Mittwoch, 22. Mai 2019

Deutsche Flüsse (38): Weser



Mit Spikereifen in den Kindergarten, obwohl schon lange die Kurze-Hosen-Sonne lachte. Wer sich besonders artig gab, durfte den schwarz gekleideten Nonnen beim Schlagen der Glocke zur Hand gehen. Anja hat‘s mehrfach geschafft, ich nie. Vielleicht, weil mir Singen peinlich war. Man nannte mich „Brummer“ - wenn die anderen sangen, durfte ich nebenan zeichnen. In den Pausen wurde Fangen gespielt, immer abwechselnd „Jungs die Mädchen“ und „Mädchen die Jungs“. Letzteres fand ich deutlich spannender. Einmal verbrachten wir einen Sonntag am Strand der Weserinsel Harriersand, mit Blick auf Brake und die majestätisch grüßenden Ozeanriesen. Nachmittags zog ein infernalisches Gewitter auf. Hastig rafften wir das Fernglas, die hartgekochten Eier und das Piz-Buin-Sonnenöl in Mamas Weidenkorb, um im Laufschritt die nächste Fähre zu erreichen. Meine Badehose war weiß mit braunem Muster, inspiriert von Victor Vasarelys Gemälde „Yapoura“ von 1954.

Binnen Minuten war alles dunkel, stürmisch und nass. Kaum legte die Fähre ab, verschwand die Insel wie hinter einem Wasserfall.

Ich habe sie nie wieder gesehen, geschweige denn betreten. 


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