Donnerstag, 7. Februar 2019

Tainted Love

Die gestrige Sendung mit Marc Almond: Mein persönliches Highlight. Schon bei allen Proben war unser Wohnzimmer ungewohnt belebt. Eine Atmosphäre, wie ich sie das letzte Mal in den 90ern erlebte, als Depeche Mode bei RTL Samstag Nacht auftrat. Charismatissimo.
Ich gab mir große Mühe, ihn bei Laune zu halten, etwa mit Jürgen Urigs und meiner privaten Theorie, dass Tainted Love auch deshalb so ein Megahit wurde, weil da ja am Anfang diese schlangenzungenzischartige Elektropercussion ist. Und es steckt uns in den Genen, auf diese Geräusche alarmiert zu reagieren: Man nimmt unwillkürlich die Füsse hoch, um nicht gebissen zu werden. Der Schritt zum Tanzen ist dann klein. Fand er lustig, diese Theorie. Sein einziger Wunsch für die Zukunft: Einfach weitermachen, nach dem Vorbild Charles Aznavours, den er noch mit über 90 auf der Bühne bewunderte. Um ein Selfie hat ihn gestern niemand gebeten, dafür war bei uns allen die Ehrfurcht gar zu groß. Aber meine Managerin Steffi hat uns beim offiziellen Fototermin mitgeknipst. Jetzt hat sie kein Bild, Mist; ich werde ihr bei Gelegenheit eines fotoshoppen. 
Zurück zum Sport. Wo war ich? Ach ja, Ski Heul. Passt ganz gut, denn einen weiteren meiner „Helden in der Wirklichkeit", wie der FAZ-Fragebogen sie nannte, ist seit unserem 24-Stunden-Skilanglauf der Dresdener Uwe Weist. Kam mit preisgünstigen Nowax Ski angereist und legte Runde um Runde im Marschierschritt zurück, betreut von seiner Frau. Und wenn wir Jungspunde pausierten, nahm er nur kurz einen Schluck aus der Pulle und stiefelte weiter. Seine Beharrlichkeit hat uns damals tief beeindruckt. Außerdem ist er ein feiner Kerl, angenehm entspannt, nicht anders als Marc Almond. Wahrscheinlich ist auch Uwes Ziel, einfach weiterzumachen, so lange es geht. Aznavourianer auch er.
Im Sport habe ich so einige persönliche Helden. Etwa Baron Rokeby (1733-1800), der in Kent lebte. 

Der Träger eines immer länger werdenden Bartes (reichte in späten Jahren angeblich bis zum Boden) war ausgesprochen schwimmbegeistert, schwamm zunächst bei Wind und Wetter stundenlang im Meer. Später baute er sich eine Art Orangerie mit Schwimmbecken, in dem er seine Tage verschwamm. Der freundliche Exzentriker ging immer seltener an Land, lebte schließlich amphibisch wie ein Frosch und wäre sogar mehrfach fast ums Leben gekommen, als er nämlich im Wasser das Bewusstsein verlor. Er ernährte sich ausschließlich von Fleischbrühe und Wildbret, heizte nie und war bei seinen Freunden berüchtigt für seine enorm langen, langweiligen Gedichte, die er ihnen im Leierton vortrug.
Meine Lieblingssportler sind, wie mir soeben auffällt, fast alle Schwimmer. Ganz oben rangiert bei mir Gertrude Ederle, die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm.
Die New Yorkerin gewann bei den Olympischen Spielen 1924 einmal Gold und zweimal Bronze, ehe sie 1926 von Cap Gris-Nez nach Dover schwamm, brutto 56 km in 14 Stunden und 32 Minuten. Ganz nebenbei: Ederle war die erste Sportlerin, die einen Werbevertrag hatte, nämlich mit Rolex. Sie trug während ihrer Ärmelkanaldurchquerung das erste wasserdichte Modell. 
Bereits als Kind war „Trudy", wie man sie in USA nannte (und nennt) schwerhörig, und mit ihrer Ärmelkanaldurchquerung verschlechterte sich ihr Hörvermögen rapide. Man nimmt an, dass das Salzwasser ihre Trommelfelle angegriffen hatte. Taub war sie spätestens ab 1940, zudem durch eine Wirbelsäulenverletzung zwischen 1933 und 1939 an den Rollstuhl gefesselt. Nachdem sie durch unermüdliches Training wieder laufen gelernt hatte, brachte sie täglich taubstummen Kindern das Schwimmen bei - bis sie 2003 im Alter von 98 Jahren starb. 



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