Mittwoch, 27. Februar 2019

Auf Bayerns höchsten Berg


Auf der Zugspitze war ich schon einige Male. Grund für den ersten Besuch war die „WiB-Schaukel", eine Interviewsendung, mit der ich Anfang des Jahrtausends meine Brötchen verdiente. Wir drehten mit Johann Mühlegg, dem Skilangläufer, der, für Spanien startend, bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City Gold gewann (und wegen Doping wieder verlor). Rauf und runter ging‘s mit der Bahn. Dann habe ich am „Zugspitz Extrem Berglauf" teilgenommen, der 2003 vom Partenkirchener Skistadion durchs Reintal hinauf zum Zugspitzplatt führte, über 21 km. Und anschließend erklomm ich gemeinsam mit Laufjournalist Udo Möller noch das letzte Stück zum Gipfel. Es war ein heißer Tag mit spärlicher Getränkeversorgung. Immerhin besser als 2008, als der Lauf in die Schlagzeilen geriet, nachdem bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zwei Läufer kurz vor dem Ziel starben und sechs weitere ins Krankenhaus gebracht werden mussten. 
Als nächstes bin ich mit Johann Mühlegg zu Fuss rauf, und zwar von Grainau durchs Höllental zum Gipfel in 2:50 Stunden. Diese Zeit lässt sich auf dem Klettersteig nur erreichen, wenn man auf Sicherungsmaßnahmen konsequent verzichtet und bestens trainiert ist. Ich hatte bereits einen langen Bergsommer hinter mir und stieß trotzdem an mentale Grenzen - und zwar immer dann, wenn ich zwischendurch einen Blick in die gähnende Leere unter meinen Füssen warf. Johann Mühlegg eilte launig plaudernd voraus. Ab und an standen Kletterer mit Helm und Karabiner im Weg. Johann zu einer gesicherten Oma : „Am besten, sie bleiben, wo sie sind, und ich klettere einfach über sie drüber!" eins-zwei-drei, erledigt. Einige Minuten später schloss ich zu der Dame auf. „Für mich wäre es denn doch ganz gut, wenn sie kurz Platz machen würden - ich muss hinter dem Herrn dort oben her". Am Höllentalferner kam uns die berühmte Idee, dass Pumps ideal für diese Strecke seien: Die Schuhspitzen kann man gut beim Klettern in enge Felsspalten einführen und die hohen Absätze als Eisbeile verwenden, während man sockfuss besonders guten Grip auf der Eisfläche genießt. Runter kamen wir über die Wiener-Neustädter Hütte, wofür man damals viele zerschlissene Stahlseilsicherungen in Anspruch nahm - was bei mir dazu führte, dass ich seither auf derartigen Strecken gerne ein Paar alte Fahrradhandschuhe dabeihabe, um Blutvergiessen zu vermeiden.

Mein letzter Aufstieg war erst neulich, gemeinsam mit Sohn Cyprian, und zwar von Ehrwald aus. Start also in Tirol, rauf zur Ehrwalder Alm, bei herrlichem Wetter. Keine Grenzerfahrung wie mit Johann Mühlegg, aber doch sportlich anspruchsvoll, weil mein Sohn, Student in Landeck, oft und gerne in den Bergen unterwegs, daher bestens in Form und schnellen Fußes unterwegs ist (Hier übrigens sein Bergtourenblog: https://bergtourenblog.wordpress.com/2019/02/23/mein-erster-3000er/ )
Cyprian prescht also vor, ich hurtig hintan, und die Landschaft wird hinterm Skigebiet mit der ärgerlichen Infrastruktur immer besser. Grosses Sommerpanorama, Kühe im Gegenlicht, Schalker Königsblau am Himmel. Sehr pittoresk der Grenzübergang von Tirol nach Bayern, just dort, wo das Gelände ruppig wird, und dann rüber zur Knorrhütte, 2051 m hoch. Es ist später Vormittag und wir essen Erbsensuppe. Während wir unser erstes Wegstück fast alleine absolviert haben, sitzen wir hier mit weiteren Wanderern zusammen, die in ihrer großen Mehrheit auch alle auf die Zugspitze wollen. Als wir weitergehen, reihen wir uns in eine anschwellende Wandererkette ein, ein Trend, der sich nach oben hin immer weiter verstärkt. Aus Kette wird Schlange, aus Schlange ein Strom, der am Gipfelaufbau schließlich in ein Meer mündet, ein Menschenmeer. Die meisten Artgenossen kommen natürlich mit den Bahnen hinauf, nur die wenigsten ackern sich durch das lose Geröll, das mit jedem Schritt nachgibt und mitsamt Wanderer ein Stückerl talwärts rutscht. 




Warum wollen alle Leute dort hinauf? Es ist nicht nur der Deutsche Everest, der Berg der Berge, sondern auch Deutschlands höchste Fußgängerzone. Deutschlands höchstes Postamt. Deutschlands höchste Wetterstation. Deutschlands höchste Steckdose, Bierkneipe, Rolltreppe. Oder befindet sich letztere auf der österreichischen Seite des Gipfels? Denn das wird ja gerne vergessen: dass wir Deutsche unseren Rekordberg teilen müssen, mit Felix Austria, welch Schmach. Diesbezüglich sind die allermeisten 16-Summits-Exemplare der höchsten Erhebung Bayerns überlegen: Bremen etwa hat keinen soo hohen Berg, aber dafür muss dieser nicht mit irgendwelchen Nachbarn geteilt werden. 
Nach oben hin sind einige Stellen mit Seilsicherung zu meistern, alle bestens in Schuss, Fahrradhandschuhe nicht vonnöten. Und dann schwimmt man auch schon auf knapp 3000 Metern im Menschenmeer, wähnt sich auf der Hohen Straße in Köln an einem Samstagvormittag und umklammert seine Brieftasche. 

Und immer, wenn ich dort oben stehe, wünsche ich mir, der zivilisatorische Wahnsinn würde komplettiert werden. Ich wünsche mir H & M, Zara, McDonald‘s. Deutschlands höchste Tiefgarage, Kino, Kreisverkehr, Thai-Massage. Ich wünsche mir Wohnblocks, Erlebniswelten, Spa und Club-Szene - und im Gegenzug wünsche ich mir, dass der Rest der Alpen von übertriebener Bautätigkeit und Zersiedelung verschont bleibt. Man wird ja wohl noch wünschen dürfen. 
Bis auf das Selfi mit Baukran sind die Fotos alle von Cyprian. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Deutsche Sprichwörter, die sich nicht durchsetzen konnten (3)

„Muss I denn" ist aller Laster Nummernschildmusik Trau, Schein, schäm Schlag ein Ei drüber und mach die Wanne weiß Große None, be...

Beliebte Beiträge