Samstag, 6. April 2019

Deutsche Flüsse (3): Wupper



Über die Wupper ging ich neulich.

Erst fühlte ich mich mutig, 

dann abscheulich.


Die Müngstener Brücke ist aus Eisen,

auf ihr kann man von Solingen

im Zug nach Remscheid reisen.


107 Meter hoch, 6 Pfeiler, eine Spur.

Ich fuhr mit Molly in der Nacht

ganz auf die wilde Tour


rüber, schwups, konspirativ

(„Molly" hieß meine Draisine).

Der Versuch ging leider schief:


Auf halbem Wege sprang

bei Molly eine Mutter.

Es machte „Kling" und klang


bereits recht alarmierend;

verschärfend kam‘n Zug entgegen, dessen

Lokführer mit weiten Augen stierend


bremste. Mir dämmerte: Die Mutter war der Vater

aller Muttern; Rad und Achse trennten sich.

Per „Dreimal schwarzer Kater"


und „Lirum larum Löffelstiel"

wollte ich uns heimwärts zaubern.

Allein: Das nütze uns nicht viel;


der Zug schlitterte auf uns zu - 

Quietschen, Funkenflug und Panik

ignorierend nahm ich einen meiner Schuh,


nestelte das Schnürband raus 

und band mich damit am Geländer fest,

klemmte Molly untern Arm; der Zug, o Graus,


nahte heran. Ich sprang hinab.

Die Eisenbahn verfehlte uns um Möhrenlänge

Wir baumelten über der Wupper, knapp.


Das Schnürband war aus Stretch gewoben,

für Bungee-Springen allerdings zu dünn.

Im Mondlicht sah ich Wellen toben,


als mit überlautem Peng

der Senkel riss. Es platschte, Molly tauchte ab,

ich schrie und und schluckte. Streng


schmeckt die schwarze Wupperflut

(für den Verzehr gibt‘s besseres).

Sie löschte meine Lebensglut.


Und die Moral von der Geschicht:

Auf Eisenbrücken nächtens tun undehnbare 

Senkel Not - vertrau auf Stretch-Schnürbänder nicht. 



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