Samstag, 13. Juli 2019

Alles übertrieben




„Alles übertrieben!" findet der niederbayerische Besenschwinger. Seit neun Jahren arbeitet die Reinigungsfachkraft in List auf Sylt, hat sich in die, wie er meint, „schönste deutsche Insel" verschossen und kommt nicht mehr weg. Aber, so fügt er missmutig hinzu, es sei mittlerweile eben alles hier übertrieben. Alleine der Autoverkehr. Selbst in den ruhigsten Wohngegenden Kampens droht jederzeit eine Überrollung, was umso schwierwiegender ist, als dass die überrollenden Fahrzeuge alle schwer wiegen. Wer Glück hat, wird nur vom Porsche Carrera geplättet, das leichteste Kfz, das in der Nähe des Avenariusparks anzutreffen ist. Dabei ist dieser Park unbedingt sehenswert: Schmucker Rasen, lindnerbartkurz, auch für die Wege. Ein Boulodrom, was meine Mama, die ja im Verein boult, frohlocken lässt. Und natürlich flotte Katen mit Reetdach, an denen sich die Relativität des Begriffs „Armut" gut zeigen lässt. „Arm" ist, so meine ich mich zu erinnern, wer über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verfügt. Rund um den Avenariuspark liegt das Durchschnittseinkommen bei einer sehr vorsichtig geschätzten Million pro Jahr und Kopf. Aber auch hier gibt es eben Armut: Bewohner von Reetdachhäusern von mittelfrüher, mit einfachen Teerosen auf den Findlingsmauern statt Nizzadeluxe-Züchtung. Einer scheint gar keinen Gärtner zu beschäftigen, sein Garten sieht nahezu ungepflegt aus. Du liebe Güte, macht der arme Kerl das selber? Tränen steigen mir in die Augen, und ich erwäge zu klingeln, um dem Tropf ein paar Tausender als milde Gabe zuzustecken. 




Teresa kriegt böse Blicke zugeworfen, weil sie Theo stillt, in aller Öffentlichkeit. Das ist den alten, weißen Männern unter ihren Reetdächern gar zu zigeunerhaft. Aber nicht nur den Männern. Neulich im Bus sorgte sie schon für böse Kommentare alter, weisser Damen. „Schlimm, wenn man jedes Schamgefühl verloren hat" raunten sie ihr zu. Ich war nicht dabei, glücklicherweise, denn so schamhaft ich sein kann, so kurz ist meine Lunte, wenn ich derlei höre. Kein nackter Busen kann jemals so aufdringlich, so verdorben sein wie, wie...ein Auto. 



Kupferkanne, schönes Café. Hier war ich auch schon mit Walter, 1988, und ich kaufe im Store eine Fahrradklingel für kleines Geld, als Finishermedaille für meine Radelei von Hamburg hier her. Reelle Preise sind auf Sylt nicht selbstverständlich: Für 3h Schwimmbadbesuch als Nicht-Hotelgäste zahlten wir zu zweit im A-Rosa satte 126€, allerdings zwei Langnese-Eiskrem inklusive. In meiner Perplexität habe ich die Schlussrechnung nicht eingehend studiert, so dass ich davon absehen möchte, irgendjemanden des Wuchers zu beschuldigen. Vielleicht haben die Speiseeis-Preise in letzter Zeit ja stark angezogen, etwa wegen Bienensterben plus Klimawandel. Keine Bienen keine Blüten keine Früchte keine Polkappen kein Eis kein Langnese, so in etwa, und der Löwenanteil des Obolus ging fürs Schleckvergnügen drauf.

Gestern in Kampen: Jazzfestival, wir zu früh vor Ort, und ich will dem soundcheckenden Till Brönner wenigstens die Hand drücken. Aber ein Security-Mensch mit gelben Zähnen pfeift mich barsch zurück. Uff, sowas schlägt auf die Laune. Könnte meinen Freunden bei Gosch nicht passieren. Jürgen Gosch habe ich schon 1988 bewundert, als er noch selber in seiner Fischbude stand und ulkige Döntjes erzählte. Heute steht er noch immer an gleicher Stelle, allerdings ist aus der Fischbude ein Viertel geworden, mit Riesenrad, Tonnenhalle, Kunstausstellung- in Ausmaß und Bedeutung für List etwa das, was die „Autostadt" für Wolfsburg ist. Goschs Thainudeln habe ich in den letzten Jahrzehnten dutzende Male verdrückt: An den Hauptbahnhöfen in Köln und München; ich bin Fan und Fachmann, und auf Sylt fällt zudem die unaufgesetzte Nettigkeit seines Personals auf. Und so fällt unser Urteil durchwachsen aus, so wie das Wetter in den vergangenen Wochen. Sylt scheint, Sylt sucks. Entscheidend ist, dass die Familie in trauter Runde Geburtstag gefeiert hat, den 1. und den 78., und dass wir alle am Leben geblieben sind und nicht überrollt wurden von irgendeinem Bentley oder AMG-Mercedes. Und das, lieber Besenschwinger, ist nicht übertrieben! 




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