Montag, 11. Februar 2019

Über das wackere Verwittern




2007 entdeckte ich bei Dreharbeiten in Warnemünde in meinem rechten Nasenloch ein schlohweißes Nasenhaar, und in ihm manifestierte sich für mich die Tatsache, dass auch ich jenem unausweichlichen Prozess unterworfen bin, der schließlich Staub zu Staub werden lässt. Ich wähnte mich am Scheideweg: Wenn ich früh sterben wollte, so wie Jimi Hendrix, wäre dann jetzt die letzte, die allerletzte Gelegenheit? Nein, ich war bereits 40, mithin nicht mehr „jung", die Chance verpasst, jetzt galt - und gilt - es wacker zu verwittern. Aber wie geht das? Man könnte sich die Nasenhaare konsequent schwarz färben, ausserdem das zunehmend überschüssige Körperhaar auf die lichten Stellen am Kopf verpflanzen lassen. Aber würde man das „Problem" auf diese Weise nicht lediglich in die Zukunft verschieben? Und nähmen Färben und Verpflanzung nicht allerhand Zeit in Anspruch - Zeit, welche man eventuell besser mit Tätigkeiten verbringt, die einem noch mehr Freude bereiten als OPs? Etwa Sport, Sauna oder Sex? Der Sex-Appeal mangelnden Selbstwertgefühls, der mit Schönheits-OPs dokumentiert wird, ist jedenfalls mickrig. Nein, in dieser Abwägung entschied ich mich für die transparente Vergreisung nebst Zeitgewinn für die schönen Seiten des Lebens. 
Ein ähnlicher Einschnitt wie mein Nasenhaarfund war mein Aussenbandriss im Oktober 2014:


Dreharbeiten in der Schweiz. Morgens wollte ich schnell auf einen Berg hoppeln, war schon fast wieder unten, knickte um und hörte das typisch schnalzende Geräusch. Klarer Fall, Bänderriss. Ärgerlich humpelte ich ins Hotel und bestritt den folgenden Drehtag als sportliche Herausforderung: „So tun wie wenn nichts wäre". Lediglich bei einer Strassenmusikszene in Zürich, an deren Ende ich aus dem Bild gehen sollte, geriet meine Performance etwas staksig. „Jetzt ist mir doch glatt der Fuss eingeschlafen" log ich schmunzelnd. Abends stand ich dann noch mit Heidi Happy auf der Bühne, und nicht zuletzt, weil Dieter Meier im Publikum stand, riss ich mich kräftig zusammen und tanzte zur Querflöte so gut es eben ging. Der anschließende Weg zum Hotel geriet dann allerdings heftig; für 400 m brauchte ich fast eine Stunde. Am nächsten Tag Ärztemarathon, CT, Schiene holen, dann 6 Wochen Laufpause (Fahrradfahren ging). Ich hatte nicht mal das Training übertrieben, fast war‘s eine „Bagatellbewegung". Ok, so ist das eben in der zweiten Lebenshälfte, der Körper wird anfälliger, weniger geschmeidig, die Erholung dauert länger. Und irgendwas ist immer. Mal knackt das Knie, mal zwickt die Hüfte, dann der Fuss. Die schöne Herausforderung besteht nun darin, sich auf jene Bewegungsabläufe zu konzentrieren, die der Körper schmerzfrei hinkriegt; Herz und Kreislauf ist es ja egal, wie sie in Wallung gebracht werden. Skilanglauf ist am besten, klar. Kann ich nicht laufen, wird geradelt, ist hierfür das Wetter zu schlecht, kann man Schattenboxen oder Seilspringen, oder ich fahre mit dem Tretroller durch die Gegend.


Moderates Tretrollern geht (neben Schwimmen) fast immer. In den letzten Jahren ist es zu einer meiner Lieblingssportarten geworden. Alle 5-15 Schritte wechsele ich Stand- und Tretbein. Ein kleiner Klapproller lässt sich prima auf Reisen mitnehmen. Bei Kälte friert man auf dem Roller nicht so schnell wie auf dem Rad, und es sind mehr Muskeln an der Fortbewegung beteiligt. Man braucht auch weniger Spezialkleidung, kommt mit normalen Strassenschuhen gut vorwärts und schafft dabei lange Strecken: 2017 bin ich von Köln nach Arnhem gerollert, in den Niederlanden. Früh morgens los, gegen Abend am Ziel, das sind 180 km. 

Auf dem Tretroller unternahm ich auch eine meiner schönsten Reisen überhaupt, nämlich meine Alpenüberquerung gemeinsam mit meiner Frau Teresa 2017, die eher untrainiert war, aber auch mal über die Berge nach Italien wollte, quasi aus dem Stand. Die goldene Idee: Sie fuhr Mountainbike, ich Tretroller, so waren wir ungefähr in einem Tempo unterwegs. Weiter vorne in diesem Blog findet man ja noch das damalige Reisetagebuch. 






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