Mittwoch, 30. Januar 2019

Barfuss in Paris



Auch ich habe schon einige Male vor der Ziellinie die Segel gestrichen. Nein, manchmal habe ich‘s noch nicht einmal an die Startlinie geschafft. Zum Beispiel bei meinem Vorhaben, einen Marathon barfuß zu absolvieren. In fast jedem Sommer der letzten Jahre kriegte ich irgendwann einen Rappel, zog die Schuhe aus und rannte los. Nach ein paar Wochen Aua-Aua meinte ich, die Füsse müssten sich doch so langsam an spitze Steinchen gewöhnen. Ich trainierte weitere Wochen, die Saison der Herbstmarathons nahte, ich untersuche bereits die Streckenbeläge bei den Läufen in Köln, Berlin, Oldenburg, und dann, als es ernst wurde, die Fußsohlen wegen allzu vieler Splitter zwickten und griffstarke Pinzetten zum Einsatz kamen, verließ mich der Mumm. Meine längste Barfußstrecke waren 35 km langsamster Trimtrab, vorwiegend auf Asphalt, weit spannender war jedoch ein Barfuß-Besuch in Paris, als ich nämlich im Maison de la Poesie am ersten internationalen Einkaufszettelsammler-Kongress teilnahm. Indem meine Frau und ich in der Hauptstadt der Mode und des guten Geschmacks ohne Schuhwerk erschienen, sorgten wir für allgemeine Verunsicherung. Verstörte Blicke begleiteten uns buchstäblich auf Schritt und Tritt.

 Diese Deutschen, mochten die Etepetete-Pariser denken, haben einfach nicht alle Tassen im Schrank (bzw Socken am Fuss, wie man auf französisch sagt). Nun ja; wartet nur, eines Tages habe ich die notwendige Lederhaut und laufe barfuß 42 km. 
Grandios gescheitert bin ich auch 2006, als ich mit einem uralten Klapprad Deutschland durchfahren wollte. Zweck der Aktion war ein vielteiliger Reisebericht über Land und Leute. Jeden Tag, so plante ich, könnte man 100 km radeln, sich dann in eine Pension einquartieren, den Klapprechner einschalten und lostippen. Aber: Bereits am Ende der ersten Etappe, die mich von Füssen nach Mindelheim führte, verliess mich die Lust. Das klobige Klapprad liess mich bergauf schwitzen, und am Abend wollte ich nicht mehr schreiben, sondern einfach alle viere von mir strecken. Am nächsten Tag übernachtete ich in Ulm, erklomm vorher aber das Ulmer Münster und ging anschließend ins Theater („Antigone") um auch ja ordentlich Material für mein Reisetagebuch zusammenzutragen. Bis ich die vielen Eindrücke schriftlich in Form gebracht hatte, war es bereits früher Morgen. Am nächsten Tag fuhr ich übernächtigt weiter nach Stuttgart, und passend zum Schlechtwettereinbruch am Nachmittag beschloss ich spontan, die Reise zu beenden.
Ähnlich waschlappig präsentierte ich mich einige Jahre später im Hochsommer, als ich alleine am Stück von München nach Prag radeln wollte. Ich bestieg morgens um fünf mein Rennrad und kam gut voran. In der Mittagszeit ergriff mich ein Anflug von Langeweile, genau in dem Moment, als ich den Bahnhof von Bayerisch-Eisenstein passierte, an der Grenze zu Tschechien. Ein Zug näherte sich. Ich hielt an, studierte den Fahrplan, begriff, dass die einfahrende Bahn nach München fahren würde, und eine knappe Minute später sass ich auch schon im Waggon zurück nach Hause. Bis heute weiss ich nicht ganz genau, welcher Hafer mich da stoch. Aber soo gross wird die Lust aufs Weiterfahren wohl nicht gewesen sein, gell? 
Kapitulationen wie diese behalte ich in der Regel lieber für mich, um meinen Status als beinharter Durchhalter nicht zu gefährden. Ich erzähle Ihnen dies nur, weil ich Ihnen vertraue. Bitte behalten Sie’s für sich. Normalerweise habe ich keine Motivationsprobleme, zumal, wenn’s um das tägliche Training geht. Ich treibe schon so lange Ausdauersport, dass ich vergessen habe, warum. Um-den-Pudding-Laufen ist Teil meines Alltags wie Zähneputzen. Watt mutt, dat mutt. Wenn ich zwei Tage hintereinander nicht trainiere, packt mich diffuser Missmut. Mein Blutdruck sinkt gefährlich,und  ich gebe leise Laute des Unmuts von mir, ähnlich wie ein krankes Meerschweinchen. Alles eine Frage der Konditionierung.


Manchmal geht es auch gar nicht ums „Durchhalten" im engeren Sinne. Da gibt‘s zB die Parseier Spitze (im Bild hinter mir). Das ist ein Berg in den Lechtaler Alpen, der nördlichste 3000er der Alpen. Die Parseier Spitze gilt als nicht unheikel in ihrer Besteigung; das Gestein ist brüchig, die Wegführung unklar. In den frühen 2000ern galt es an der Südseite einen Gletscher zu überwinden, dessen Randkluft sich mit dem Abschmelzen des Ferners von Jahr zu Jahr vergrößerte. Nun ja, hörte ich mich mehrfach seufzen - dieser Berg ist nichts für mich. Man kommt halt nicht über den Gletscher zum Gipfelaufbau. Vor zwei Jahren gelang meinem Sohn Cyprian eine Solobesteigung, und er berichtete, der Gletscherrand sei kein Hindernis mehr. Als wir im letzten Sommer gemeinsam hinaufwanderten, war der Gletscher tatsächlich geschmolzen, aber dafür hinterte uns ein starker Fönsturm am Erklettern der Gipfelpyramide. Es reichte lediglich für den benachbarten Gatschkopf. Wenn ich jedoch ganz ehrlich bin, war ich gar nicht so unglücklich über den Sturm, denn so hatte ich auch weiterhin eine Ausrede. In Wirklichkeit hatte ich nämlich einfach Schiss (Bitte auch hiervon nichts weitererzählen, vor allem nicht meinem Sohn. Der lacht sich dann kaputt). 

2 Kommentare:

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