähre von Anklam nach Usedom, mit perfekt gecastetem Seebär. Weiter in die Kaiserbäder, und dann, nach 216 km: Rein in die Fluten.





1 Kommentar:

  1. Das l a n g s a m e Wasser hast Du wirklich getrunken? Todesmutig! Wer weiß, was die da alles reingemischt ... hätt jo noch ens joot jejange - puh!

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